Faltenlos dank Botox:Die Schönheit der Unvollkommenheit

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Die Botox-Forscherin, die gern selbstironisch erzählt, dass sie seit 1987 nicht mehr die Stirn gerunzelt habe, ist gewohnt, dass ihr Aussehen kritisch geprüft wird: "Ich erzähle den Leuten dann offen, was ich alles an mir machen ließ." Zum Beispiel eine komplette Gesichtsstraffung vor zehn Jahren, oder eine Liderkorrektur, natürlich Botox-Injektionen, Gewebefüller und andere Schönheitsprozeduren.

Neunzig Prozent von Jeans Patienten sind Frauen. Ihre Assistentin ist eine ehemalige Miss Canada aus dem Jahr 1967. Carruthers' Angestellte können sich kostenlos in der Praxis verjüngen lassen.

Botox dient, das betont Jean Carruthers immer wieder, nichts anderem als der Wiederherstellung des Selbstbewusstseins. "Wir geben unseren Patienten, was sie wollen", sagt die Kanadierin, der eine mütterliche Ader nachgesagt wird, "das macht uns glücklich."

Doch dann argumentiert sie überraschend für die Schönheit der Unvollkommenheit: "Ich bin für die Unterbehandlung", sagt sie. "Wenn man die Augenbrauen korrigiert, dann lässt man vielleicht die Krähenfüße stehen. Oder man macht die Wangen und dafür die Stirnfalten nicht."

Ihr Mann Alastair, 64, ein gutaussehender sportlicher Typ, der sein volles graues Haar effektvoll mit einem lila Hemd kontrastiert, bekräftigt: "Keine Goldfischlippen, starrenden Augen und hohlen Wangen." Er selbst entfernte sich die Längsfalten auf der Stirn, "weil sie bedrohlich wirken könnten." Er ließ sich auch Botox unter die Achseln spritzen, um das Schwitzen zu stoppen.

"Man hielt die Sache für frivol"

An der Wand hinter ihm hängen Dutzende von Diplomen, Auszeichnungen und Forschungspapieren, Belege dafür, dass seine Tätigkeit ernst genommen werden will. Das Paar erforscht bis heute intensiv weitere mögliche Anwendungen in der kosmetischen Medizin und hat mehrere Studien veröffentlicht.

Für die deutsche Merz-Gruppe untersuchten die beiden drei Jahre lang das Nervengift Xeomin. Die Carruthers halten jährlich bis zu 30 Vorträge, und Jean wurde zum Ehrenmitglied der Amerikanischen Vereinigung für Dermatologie erkoren.

"Wir haben eine anerkannte Reputation in der Welt der Wissenschaft", sagt die Tochter britischer Ärzte, die in die kanadische Provinz Manitoba auswanderten. Dass es zuerst Hautärzte waren, die Botox als kosmetische Behandlung akzeptierten, und nicht die Schönheitschirurgen mit dem Skalpell, ist für Alastair Carruthers logisch. "Die Dermatologen fühlen sich wohl mit der Nadel in der Hand", sagt er.

Anfänglich sei ihre Entdeckung aber auf wenig Aufmerksamkeit gestoßen, erinnert er sich: "Man hielt die Sache für frivol." Selbst die Hersteller-Firma von Botox, Allergan, habe zunächst nichts von einer kosmetischen Behandlung wissen wollen. "Die sagten, wir sind ein Pharma-Unternehmen", sagt Alastair.

Aber ein neuer Konzernchef öffnete 1997 das Tor zur globalen Vermarktung. Die Carruthers wurden plötzlich auf der ganzen Welt eingeladen. Die britische Zeitung Observer wählte Alastair Carruthers vor zwei Jahren als einen der "fünfzig Männer, die Frauen wirklich verstehen".

"Das Leben in der Welt der Kosmetik habe ich ganz sicher genossen", bekennt der Liebhaber teuren Weins. Das seit 36 Jahren verheiratete Ärzteteam hält wegen des unterschiedlichen Arbeitsstils die Praxisräume getrennt - "weil wir verheiratet bleiben wollen", sagt Jean.

Mehr als Botox

Sie hatte ihren britischen Gatten als Studentin an der Universität UBC in Vancouver kennengelernt und war mit ihm für einige Jahre nach England gezogen, wo das Paar in London aussichtsreiche Positionen an prestigeträchtigen Krankenhäusern erhielt.

Aber sie konnten sich ein besseres Familienleben mit ihren drei Söhnen in Vancouver vorstellen, wo sie heute im vornehmen Viertel Shaughnessy wohnen, aber nicht als "celebrities": Das ist Kanada, nicht die USA. Einen Geschmack von Star-Status erhielten sie dennoch in Brasilien. "Die Südamerikaner verstehen äußere Schönheit", sagt Jean.

Um jung zu bleiben, verlassen sich die beiden Botox-Forscher aber nicht nur auf die Wirkung von kosmetischen Eingriffen: Um fünf Uhr morgens stehen sie auf und trainieren in ihrem Fitnessraum. Jean Carruthers hat ihr Auto vor vier Jahren verkauft. Jetzt fahren die beiden Rad, sie lieben die Berge, Golf, Schnorcheln, und in diesem Sommer haben sie Surfen gelernt. Sie haben viele Freunde, reisen oft und besuchen ihre drei Söhne.

Die Botschaft: Es braucht mehr als Botox zum Glück. Zum Beispiel die Fähigkeit, nichts zu bereuen - auch nicht ein verpasstes Patent. Und die Weisheit von Jean Carruthers: "Wenn man verharrt, wo man vor 25 Jahren war, dann ist man als Mensch nicht gewachsen."

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