bedeckt München 23°

Fall Semenya:Befunde, von denen man nichts wissen will

Die Vermännlichung zeigt sich in vermehrtem Haarwuchs und manchmal auch in stärker ausgeprägter Muskulatur. "Wenn die Gene weiblich sind, die Erscheinung aber männlich ist, muss man sich fragen, was die sexuelle Identität eines Menschen ausmacht", sagt Bidlingmaier. "Es kommt immer wieder vor, dass Menschen falsch getauft oder benannt worden sind." Liegt beim AGS der männliche Chromosomensatz XY vor, kommt es zu einer scheinbar verfrühten Pubertät mit starker Behaarung und vergrößertem Glied.

Andererseits gibt es auch Menschen, bei denen das Chromosomenpaar XY auf einen Mann hinweist, das Testosteron jedoch nicht am Zielort ankommt, sodass die äußere Erscheinung und die Geschlechtsidentität weiblich ist. Diese als Androgen-Insensitivity-Syndrom (AIS) bezeichnete Störung geht auf einen Defekt des Testosteron-Rezeptors zurück. Die Hoden entwickeln sich kaum und bleiben verkümmert im Körperinneren. Dafür sind Schamlippen und eine verkürzte Scheide vorhanden. Gebärmutter und Eierstöcke fehlen, Monatsblutung und Schwangerschaft sind daher unmöglich. Weil mit Eintritt der Pubertät keine Achsel- und Schambehaarung wächst, wurde die Störung früher auch als Hairless-Woman-Syndrom bezeichnet.

"Wenn die Faktoren nicht eindeutig in eine Richtung weisen, gibt es manchmal keine klaren und sicheren objektiven Kriterien für die Zuordnung als Mann oder als Frau", sagt Claudia Wiesemann von der Universität Göttingen. Die Medizinethikerin ist Expertin für Fragen der Intersexualität und Präsidentin der Akademie für Ethik in der Medizin. "Im Fall von Caster Semenya wird leichtfertig ein Sportlerleben ruiniert", sagt Wiesemann.

Die Ethikerin ist dafür, junge Sportler vor den Folgen einer weltweiten Stigmatisierung zu schützen. "Es gibt Befunde, von denen will man nichts wissen", sagt Wiesemann. "Ein Y-Chromosom im Test oder Unfruchtbarkeit können die weibliche Identität erschüttern."

Semenya sei ja erst 18 Jahre alt; in diesem Alter gilt man in manchen Ländern noch nicht als volljährig. Die 800-Meter-Läuferin Santhi Soundarajan hat versucht, sich das Leben zu nehmen, als ihr nach den Asienspielen 2006 die Medaille aberkannt wurde, weil sie ein Y-Chromosom hat - ein Befund, der unerheblich für den Sport und für die Geschlechtsmerkmale ist. "Im Sport müssen Regeln gelten", fordert Wiesemann. "Es muss vorher klar sein, wer darf antreten und wer wird disqualifiziert."

Das Geschlecht eines Menschen wird durch das Wechselspiel vieler Faktoren geprägt. Genetische, hormonelle, anatomische, psychische und soziale Faktoren haben Einfluss darauf. Die Bewegung der intersexuellen und der transsexuellen Menschen hat jahrzehntelang dafür gekämpft, in Wissenschaft und Gesellschaft anzuerkennen, dass in manchen Fällen eben keine eindeutige Geschlechtsbestimmung möglich ist. Als Reaktion darauf hat das Internationale Olympische Komitee seit 2000 alle Geschlechtstests bei Sportereignissen abgeschafft.

Die offizielle Regelung des Leichtathletikverbands IAAF zur Geschlechtsfrage (Policy on Gender Verification) spricht von einer Entscheidung "von Fall zu Fall" und einer "individuellen Einschätzung". "Das ist schwammig und wolkig und zeigt die Schwierigkeiten, Mann und Frau im Zweifel auf der Basis von Tests klar unterscheiden zu wollen", empört sich Ethikerin Wiesemann. "Das ist bitter und ein Rückfall der Experten, wenn sie jetzt so tun, als ob hier etwas eindeutig geklärt werden könnte."