Wer an die südfranzösische Camargue denkt, hat oft ein klares Bild vor Augen: weite Wasserflächen, Salzwiesen und mittendrin Hunderte Flamingos, die auf langen Beinen durch das seichte Wasser staksen. Doch diese Vögel verhalten sich sehr unterschiedlich. Einige bleiben ihr ganzes Leben in der Region – man nennt sie Standvögel. Andere packt jedes Jahr das Fernweh und sie ziehen nach Spanien, Italien oder sogar Nordafrika, um dort zu überwintern. Ein internationales Forschungsteam hat nun in einer über 40 Jahre laufenden Langzeitbeobachtung herausgefunden, dass die Entscheidung für oder gegen das Reisen Folgen hat – nicht nur für den Moment, sondern für die gesamte Lebensspanne.
Zunächst scheint das Leben der Standvögel einfacher. Sie müssen die gefährliche und kräftezehrende Reise nicht antreten und haben so in ihren jungen Erwachsenenjahren klare Vorteile: Ihre Sterblichkeit ist geringer und sie pflanzen sich häufiger fort als die Zugvögel. Doch die Rechnung für dieses komfortable Leben folgt im Alter: Wie das Team nun in der Fachzeitschrift PNAS berichtet, werden die sesshaften Flamingos offenbar schneller alt.

Die Forscher um den Biologen Hugo Cayuela von der Universität Lyon vermuten dahinter einen fundamentalen biologischen Kompromiss: Da die Standvögel ihre Ressourcen verstärkt in die frühe Fortpflanzung investieren, bleibt weniger Energie für die „Reparatur“ und Instandhaltung des eigenen Körpers übrig. Das Team vermutet, dass diese hohe reproduktive Anstrengung zu einer schnelleren Ansammlung von physiologischen Schäden führen kann, etwa durch oxidativen Stress. Ihre Fähigkeit, sich fortzupflanzen, nimmt daher rascher ab, und auch das allgemeine Sterberisiko steigt im Alter steiler an.
Wer die Strapazen des Reisens übersteht, könnte später profitieren
Die Zugvögel hingegen gehen früh im Leben durch das Reisen höhere Risiken ein. Doch wer die Strapazen übersteht, scheint im Alter davon zu profitieren. Da sie sich seltener fortpflanzen, könnte sich ihr Körper langsamer abnutzen. Der Alterungsprozess setzt bei ihnen im Schnitt später ein. Erst mit fast 22 Jahren beginnt ihre Brutwahrscheinlichkeit zurückzugehen, verglichen mit etwa 20,4 Jahren bei den Standvögeln.
„Die Ursachen für Veränderungen in der Alterungsrate zu verstehen, ist ein Problem, das Forscher und Universalgelehrte seit der Antike beschäftigt“, sagt Hugo Cayuela laut einer Pressemitteilung der Universität. Die Flamingo-Studie zeige nun eindrücklich, dass nicht nur Gene, sondern auch Verhaltensweisen wie die Migration einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie schnell ein Lebewesen altert.
Seit 1977 markiert das Forschungsinstitut Tour du Valat in der Camargue junge Flamingos mit Ringen, die aus der Ferne abgelesen werden können. „Dies ist ein einzigartiger Datensatz, der sich als unschätzbar für das Verständnis der Mechanismen des Alterns in Tierpopulationen erweist“, erklären die Mitautoren Arnaud Béchet und Jocelyn Champagnon in der Pressemitteilung. Die Forscher hoffen, mithilfe von Erkenntnissen wie denen über die eleganten Vögel aus der Camargue künftig besser erklären zu können, welchen Einfluss individuelles Verhalten auf das Altern von Wildtieren hat.
