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Evolution:Satte Menschen sinnieren eher über ein Leben nach dem Tod

Auf den ersten Blick scheint auch die Empirie die Übernatürliche-Überwachungs-Hypothese zu stützen: Beweisen nicht die Karrieren des christlichen Gottes, Allahs und Buddhas, dass die transzendente Strafandrohung wirkt? Als Beleg gilt etwa eine 2010 in Science veröffentlichte Studie eines Teams um den Evolutionsbiologen Joseph Henrich von der Harvard University. Es untersuchte mit einem ökonomischen Spiel die Spendenbereitschaft von Menschen in 15 Ländern, Stammesgesellschaften in Papua-Neuguinea waren ebenso vertreten wie westliche Länder. Die Teilnehmer erhielten jeweils zehn Dollar und durften dann entscheiden, wie viel Geld sie an anonyme Fremde abgeben. Die Anhänger moralisierender Weltreligionen, insbesondere des Christentums und des Islams, gaben im Durchschnitt zehn Prozent mehr.

Norenzayan selbst machte das Experiment im Labor, wobei er die Teilnehmer unterschiedlich präparierte. Mussten sie sich vor dem Test mit religiösen Wörtern beschäftigen, gaben sie im Durchschnitt 4,56 Dollar ab; in der neutralen Kontrollgruppe waren es nur 2,56 Dollar. Auch in einer in diesem Jahr veröffentlichten Metaanalyse von 93 vergleichbaren Studien konnten Norenzayan einen prosozialen Effekt des religiösen Primings nachweisen; allerdings war dieser nur noch von mittlerer Größe und zeigte sich nur bei ohnehin religiösen Studienteilnehmern.

Wer ist großzügiger - Atheisten oder Gläubige?

Kritiker finden dennoch Einwände. So leidet die Überzeugungskraft psychologischer Experimente darunter, dass sie meist mit Studenten gemacht werden, die wenig repräsentativ sind. Prompt kam vor wenigen Wochen eine Feldstudie zu ganz anderen Ergebnissen als die Laborforschung (Current Biology). Psychologen um Jean Decety von der University of Chicago hatten 1100 Kindern aus den USA, Kanada, China, Jordanien, Südafrika und der Türkei zum sogenannten Diktator-Spiel eingeladen. Sie sollten entscheiden, wie viele von zehn Klebebildern sie an Altersgenossen abgeben. Diesmal waren die Kinder aus religiösen Haushalten geiziger, sie verschenkten nur 3,3 Aufkleber. Bei den Kindern aus areligiösen Familien waren es 4,1.

Auch aus religionshistorischer Sicht kommt Kritik. Nicolas Baumard von der École Normale Supérieure in Paris bemerkt, dass etwa die Griechen, Römer oder Azteken kooperative Gesellschaften errichteten, ohne Götter zu erfinden, die über die Moral der einzelnen Menschen wachten. Baumard vermutet, dass erst gesellschaftlicher Reichtum moralisierende Religionen möglich gemacht hat. Satte Menschen hätten eher die Muße über langfristige Ziele wie ein Leben nach dem Tode nachzudenken. Tatsächlich konnte Baumard nachweisen, dass die eurasische Gesellschaften in der Zeit der großen Religionsgründungen zwischen 500 v. Chr. bis 300 v. Chr. mehr als 20 000 Kalorien pro Kopf und Tag an Nahrung und Energie verbrauchen konnten.

Einmal Religion und zurück

Das Verhältnis von Religion und Moral bleibt komplex, unwahrscheinlich, dass eine Großtheorie all seine Facetten erklären kann. Gut möglich, dass im Laufe der Geschichte eine Macht die andere ablösen kann. Das zeigte sich bereits in Norenzayans Zehn-Dollar-Experiment. Dort gab es nämlich eine dritte Studiengruppe, die mit säkularen Wörter wie "bürgerschaftlich", "Geschworene", "Polizei" präpariert worden war. Interessanterweise zeigte sich diese auch relativ freigiebig. Sie gab im Durchschnitt 4,44 Dollar ab, nur zwölf Cents weniger als die religiöse Gruppe.

Norenzayan zuckt da mit den Schultern. "Die Bedeutung der Religion im öffentlichen Leben nimmt ab, wenn Gesellschaften säkulare Alternativen entwickeln, die ihre Funktionen übernehmen", kommentiert der Psychologe. Das erkläre, wieso gerade notorisch gottlose Gesellschaften wie in Skandinavien, besonders kooperativ und vertrauensvoll seien. "Sie haben halt die Leiter der Religion erklommen und sie dann weggestoßen."

34 Prozent

... der Deutschen sind mittlerweile konfessionslos und dürften zu einem großen Teil eine agnostische oder atheistische Weltanschauung haben. Hinzu kommen jene Ungläubigen, die aus diversen Gründen in den Kirchen verharren. Damit liegt Deutschland weltweit im oberen Bereich. Noch höhere Quoten findet man etwa in Schweden, wo 47 Prozent der Menschen auf Gott verzichten können. In den USA hingegen bekennen sich in Umfragen nur 4,2 Prozent der Menschen zum Atheismus, weltweit sind es eine halbe Milliarde, also knapp 7 Prozent der Weltbevölkerung. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Religionen gerade in sicheren und stabilen Ländern an Bedeutung verlieren.

© SZ vom 24.12.2015/rus
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