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Farbpsychologie:Vorteil für Rot

Farben verdrehen Menschen in allen Lebenslagen den Kopf - ob sie einkaufen, einen neuen Partner suchen oder an Wettkämpfen teilnehmen. Die Wirkung von Rot und Blau lässt sich vorhersagen.

Besonders attraktiv sah die Frau nicht aus. Mitte 20, braunes, halblanges Haar, neutraler Gesichtsausdruck, dazu trug sie ein wenig aufregendes blaues Oberteil - ein Durchschnittstyp, urteilte eine Gruppe männlicher Probanden, als die Frau am Computerbildschirm auftauchte.

Im Vorteil: Die Leistung rotgekleideter Taekwondo-Kämpfer wird besser eingeschätzt als die ihrer farblich unauffälligeren Kontrahenten.

(Foto: Foto: AP)

Dann änderten die Psychologen um Andrew Elliot von der Universität Rochester die Farbe des Pullovers in ein feuriges Rot. Das weckte bei einer Vergleichsgruppe von Männern plötzlich großes Interesse.

Die Frau in Rot erzeugte eine fast doppelt so hohe Bereitschaft für ein Treffen und sogar 100 Dollar für einen gemeinsamen Restaurantbesuch auszugeben. Dass sie von der Farbe des Pullovers gelenkt wurden, kam keinem der Männer in den Sinn.

Mit ihrem Verhalten hatten die Probanden die Ansichten einer zunehmenden Zahl von Psychologen gestärkt: "Farbe ist nicht nur Ästhetik, Farbe hat eine Funktion", sagt Elliot.

Farben wirken im Unbewussten, und dort verdrehen sie Menschen in allen Lebenslagen den Kopf: bei der Partnerwahl, während der Arbeit, beim Einkaufen und bei der Entscheidung für ein Getränk. "Es reicht, eine Farbe nur einen Moment lang wahrzunehmen, damit sie ein vorhersagbares Verhalten auslöst", sagt Elliot.

Wie das funktioniert, haben Wissenschaftler vor allem am Beispiel Rot untersucht - der Farbe, bei der sich Forscher einig sind, dass sie neben erlernten auch angeborene Reaktionen bei Mensch und Tier hervorruft. In Befragungen verbinden Menschen Rot übereinstimmend mit Begriffen wie Liebe, Lust, Erotik.

Aggressives Rot

Die biologischen Grundlagen für diese Assoziation kann man bei jedem Zoobesuch nachvollziehen: Schimpansen- oder Makakenweibchen stolzieren dort mit flammend roten Genitalien umher, um ihre Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Ursache ist das Hormon Östrogen, das der Körper zum Zeitpunkt des Eisprungs vermehrt ausschüttet und damit den Blutfluss in einigen Körperregionen verstärkt.

Auch erröten Frauen in der Mitte des Zyklus leichter. Wie sich die biologischen Signale verstärken lassen, erkannten Frauen schon im alten Ägypten: mit Lippenstift und Rouge, hergestellt aus rotem Ocker.

"Wir kommunizieren mit Farben wie mit einer allgemein verständlichen Sprache", sagt der Psychologe Elliot. Wie in jeder Sprache kann dabei dasselbe Symbol verschiedene Bedeutungen haben. Rot wirkt nicht nur anziehend, es weckt auch Misstrauen und Wachsamkeit, hält auf Abstand und schüchtert ein.

Die Verhaltensbiologin Sarah Pryke von der Macquarie University in Sydney züchtete verschiedene Linien von Prachtfinken, die entweder rote, schwarze oder blaue Schopffedern besaßen. Dann setzte sie jeweils einen roten Finken zusammen mit einem schwarzen oder blauen in einen Käfig mit einem Futterautomaten. Die hungrigen Vögel, so hatte es die Biologin geplant, würden sich darum streiten, an die Körner heranzukommen.

Doch die Vögel lösten den Konflikt ohne Zank. "Die Finken mit rotem Schopf gewannen jedes Mal, weil Vögel mit schwarzen oder blauen Federn sie gar nicht erst herausforderten", berichtet Pryke. Selbst Finken, die noch nie im Leben einen rotbeschopften Artgenossen gesehen hatten, gaben von Anfang an klein bei. Sie hatten zudem eine um 58 Prozent höhere Konzentration des Stresshormons Corticosteron im Blut. "Die Vögel haben eine angeborene Angst vor Rot", sagt Pryke.

Das gilt nicht nur für Vögel. Die britischen Anthropologen Russell Hill und Robert Barton stellten fest, dass bei den Olympischen Spielen in Athen vor fünf Jahren rotgekleidete Boxer und Ringer häufiger gewannen als ihre Konkurrenten im blauen Dress. "Natürlich entscheiden vor allem Kraft und Geschick darüber, wer den Kampf gewinnt", sagt Barton. "Aber wenn die Gegner ebenbürtig sind, kann die Kleidungsfarbe wohl den Ausschlag geben."

Farben - eine Orientierungshilfe

Doch ihre Siege verdanken die Roten nicht nur der Angst, die ihre Kleidung dem Gegner einflößt. Auch die Schiedsrichter bevorzugen unbewusst rotgekleidete Sportler, vermutet der Münsteraner Sportpsychologe Norbert Hagemann.

Um seine Theorie zu prüfen, zeigte Hagemann erfahrenen Taekwondo-Richtern Videoclips mit Wettkampfszenen und bat sie, Punkte zu vergeben. Dann zeigte der Psychologe dieselben Kampfszenen ein zweites Mal, wobei er die Farben der Sportler virtuell vertauschte. Wer vorher in Rot gekämpft hatte, trug jetzt Blau und umgekehrt.

Prompt änderten auch die Schiedsrichter ihre Punkteverteilung - jedes Mal zugunsten der Rotgekleideten. "Beim Taekwondo müssen die Schiedsrichter extrem schnell entscheiden", sagt Hagemann. "Deshalb greifen sie unbewusst auf Dinge zurück, die nichts mit dem eigentlichen Kampfgeschehen zu tun haben. Je unsicherer die objektiven Informationen sind, umso empfänglicher sind Schiedsrichter für solche Verzerrungen." Man müsse erwägen, rote Kleidung in den Kampfsportarten zu verbieten, folgert Hagemann.

"Das Farbsehen dient dazu, Formen voneinander abzugrenzen", sagt Axel Venn von der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hildesheim. Das gilt im Kampfsport, wenn es darum geht, herumwirbelnde Arme und Beine den richtigen Personen zuzuordnen, ebenso wie in der Natur, wo derjenige einen klaren Überlebensvorteil hat, der rote, süße Früchte von den ungenießbaren grünen Stängeln unterscheiden kann. Farben liefern Unterscheidungsmerkmale und damit auch eine Hilfe, sich deutlicher und schneller an Erlebtes oder Gesehenes zu erinnern.

Welche Farben welche Form von Denkprozessen anregen, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Farbpsychologie

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