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Expertenumfrage zum Klimawandel:Wo das Klima kippen könnte

Allerdings ist diese Auswahl ziemlich subjektiv, wie die Forscher selbst zugeben. Für viele der Regionen sei noch nicht einmal bekannt, ob sie überhaupt einen kritischen Punkt haben, an dem sie umkippen. Außerdem soll die Definition gefährdeter Gebiete auch solche einschließen, von denen unklar ist, ob ein eventuelles Umkippen reversibel oder irreversibel und graduell oder abrupt ist.

Schellnhuber verteidigt die Methode dennoch. Seine Gruppe habe zunächst über 1000 Studien ausgewertet. "Das war wie ein Mini-IPCC", sagt der Physiker, denn auch beim Weltklimarat haben die Autoren den Forschungsstand aufgearbeitet und die gefundenen Studien bewertet. "Aber wenn wir keine aussagekräftigen Messreihen und keine glaubwürdigen Simulationen haben, müssen wir uns auf das Wissen und die Erfahrung der Forschergemeinde verlassen." Seine Gruppe habe die Menschen befragt, "die auf der ganzen Welt am besten mit dem Thema vertraut sind". Sie haben die Empfindlichkeit der neun Gebiete verglichen und angegeben, für wie sicher sie die wissenschaftlichen Belege halten.

Die Antworten blieben allerdings anonym, sodass niemand die Qualität des Expertengremiums beurteilen kann. Von 193 angeschriebenen Experten haben nur 52 geantwortet, davon 45 Deutsche, Briten und Amerikaner. Das entspricht der Herkunft der Autoren der PNAS-Studie, offenbar haben sie also vor allem ihre Landsleute zur Teilnahme bewegen können.

Trotzdem haben sich die Experten nicht zu allen neun Gebieten geäußert. Über das Eis am Nordpol und die beiden Monsungebiete enthält die Studie daher keine Expertenantworten. "Es gibt eigentlich keinen Grund, warum das anonym sein sollte", moniert Hans von Storch vom Forschungszentrum GKSS in Geesthacht bei Hamburg. Die Experten hätten sich quasi selbst ausgewählt und "wer viel zu einem Thema veröffentlicht und sich deshalb ein Urteil zutraut, der nimmt es schon deswegen wichtig".

Schellnhuber und seine Kollegen ordnen nur den Nordpol und das Grönland-Eis in die oberste Kategorie ein: große Empfindlichkeit bei geringer Unsicherheit. Dass das Nordmeer im Sommer von Eis bedeckt bleibt, könne innerhalb von zehn Jahren komplett umschlagen, sagen sie, und der kritische Punkt sei womöglich bereits erreicht oder stehe kurz bevor. Für diese Aussage, die in der Vergangenheit schon andere Forschergruppen ähnlich getroffen hatten, fehlt Schellnhuber und seinen Kollegen allerdings der Rückhalt in ihrem Expertengremium: Über die Arktis hat sich der Studie zufolge keiner der Befragten geäußert.

Immerhin schlagen Schellnhuber und seine Kollegen am Ende ihrer Studie ein Frühwarnsystem für die gefährdeten Gebiete vor. Dazu wollen sie die natürlichen Fluktuationen um die langjährigen Mittelwerte genau beobachten. Je länger eine Region braucht, um nach einem Ausreißer wieder zu mittleren Werten zurückzufinden, desto näher sei sie am kritischen Punkt, sagt Schellnhuber: "Wenn das Stottern länger anhält, ist die Grenze der Stabilität schneller erreicht."

© SZ vom 5.2.2008/beu
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