Süddeutsche Zeitung

Fischerei:Der letzte Schwarm

Portugals Sardinen-Fischerei steckt in der schwersten Krise ihrer Geschichte: Die Bestände schrumpfen immer weiter. Nicht einmal Experten können sich erklären, warum das so ist.

Von Bernd Schröder

In dieser Vollmondnacht herrscht im Hafen von Matosinhos bei Porto ein Treiben, wie man es hier schon seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Alle Traineiras mit Heimathäfen von Sesimbra bis hoch zur spanischen Grenze sind da. Um 23 Uhr machen 50 der typischen Ringwadenboote die Leinen los. Scheinwerfer zerschneiden das Dunkel, Motorenlärm und Dieselgeruch legen sich über das Hafenbecken. Von auslaufenden Booten wehen Flüche und Gesang herüber. Rund 1000 Fischer sind auf dem Weg zu ihrem Ziel: 30 Kilometer weiter westwärts steht seit Tagen die Sardelle.

Im Pulk fährt auch die Camacinhos, zunächst. Dann trifft Skipper José Pereira eine Entscheidung. Noch eine freundschaftliche Schmähung Richtung Nachbarboot in den Fahrtwind gesandt, dann lässt er sein Boot mit Südkurs ausscheren, hin zu Fanggründen, in denen er Sardinen vermutet. Seine Rechnung ist einfach - eigentlich. Wenn alle Fischer Sardellen heimbringen, werden seine Sardinen einen guten Preis erzielen. "Jetzt müssen wir sie nur noch finden!", sagt Pereira. Das aber kann schwierig werden, denn die Sardine macht sich rar. Früher wurden hier jährlich viele zehntausend Tonnen gefischt. Heute jedoch steckt die Sardinenfischerei in einer Krise, wie sie hier noch keiner erlebt hat.

2015 wurden 13 729 Tonnen Sardinen über die Fischauktionen des Landes verkauft, die geringste jemals erfasste Jahresmenge in Portugal. Das sind nicht einmal 40 Prozent von dem, was hier schon im Jahr 1900 in die Netze ging, mit viel einfacheren Fangmethoden. Der Landesrekord im Sardinenfang von 1964 liegt bei heute kaum mehr vorstellbaren 157 736 Tonnen. Seit den 1980er Jahren ging die Fangmenge allmählich zurück. Seit dem Jahr 2011 jedoch ist sie geradezu eingebrochen.

"Jetzt müssen wir sie nur noch finden!", sagt der Skipper. Doch das kann schwierig werden

Zeitliche und räumliche Schwankungen des Bestands sind zwar typisch für die kleinen Fische im offenen Wasser, auf die es die Fischer mit ihren Ringwaden abgesehen haben. Doch bei der Sardine gibt es ein Problem - seit mehr als einem Jahrzehnt ist der Nachwuchs knapp. Die Gründe dafür sind unklar. Sicher ist nur: Zwischen 2007 und 2015 ist der Bestand um 70 Prozent zurückgegangen, außerdem sind Größe und Verteilung der Laichgebiete geschrumpft.

Die Biologin Alexandra Silva bewertet am Meeres- und Atmosphäreninstitut IPMA in Lissabon den Zustand der Sardinenbestände. Sie glaubt nicht an eine einzelne Ursache des Rückgangs - zu komplex ist der Lebenszyklus des im marinen Ökosystem eingebundenen Fischs. "Nehmen wir die Japanische Makrele", sagt Silva: "Sie konkurriert mit der Sardine um dieselbe Nahrung." Die Biologen konnten feststellen, dass die Anzahl der Neuzugänge bei beiden Arten über die Jahre im Wechsel schwankt: Sind es bei der einen viele, hat die andere wenige, und umgekehrt. Das ist auch bei anderen Arten so, die miteinander in direkter Konkurrenz stehen. "Zurzeit beleuchten wir die Wechselwirkungen in der Nahrungskette genauer. Davon versprechen wir uns zumindest einen Teil der Erklärung", sagt Silva. Einen anderen wichtigen Teil des Puzzles vermuten die Forscher in veränderten Umweltbedingungen. Wird etwa das Wasser wärmer, hat das einen Einfluss auf die Plankton-Nahrung, welche die Sardinen vertilgen.

