Klimakolumne:Weniger Tiere essen

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Klimakolumne: Die Schweinehaltung steht aufgrund fallender Preise stark unter Druck.

Die Schweinehaltung steht aufgrund fallender Preise stark unter Druck.

(Foto: Florian Peljak)

Vieles spricht gegen Fleischkonsum: Klimakrise, Hungersnöte, bedrohte Artenvielfalt. Nun will sogar die Bundesregierung fleischarme Ernährung fördern. Nur wie?

Von Thomas Hummel

Was würde passieren, wenn die Deutschen weniger Fleisch und Milchprodukte konsumieren würden? Löst sich dann gleich ein ganzer Haufen von Problemen und Missständen? Es wäre immerhin möglich.

Laut Statistischem Bundesamt werden in Deutschland pro Tag im Schnitt mehr als zwei Millionen Tiere geschlachtet. 1,7 Millionen Hühner, 151 000 Schweine, 94 000 Puten. Dazu stehen 4,3 Millionen Milchkühe im Stall. Die allermeisten dieser "Nutztiere" sind auf Hochleistung gezüchtet, ihre Muskeln wachsen schnell, sie geben viel Milch oder legen viele Eier. Sie brauchen große Mengen an Kraftfutter. 58 Prozent der gesamten Ernte in Deutschland landet direkt in den Futtertrögen. EU-weit sind es 70 Prozent. Dazu kommen Futter-Importe, etwa aus Südamerika.

Würden hier weniger Tiere gehalten, würde man weniger Futter brauchen, das mit Düngemitteln und Pestiziden erzeugt wird. Stattdessen mehr Platz für Moore, Brachen oder Auen. Mehr Öko-Landbau. Das hilft der Artenvielfalt, weil sich die Wildtierbestände erholen können. Und es hilft dem Klimaschutz, weil sich natürliche CO₂-Senken bilden und weil die Herstellung von Düngemitteln jede Menge Treibhausgase produziert. Aktuell könnte man zudem einen Beitrag gegen drohende Hungersnöte in Afrika oder im Nahen Osten leisten: Getreide für die Menschen statt für die Nutztiere.

Global gesehen nutzen solche Maßnahmen allerdings nur, wenn die Nachfrage nach Fleisch und Milcherzeugnissen sinkt, sonst wandert die Produktion ins Ausland. Im gerade erstellten Entwurf des Klimaschutz-Sofortprogramms 2022 steht: "Es ist Ziel der Bundesregierung, nachhaltige und fleischarme Ernährungsweisen zu fördern." Nur wie?

Greenpeace etwa fordert, die Mehrwertsteuer auf Fleisch und Milchprodukte von sieben auf 19 Prozent zu erhöhen, und bei pflanzlichen Produkten zu senken. Ein katholischer Religionslehrer an einem Münchner Gymnasium hat sich eine andere, etwas rabiate Methode überlegt. Er zeigt den Teenagern im Unterricht Dokumentationen über Tierhaltung und aus den Schlachthöfen. So manche Jugendliche kam danach bleich nach Hause und verkündete, nie wieder Fleisch zu essen. Vielleicht sollte man lieber Erwachsene nötigen, sich das anzusehen? Achim Spiller, Professor für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Uni Göttingen, hat dazu eine Studie gemacht. Sie ergab, dass Menschen selbst auf Bilder aus rechtskonformen Schweine- oder Geflügelställen mehrheitlich ablehnend reagieren.

Die Zahl der Vegetarier und Veganer ist zuletzt stark gestiegen, der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch in Deutschland geht langsam zurück. Das betrifft fast ausschließlich das Schweinefleisch, weshalb die Züchter unter enormem Druck stehen. In den vergangenen zehn Jahren schlossen mehr als 12 000 Züchter ihren Betrieb, ein Minus von 39 Prozent. Die Zahl der gehaltenen Schweine reduzierte sich um knapp 14 Prozent. Aktuell fällt wieder der Preis für Schweinefleisch, weil das Angebot die Nachfrage übersteige, wie die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften mitteilt. Aber reicht das schon für eine breite Umstellung der Landwirtschaft, hin zu mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz, weniger Fleisch?

Die Branche hofft jetzt auf die Grillsaison.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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