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Artenschutz:Eine Boje mit Stielaugen soll Enten retten

Horror für Seevögel: Große Augen an einem langen Stiel.

(Foto: Andres Kalamees/Andres Kalamees)

Hunderttausende Seevögel verenden jedes Jahr in Fischernetzen. Nun haben Forscher schwimmende Vogelscheuchen getestet.

Von Tina Baier

Mit Fischernetzen fängt man Fische - eigentlich. Traurige Tatsache ist aber, dass sich jedes Jahr auch etwa 400 000 Seevögel in den Maschen verheddern, nicht mehr zum Luftholen auftauchen können und ertrinken. Eine Art Hotspot für dieses Problem ist die Ostsee - allein dort sterben jährlich etwa 76 000 Meeresenten, Seetaucher und andere Vögel als Beifang in Stellnetzen, die senkrecht im Wasser hängen und von den Tieren nicht als Gefahr erkannt werden.

Ein Team um den britischen Biologen Yann Rouxel vom Birdlife International Marine Programme hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sich das verhindern ließe, und ist dabei auf eine ungewöhnliche Idee gekommen: die Stielaugen-Boje.

Das seltsame Teil, das die Forscher in der Zeitschrift Royal Society Open Science beschreiben, besteht aus einer gelben Boje mit einem weit aus dem Wasser ragenden Stiel, an dessen oberem Ende ein paar riesige Kulleraugen befestigt sind. Die schwimmende Vogelscheuche könnte in der Nähe der Stellnetze befestigt werden und Seevögel davon abhalten, dorthin zu schwimmen, so die Überlegung.

Tiere aus einem Schutzgebiet zu verscheuchen, ist absurd

Dass die Stielaugen-Boje zu funktionieren scheint, haben die Forscher in einer Ostsee-Bucht vor der estnischen Insel Saaremaa (dt.: Ösel) gezeigt, wo viele Seevögel überwintern. Dort markierten sie zwei 25 000 Quadratmeter große Beobachtungsgebiete. In dem einen installierten sie ihre Stielaugen-Bojen, in dem anderen herkömmliche Bojen, die Fischer üblicherweise verwenden, um ihre Stellnetze zu kennzeichnen. 62 Tage lang zählten sie dann, wie viele Seevögel sich auf den beiden Beobachtungsflächen aufhielten.

Die Auswertung der Daten ergab, dass sich im Umkreis von 50 Metern um die Stielaugen-Bojen tatsächlich bis zu 30 Prozent weniger Seevögel aufhielten als im Kontrollgebiet. Mehr als 90 Prozent der beobachteten Tiere waren Eisenten, eine Art, die speziell in der Ostsee besonders bedroht ist. Die Bestände sind wegen der Stellnetzfischerei dramatisch zurückgegangen, sodass die ehemals häufige Art dort mittlerweile als gefährdet gilt.

Dass die Stielaugenboje so gut als Vogelschreck funktioniert, führt Rouxel vor allem auf zwei Merkmale zurück: Der über der Wasserfläche aufragende Stiel wirkt wahrscheinlich abschreckend, weil viele Vögel, aber auch andere Tiere wie Amphibien oder Primaten Angst vor hoch aufragenden Strukturen haben: Vermutlich befürchten sie, dass oben ein Räuber sitzt, der sich auf sie stürzen könnte. Und dass Vögel Angst vor Augenmotiven haben, ist schon länger bekannt. Besonders dann, wenn wie bei der Boje halbmondförmige Strukturen in die Pupille eingezeichnet sind.

Ingo Ludwichowski, Biologe beim Nabu Schleswig-Holstein, sieht die Studie trotzdem mit gemischten Gefühlen. "Die Vergrämung der Vögel ist nur eine Scheinlösung", sagt er. Im deutschen Teil der Ostsee hängen nämlich viele Stellnetze ausgerechnet in Regionen, die eigentlich als Schutzgebiete ausgewiesen sind. "Die Vögel aus einem Gebiet zu vertreiben, das eigentlich eine Schutzzone für sie sein sollte, ist absurd." Er plädiert dafür, die Fischerei in diesen Regionen ganz zu verbieten oder die Stellnetze wenigstens durch nach oben offene Reusen zu ersetzen, aus denen die Vögel leichter wieder entkommen können.

© SZ
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