Und dann ist da noch die Fischerei selbst. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, erkennen die Wissenschaftler vom IPMA für die zurückliegenden 40 Jahre keine zu starke Befischung. Der Fischereidruck, also der Anteil gefangener Fische, ist momentan auf einem Allzeittief. Daran sollte sich indes nach Ansicht der Biologen vorerst auch nicht viel ändern: 2016 wurden zwar wieder etwas mehr Sardinen beobachtet, aber die Zunahme sei noch zu gering, sagt Silva. "Um das Fortpflanzungspotenzial des Bestands zu verbessern, brauchen wir eine hohe Überlebensrate bei den Jungfischen. Ob es gelingt, hängt von den Umwelteinflüssen ab, und von einem der Situation angepassten Fischereidruck."

Im Hafen von Matosinhos befindet sich die Zentrale von Propeixe, der größten Sardinenproduzenten-Vereinigung Portugals. Sie hält 20 Prozent der Sardinenquote des Landes. Zu Propeixe gehören 20 Traineiras, auch die Camacinhos. Die Fischer arbeiten küstennah - wenn sie gerade dürfen. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Fangstopps verhängt. Für die Besatzungen heißt das: kein Verdienst. Lohn gibt es nur, wenn auch gefischt wird.

Skipper José wertet die Bildschirme aus und ist sicher: "Sardinen!"

Bei Agostinho da Mata laufen die Fäden zusammen. Der charismatische Chef, Mitte 50, stammt aus einer Fischerfamilie und ist seit mehr als 20 Jahren Präsident von Propeixe. Das letzte richtig gute Sardinenjahr mit viel Nachwuchs war 2004, er erinnert sich noch gut daran. Und wann war zuletzt eine Saison halbwegs in Ordnung? Da bemüht Agostinho da Mata vorsichtshalber die Unterlagen: Das war 2011. "Seitdem haben wir keine Abnahme-Verträge mit der Konservenindustrie mehr, die Quoten sind einfach zu gering. Die bekommt ihren Fisch jetzt aus Spanien und Marokko."

Die augenblickliche Sardellen-Bonanza ist da ein Segen. Für Sardellen gibt es Absatz auf dem spanischen Markt. Um den Fang anderer Arten wie Japanischer Makrele oder Stöcker für die Fischer lohnend zu machen, müsste erst die Nachfrage angekurbelt werden. Drei Milliarden Euro gaben Portugiesen 2013 für Fisch aus, 14,5 Prozent davon für Sardinen. Stöcker und Makrelen brachten deutlich weniger ein.

An Bord der Camacinhos nutzt die Besatzung von 20 Männern die Zeit zu einer Ruhepause. Schon ihre Väter und Großväter waren Sardinenfischer. Skipper José ist seit über 40 Jahren im Geschäft. Sardinen-Krisen sind für die Fischer von Matosinhos keine Neuheit. Wie die der 1960er-Jahre, als der Sardinenbestand vor Portugal kollabierte: Nach den zwei stärksten je registrierten Sardinenjahrgängen 1954 und 1956 hatten die Fischer die Bestände vermutlich zu stark ausgebeutet. Vorangegangen war eine technologische Revolution: hydraulische Netzwinden, Netze aus Kunstfasern und moderne Ortungstechniken hatten die Traineira binnen Kurzem in ein äußerst effizientes Fischereifahrzeug verwandelt.

Sie sollen weniger fischen, damit die nächsten Jahre eventuell wieder besser werden?

Auch die frühen 1980er-Jahre haben vielen hier noch schmerzhaft vor Augen. Die Zahl der Traineiras hatte sich in Portugal in nur zehn Jahren halbiert. Dutzende stillgelegte Boote verrotteten im Hafen. Die Sommerhitze ließ das Holz spröde und die Wanten löchrig werden, die folgenden Winterstürme versenkten ein Boot nach dem anderen. Ihre Metallteile liegen heute noch im Hafenbecken.

Doch der aktuelle Verlauf der Fangzahlen deutet womöglich noch größere Probleme an als damals. Noch im Januar 2010 war die Portugiesische Sardine mit dem MSC-Siegel des Marine Stewardship Council als "nachhaltig" zertifiziert worden. Im August 2014 wurde die Zertifizierung aufgrund der zu niedrigen Größe des Bestands bereits zum zweiten Mal ausgesetzt, dabei dürfte es vorerst bleiben.

