Süddeutsche Zeitung

Expertenumfrage zum Klimawandel:Wo das Klima kippen könnte

Die Erderwärmung könnte das Klima in Teilen der Erde irreversibel kippen lassen, warnen Potsdamer Wissenschaftler. Neun Regionen scheinen besonders gefährdet.

Christopher Schrader

Man muss sich Sisyphos vorstellen, wie er mit seinem Stein oben ankommt. Irgendwie hat er es geschafft, den Fluch der Götter zu brechen. Diesmal entgleitet dem als verschlagen beschriebenen Held der griechischen Mythologie der Felsblock nicht schon beim Aufstieg. Doch als er oben ankommt, rollt der Stein auf der anderen Seite den Berg hinunter. Und so schnell Sisyphos auch läuft, er kann den Fels nicht einholen.

Ein ähnliches Schicksal steht womöglich ganzen Regionen der Erde bevor, fürchten Klimaforscher: Grönland, der Amazonas-Dschungel oder das Monsungebiet des indischen Subkontinents könnten eines Tages unwiderruflich umkippen. Der Mensch, dessen Verhalten sie destabilisiert, der sie mit den Treibhausgasen aus Industrie und Verkehr erhitzt, stünde hilflos vor den Konsequenzen.

Alle Blicke in die Zukunft, etwa in den Berichten des Weltklimarats IPCC, zeigen zwar schon weiter ansteigende Temperaturen. Dennoch "könnte sich die Gesellschaft durch die sanft ansteigenden Projektionen des globalen Wandels in einer falschen Sicherheit wiegen", warnt nun eine Gruppe von Wissenschaftlern um Hans Joachim Schellnhuber, den Leiter der Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Einige Regionen könnten "noch in diesem Jahrhundert ihren kritischen Punkt erreichen". Ganz egal, ob die Menschheit danach die Klimaprobleme löst, die Umwelt würde sich unwiderruflich und womöglich beschleunigt verändern (PNAS, online).

Neun Regionen haben die Forscher nach einer intensiven Auswertung der wissenschaftlichen Literatur und der Befragung von Experten identifiziert. Alle haben Ausmaße über 1000 Kilometer, großen Wert für die Menschheit und bei allen könnten Entscheidungen innerhalb der kommenden 100 Jahre Entwicklungen auslösen, die bis zu 1000 Jahre andauern.

Dazu gehören das Eis am Nordpol, Gletscher in Grönland und der Westantarktis, der Nordatlantik mit dem Golfstrom, der Ostpazifik mit dem El-Niño-System, Monsungebiete in Südasien und Westafrika, der Amazonas-Urwald und Forstregionen in Kanada und Sibirien.

Wo das Klima kippen könnte

Allerdings ist diese Auswahl ziemlich subjektiv, wie die Forscher selbst zugeben. Für viele der Regionen sei noch nicht einmal bekannt, ob sie überhaupt einen kritischen Punkt haben, an dem sie umkippen. Außerdem soll die Definition gefährdeter Gebiete auch solche einschließen, von denen unklar ist, ob ein eventuelles Umkippen reversibel oder irreversibel und graduell oder abrupt ist.

Schellnhuber verteidigt die Methode dennoch. Seine Gruppe habe zunächst über 1000 Studien ausgewertet. "Das war wie ein Mini-IPCC", sagt der Physiker, denn auch beim Weltklimarat haben die Autoren den Forschungsstand aufgearbeitet und die gefundenen Studien bewertet. "Aber wenn wir keine aussagekräftigen Messreihen und keine glaubwürdigen Simulationen haben, müssen wir uns auf das Wissen und die Erfahrung der Forschergemeinde verlassen." Seine Gruppe habe die Menschen befragt, "die auf der ganzen Welt am besten mit dem Thema vertraut sind". Sie haben die Empfindlichkeit der neun Gebiete verglichen und angegeben, für wie sicher sie die wissenschaftlichen Belege halten.

Die Antworten blieben allerdings anonym, sodass niemand die Qualität des Expertengremiums beurteilen kann. Von 193 angeschriebenen Experten haben nur 52 geantwortet, davon 45 Deutsche, Briten und Amerikaner. Das entspricht der Herkunft der Autoren der PNAS-Studie, offenbar haben sie also vor allem ihre Landsleute zur Teilnahme bewegen können.

Trotzdem haben sich die Experten nicht zu allen neun Gebieten geäußert. Über das Eis am Nordpol und die beiden Monsungebiete enthält die Studie daher keine Expertenantworten. "Es gibt eigentlich keinen Grund, warum das anonym sein sollte", moniert Hans von Storch vom Forschungszentrum GKSS in Geesthacht bei Hamburg. Die Experten hätten sich quasi selbst ausgewählt und "wer viel zu einem Thema veröffentlicht und sich deshalb ein Urteil zutraut, der nimmt es schon deswegen wichtig".

Schellnhuber und seine Kollegen ordnen nur den Nordpol und das Grönland-Eis in die oberste Kategorie ein: große Empfindlichkeit bei geringer Unsicherheit. Dass das Nordmeer im Sommer von Eis bedeckt bleibt, könne innerhalb von zehn Jahren komplett umschlagen, sagen sie, und der kritische Punkt sei womöglich bereits erreicht oder stehe kurz bevor. Für diese Aussage, die in der Vergangenheit schon andere Forschergruppen ähnlich getroffen hatten, fehlt Schellnhuber und seinen Kollegen allerdings der Rückhalt in ihrem Expertengremium: Über die Arktis hat sich der Studie zufolge keiner der Befragten geäußert.

Immerhin schlagen Schellnhuber und seine Kollegen am Ende ihrer Studie ein Frühwarnsystem für die gefährdeten Gebiete vor. Dazu wollen sie die natürlichen Fluktuationen um die langjährigen Mittelwerte genau beobachten. Je länger eine Region braucht, um nach einem Ausreißer wieder zu mittleren Werten zurückzufinden, desto näher sei sie am kritischen Punkt, sagt Schellnhuber: "Wenn das Stottern länger anhält, ist die Grenze der Stabilität schneller erreicht."

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SZ vom 5.2.2008/beu
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