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Evolution des Menschen:Kleines Hirn, viel dahinter

Muss die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden? Ein amerikanischer Forscher will einen direkten Vorfahren des Homo sapiens gefunden haben - und präsentiert Beweise. Die Anatomie zweier Skelette aus Südafrika, zwei Millionen Jahre alt, weisen darauf hin, dass "Australopithecus sediba" sensationell fingerfertig war.

Diese Hand, sagt Lee Berger, hätte Klavier spielen können, ein Bild malen, auf einer Computertastatur tippen oder Werkzeuge aus Stein herstellen. Nach dieser Vorrede kann es sich nicht um irgendeine Hand handeln.

Das Körperteil, von dem der amerikanische Paläoanthropologe spricht, ist zwei Millionen Jahre alt, ein Drittel kleiner als eine menschliche Hand heute und gehörte einer rund 30-jährigen Frau der Spezies Australopithecus sediba. Für Lee Berger ist es der Fund seines Lebens, denn mit diesem hervorragend erhaltenen Fossil, einer Hüfte sowie Schädeln und Füßen der Frau und eines Jungen, will er die Menschheitsgeschichte umschreiben.

Weshalb es "seine" Hand auch auf die Titelseite der aktuellen Ausgabe von Science geschafft hat. Dort analysieren gleich fünf Studien verschiedene Körperteile und die Bedeutung des 2010 zuerst beschriebenen Vormenschen (Bd. 333, S. 1402-23, 2011).

Sie führen mitten in ein aufregendes Paläo-Puzzle. Eine Reihe hervorragender Forscher zerbricht sich den Kopf darüber, wie man aus diversen Funden den menschlichen Stammbaum zusammensetzen kann. Grundsätzlich geht es um die Frage, wo die Menschen herkommen und wie, wann und wo sie ihre charakteristischen Eigenschaften entwickelt haben.

Die beiden gut erhaltenen Skelette sollen, so Berger, den Übergang von der Gattung Australopithecus zur Gattung Homo markieren. Sie seien die besten Kandidaten für den letzten, noch affenartigen Vorfahren des Menschen.

Der Ast im Stammbaum, an dessen vorläufigem Ende der Homo sapiens steht, verlaufe demnach über Australopithecus sediba - und nicht wie viele Forscher glauben, über den sogenannten Homo rudolfensis, der in Kenia und Malawi lebte. Lee Berger von der Universität Witwatersrand will seit Jahren Südafrika zu einem Kerngebiet der menschlichen Entwicklung machen, den Fokus also wegrücken von den berühmten Fundorten Ostafrikas.

Bergers Team hat vor drei Jahren in einer eingestürzten Karst-Höhle die Überreste von zwei Individuen gefunden. Den ersten Knochen, ein Schlüsselbein, entdeckte der begeisterungsfähige Paläoanthropologe im August 2008, als er mit seinem Hund Tau und dem damals neunjährigen Sohn Matthew im Gelände rund um Malapa unterwegs war. 220 Knochen von zwei Individuen haben die Forscher bislang ausgegraben. Die Vormenschen sind wohl durch eine Öffnung im Höhlendach 30 Meter in den Tod gestürzt - wenn nicht gleichzeitig, so doch innerhalb weniger Stunden oder Tage.

Die Wesen sind deshalb so interessant, weil sie halb Affe, halb Mensch sind. Sie haben einerseits ein mit 420 Kubikzentimetern Volumen relativ kleines Gehirn, lange Arme, einen Schimpansen-artigen Körper und einen engen Geburtskanal. Andererseits konnten sie zweibeinig gehen und besaßen die erwähnte menschliche Hand mit ihren kurzen Fingern und dem langen Daumen, hervorragend geeignet, um feinmotorisch präzise zu greifen.

Und sie hatten ein in der Struktur "überraschendes Gehirn", wie Berger betont. Den Schädel des vielleicht 13 Jahre alten Jungen haben die Spezialisten von der European Synchotron Radiation Facility in Grenoble mit Hilfe von Röntgenstrahlung untersucht, in bisher einmaliger Auflösung von 45 Mikrometern, das ist weniger als die Dicke eines Haares.

Damit ließen sich über das reine Volumen hinaus Gehirnstrukturen analysieren. Das Gehirn sei zwar klein, aber nicht so primitiv aufgebaut wie das des 1,3 Millionen Jahre älteren berühmten Fossils "Lucy" aus Äthiopien. Es besitze bereits eine Art Symmetrie, mit zwei leicht unterschiedlichen Gehirnhälften. Man sehe zum Beispiel einen größeren rechten Frontallappen, so die Forscher; er ist auch beim heutigen Menschen dominant. Sogar das für die Sprachentwicklung wichtige Broca-Areal sei erkennbar. "Das Gehirn hat sich neu organisiert, bevor es groß wurde", sagt Berger. Tatsächlich mehren sich Hinweise, dass sich wichtige menschliche Eigenschaften wie Sprache bereits vor zwei Millionen Jahren entwickelt haben könnten.

Damit setzt auch die wissenschaftliche Debatte ein, wo wirklich die letzten nicht-menschlichen Vorfahren der Gattung Homo gelebt haben. Bislang und für viele Forscher auch weiterhin gilt der rund 2,5 Millionen Jahre alte Homo rudolfensis als erster Frühmensch; entdeckt hat seine Überreste unter anderem der Frankfurter Anthropologe Friedemann Schrenk in Malawi.

Homo rudolfensis ist rund 500.000 Jahre älter als die Vormenschen von Malapa, fertigte bereits Werkzeuge an, hatte ein etwa 700 Kubikzentimeter messendes Gehirn und ein breites, flaches und somit menschenähnliches Gesicht. Berger ficht das nicht an: Sollte die Gattung Mensch doch älter sein als sein Australopithecus sediba, stünden seine Malapa-Skelette eben für eine spätere Population, die sich irgendwann ebenfalls zu Menschen weiterentwickelt habe.

"Großmaul der Feldforscher"

Wie bei Paläoanthropologen üblich wird die Debatte persönlich geführt, auch in Science. Donald Johanson, der Mit-Entdecker von Lucy, beschreibt Berger in einem Begleittext als Kollegen, der "die Bedeutung seiner Funde oft überbetont", eine Art "Großmaul der Feldforscher". Ein Beispiel dieses Verhaltens war Bergers berühmter Satz aus dem Jahr 1996, als er Lucy "aus dem menschlichen Stammbaum herausschmeißen" wollte. Heute tut er solche Aussagen als "Jugendsünden" ab; in der Zunft ist Lucys Platz auch unumstritten.

Berger hat sich nicht nur Freunde gemacht. Die meisten Kollegen erkennen aber die wissenschaftliche Präzision und den Stellenwert der aktuellen Funde an. Der Gehirnscan ist ein Beispiel dafür, die exakte Datierung auf 1,977 Millionen Jahre ist ein zweites. Es ist also ziemlich genau bekannt, wann der Junge in die Karsthöhle von Malapa gefallen ist. Es lässt sich auch sicher sagen, dass er noch nicht Klavier spielen konnte. Doch vielleicht haben seine Hände tatsächlich Werkzeuge hergestellt. Das wäre eine ziemliche Sensation.