Kleine Fische

Die Europäische Sardine zählt zur Familie der Heringe. In den atlantischen Gewässern der EU gibt es zwei Hauptbestände der Unterart Sardina pilchardus Walbaum. Der nördliche wird vor allem von Frankreich, Spanien und Großbritannien genutzt, Portugal und Spanien teilen sich den iberischen Bestand. Doch während der nördliche Bestand wächst, ist der iberische zusammengebrochen.

Tagsüber lebt die Sardine in Tiefen von bis zu 100 Metern, nachts steigt sie auf bis fast an die Oberfläche. Die Fortpflanzung findet vor der portugiesischen Küste vor allem zwischen Dezember und Februar statt. In der Laichzeit kann jedes Weibchen wiederholt mehr als 50 000 Eier absetzen.

Sardinen wachsen schnell, sie können 14 Jahre alt und 27 Zentimeter lang werden. Sie ernähren sich ausschließlich von Plankton. Die Fische schließen sich zu großen Schwärmen zusammen, die es auf weit mehr als zehn Tonnen Gewicht bringen können. Diese Verteidigungsstrategie gegen Räuber wie Delfine oder Tölpel erweist sich als wenig vorteilhaft, wenn die Sardinen ihrem unersättlichsten Fressfeind begegnen - dem Menschen.

Ringwadennetze sind zwar für die Lebewesen im Meer viel schonender als etwa Grundschleppnetze. Trotzdem haben die Fischer Meinungsverschiedenheiten mit den Meeresbiologen. Die Fangmengen werden von der Generaldirektion Naturressourcen (DGRM) festgelegt. "Sie berücksichtigt auch soziale und wirtschaftliche Interessen der Fischereistandorte", sagt IPMA-Präsident Miguel Miranda. "Doch letztlich ist es die wissenschaftliche Empfehlung, über die der Bestand gemanagt wird." Die Fischer ihrerseits halten von Fangmengenempfehlungen wenig, die anhand von Modellen erstellt wurden. Aber selbst wenn ihre Erfahrungen mehr einbezogen würden, an ihrer Zwangslage würde das nichts ändern: Sie sollen weniger fischen, damit die nächsten Jahre eventuell wieder besser werden. Doch die auflaufenden Rechnungen müssen schon heute bezahlt werden. Von welchem Geld?

Nach zwei Stunden Fahrt melden Echosonde und Sonar auf der Camacinhos einen Schwarm. Skipper José und sein Bootsmann Ricardo werten die Bildschirme aus, sie sind sicher: "Sardinen!" Der Skipper betätigt die Sirene, die die Mannschaft aus dem Halbschlaf holt, er brüllt: "Bote abaixo!" Zwei Männer springen ins Beiboot, das mit einem Netz-Ende zu Wasser gelassen wird. Sie werden hier warten, bis das Netz um den Schwarm gelegt ist. Die Camacinhos fährt nun zügig im Kreis um den Schwarm, während das Netz ins Meer rauscht. Zwei Tonnen Blei reißen seinen unteren Rand 160 Meter in die Tiefe, während Korkschwimmer den oberen an der Oberfläche halten. Die Sardine ist schwer zu fangen, sie kann den Weg in die Freiheit finden, so lange das Netz noch offen ist. Darum müssen die Fischer schnell sein.

Noch zu Jahresbeginn hatte es nicht danach ausgesehen, dass sie heute Nacht überhaupt fischen würden. Die ursprüngliche Fang-Empfehlung des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) für das Jahr 2016 hatte unter den Fischern Entsetzen ausgelöst: der Sardinenfang in den iberischen Atlantik-Gewässern sollte die 1600-Tonnen-Marke nicht übersteigen, nur so sei eine Erholung möglich. Für die Ringwadenfischerei wäre das der amtliche Totenschein gewesen. Aufgrund neuer Beobachtungsdaten vom Frühjahr aktualisierte der ICES die Empfehlung. Die Europäische Kommission bestätigte für 2016 schließlich eine Obergrenze von 17 000 Tonnen Sardinen.

In dieser Nacht jedenfalls haben die Männer auf der Camacinhos Glück. Sie erwischen einen gemischten Schwarm. In schweißtreibender Arbeit holen sie die pro Tag erlaubten dreieinhalb Tonnen Sardinen aus der Ringwade, und noch einmal so viel Stöcker - unter den Umständen ein guter Fang. Die Fischer sind zufrieden.

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Quelle:
SZ vom 13.04.2017/fehu
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