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Experimentelle Archäologie:Antike Sportlerernährung - im Selbstversuch

sueddeutsche.de: Dank Ihres Experiments kann man also jetzt genauer sagen, warum und wofür Rohstoffe und Materialien bei den Römern draufgingen?

Ressourcen einfach weggelaufen: Florian Himmler beschlägt während des Marsches 2008 einen Schuh neu.

(Foto: Foto: ddp)

Löffl: Genau. Denn darüber machen die Quellen leider keine Angabe. Wir haben zum Teil einzigartige Quellen wie die Vindolanda Tablets aus Britannien, aus denen abgeleitet werden kann, dass die Einheit XY alljährlich eine bestimme Menge an Sehnen und Knochen etwa von Ochsen verbraucht. Aber wir wissen nicht, wofür dieses Material benötigt wurde. Wenn man dann anfängt auszuprobieren, stellt man fest: Ach, diese Dinge konnten etwa dazu verwendet werden, um daraus Knochenleim oder Sehnen für Katapulte zu fertigen. Mit dem Kleber haben die Römer dann unter anderem ihre Militärschilde bauen können.

Aspekte dieser Art kann man nur durch gezieltes Experimentieren erfahren. Zudem wird deutlich, dass die Römer viele Dinge unter dem Ressourcenaspekt gesehen haben - und das ist eigentlich sehr modern. Sie haben also Probleme gehabt, die auch uns nicht fremd sind. Für uns ist es Erdöl, für die Römer waren es Holz und Getreide. Sie haben sich ähnlichen Schwierigkeiten gegenübergesehen wie wir - und zum Schluss haben diese Probleme ohne Zweifel zum Untergang des Weströmischen Reiches beigetragen.

sueddeutsche.de: Experimentelle Archäologie ist in Deutschland keine gängige Forschungsmethode. Wie sind Sie darauf gekommen, auf diese Weise vorzugehen?

Löffl: Unser Lehrstuhl ist spezialisiert auf antike Wirtschaftsgeschichte. Und wenn man sich tagtäglich mit solchen Sachen befasst, dann stellt man sich die ganze Zeit Fragen in der Art: Wo geht das ganze Zeug hin? Und irgendwann bleibt einem gar keine andere Wahl mehr als das auszuprobieren. Der Gedanke des Experimentierens ist in den sechziger und siebziger Jahren in England entstanden. In Deutschland wird die Methode seit den achtziger Jahren angewendet - allerdings zunächst im außeruniversitären Bereich. Im Jahr 2003 haben wir an der Universität Regensburg eine spätrömische Galeere nachgebaut. 2004 habe ich als Student eine Alpenüberquerung in der Ausrüstung römischer Legionäre durchgeführt - und 2008 das Donau-Limes-Projekt.

sueddeutsche.de: Die Resonanz in den Medien ist dabei ja sehr gut gewesen. Was sagen denn die Althistoriker?

Löffl: Als wir unsere ersten Projekte gestartet haben, gab es Kontroversen - doch mittlerweile ist die Methode anerkannt. Ein wichtiges Indiz dafür ist die Tatsache, dass meine Forschungsergebnisse zu dem Römermarsch vom vergangenen Jahr von der Bayerischen Elitestiftung als einziges geisteswissenschaftliches Projekt mit einem Nachwuchsforschungspreis ausgezeichnet wurden. Archäologische Experimente sind allerdings mit einem großen Risiko verbunden. Denn solch ein Projekt zieht eine unglaubliche Medienaufmerksamkeit auf sich, die für das Orchideenfach Alte Geschichte eher untypisch ist. Wenn das schiefgeht, ist man blamiert bis auf die Knochen.

sueddeutsche.de: Der Marsch war sehr kräftezehrend: Sie sind mitten im Hochsommer mit 35 Kilo Gepäck vier Wochen lang täglich bis zu 35 Kilometer marschiert. Ihre Ernährung war spartanisch, die Waschmöglichkeiten begrenzt. Planen Sie trotzdem neue Experimente?

Löffl: Oh ja. Als Nächstes wollen wir zusammen mit österreichischen Kollegen die Ernährung von Profisportlern in der Antike untersuchen - im Selbstversuch. Das wird nächstes Jahr stattfinden. Und dann habe ich den großen Traum, eine ähnliche Untersuchung, wie wir sie zur römischen Armee gemacht haben, zu den Armeen Griechenlands zu realisieren - und zwar aus der Zeit Alexanders des Großen. Der Marsch 2008 war sicher eine Herausforderung. Allein schafft so etwas keiner. Aber in der richtigen Gruppe ist das traumhaft. Denn das war mit Abstand das außergewöhnlichste Projekt, was wir alle in unserem Leben gemacht haben - und vielleicht auch je machen werden.

© sueddeutsche.de/bön

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