Evolution Elefanten trauern, Schimpansen trösten Artgenossen

Auch wenn sich diese Deutung anzweifeln lässt - vielleicht war der Gurken-Affe ja auch nur neidisch -, ist in den vergangenen Jahren deutlich geworden, dass manche Tiere über erste moralische Instinkte verfügen, sich prosozial verhalten. De Waal gibt viele Beispiele: Elefanten trauern um tote Artgenossen, Büffel retten ein Kalb vor einem Löwen. Vor allem Schimpansen zeigen empathisches Verhalten, mal adoptieren sie genetisch nicht-verwandte Waisenjunge oder trösten Artgenossen. Für de Waal ist die Anschlussfrage: "Warum gehen wir nicht von der Annahme aus, dass unsere Humanität, einschließlich der Selbstkontrolle, die für eine lebenswerte Gesellschaft unerlässlich ist, in uns angelegt ist?"

Doch genau das ist das große Problem bei Naturalisten der Moral wie de Waal: Sie erklären nicht den gigantischen Sprung vom Schimpansengehege in komplexere menschliche Gesellschaften, wo eben - wie vielleicht bereits in Göbekli Tepe - nicht alles in einer kleinen Gruppe bekannter Gesichter verhandelt werden kann. "Ist prosoziales Verhalten wirklich dasselbe wie Moral?", fragt seine Fachkollegin Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen in einer Rezension seines neuesten Buches: "Kann es Moral ohne Moralkodex geben? Und wie erklären wir die beträchtlichen Differenzen in verschiedenen Kulturen oder auch Veränderungen innerhalb einer Kultur?"

Das ist der Punkt, an dem der Psychologe Ara Norenzayan mit seiner Überwachungs-Hypothese antritt. Er bestreitet nicht prosoziale Instinkte unter Primaten. Doch diese würden nur den Moralbedarf überschaubarer Schimpansen- und Stammesgesellschaften decken. Dort überwachen sich alle gegenseitig, so dass sie ohne übernatürliche Hilfe auskommen. Zwar glaubten auch indigene Völker an Geister, doch kümmerten sich diese wenig um Moral. Sie fordern nur die ihnen zustehenden Opfer und die Beachtung von Tabus. Ansonsten interessieren sie sich nicht für das Wohlverhalten der Menschen.

Norenzayan vertritt jenen mittlerweile verbreiteten Ansatz, wonach Religiosität primär ein Nebenprodukt der Evolution sei: Das Gehirn des Menschen hätte sich zu einem kognitiven Feuermelder evolviert, der hypersensibel überall in der Natur handelnde Akteure vermutet. Das sei sinnvoll gewesen, weil es so zuverlässig etwa vor Raubtieren gewarnt hat. Der Nebeneffekt sind Fehlalarme: Jedes Rascheln im Wald wird als potenzieller Angriff gedeutet, man sieht Gesichter in den Wolken und glaubt an Geister und Götter.

Diese beiden Intuitionen - die moralische wie die religiöse - nutzten nun laut Norenzayan manche Gesellschaften, indem sie die Großen Götter erfanden, die selbst die Gedanken der Menschen erkunden und Fehlverhalten noch nach dem Tode bestrafen. Es sind die Götter der großen Buchreligionen, des Christentums, des Islams, des Judentums. Aber im Grunde gilt das auch für die fernöstlichen Religionen. Auch ohne Gott funktioniert das Karma-Prinzip als Strafmechanismus: "Wer andre Wesen quält, die auch nach Wohlsein streben, so wie er selbst, der hat kein Glück im nächsten Leben", sagt der Buddha. Wer zu viele schlechte Taten anhäuft wird halt als Blattlaus wiedergeboren.