Evolution:"Ich sehe überall Fische herumlaufen"

SZ Wissen: Wann ist Ihnen zum ersten Mal in den Sinn gekommen, dass wir eigentlich noch immer Fische sind?

Illustration: Jörn Kapsul

Unser Körperbau entspricht im Wesentlichen noch dem der Fische. Das macht uns gebrechlich.

(Foto: Illustration: Jörn Kaspuhl)

Shubin: Das war während eines Präparationskurses für Medizinstudenten. An meiner Uni gab es zu wenige Dozenten, also drängte man mich, den Kurs zu übernehmen. Immerhin kenne ich mich mit Knochen aus, wenn auch nur bei Fischen. In dem Kurs stehen 100 Studenten zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Leiche und sollen sie aufschneiden.

SZ Wissen: Eine merkwürdige Atmosphäre für einen Geistesblitz.

Shubin: Ich erklärte gerade die Anatomie des Arms und da fiel mir auf, dass ich kurz zuvor das Gleiche in einer Fisch-Vorlesung gezeigt hatte: ein großer Knochen, zwei etwas kleinere, viele kleine. Spontan sagte ich: "Sehen Sie, das ist der Fisch in uns".

SZ Wissen: Die Studenten waren ziemlich überrascht, nehme ich an.

Shubin: Der ganze Saal lachte. Aber es ist tatsächlich ein Riesenvorteil, wenn man sich mit Fischen auskennt und plötzlich die menschliche Anatomie lehren soll. Fische sind nach dem gleichen Prinzip gebaut, nur viel einfacher.

SZ Wissen: Sie haben vor vier Jahren ein Fossil gefunden, dem jeder auf den ersten Blick ansieht, dass es ein Mittelding zwischen Fisch und Amphibium ist.

Shubin: Ja, Tiktaalik, ein 375 Millionen Jahre altes Fossil. Es ist das Bindeglied zwischen den Wasser- und Landbewohnern.

SZ Wissen: Woran haben Sie erkannt, dass Tiktaalik etwas Besonderes ist?

Shubin: Tiktaalik hatte Kiemen und Schuppen wie ein Fisch. Aber sein Kopf ist flach, und die Augen liegen oben im Kopf wie bei einem Krokodil. Richtig überrascht waren wir, als wir seine Flossen untersuchten. Tiktaalik war der erste Fisch mit einer Art Handgelenk und Ellbogen. Er hätte Liegestützen machen können. Das ist spektakulär, so etwas gab es bisher nicht in der Geschichte des Lebens. Jeder kennt Archaeopteryx, den Urvogel. Tiktaalik ist mindestens genauso wichtig!

SZ Wissen: Weil er den sogenannten "missing link", den letzten fehlenden Beweis für Darwins Evolutionstheorie geliefert hat.

Shubin: Und das Schönste daran ist, dass es ein eindeutiger physischer Beweis ist, den jedes Kind versteht. Das Fossil hat eine unheimliche Überzeugungskraft, weil man es herumzeigen und anfassen kann. Das wirkt viel stärker als Argumente oder Beschreibungen.

SZ Wissen: Konnte das Fossil auch die Kreationisten überzeugen, die glauben, eine Art göttlicher intelligenter Designer habe den Menschen geschaffen?

Shubin: Es ist interessant, dass ich in jedem Interview in Deutschland auf dieses Thema angesprochen werde. In Amerika ist das erst ein einziges Mal vorgekommen. Aber ich glaube nicht, dass Tiktaalik diese Menschen überzeugt hat. Ein Jahr, nachdem wir Tiktaalik gefunden hatten, lief in den USA ein Gerichtsverfahren darüber, ob "Intelligent Design" anstelle der Evolutionstheorie an Schulen unterrichtet werden dürfe. Wir müssten ein Übergangsfossil zwischen Wasser- und Landbewohnern präsentieren, um die Evolutionstheorie zu beweisen, forderten die Kreationisten. Sie hätten nur in mein Büro kommen müssen, der Kopf von Tiktaalik lag auf meinen Schreibtisch.

SZ Wissen: Sind sie gekommen?

Shubin: Nein. Ich habe nur ganz selten persönlich mit Kreationisten gesprochen. Ich glaube, das ist nicht nötig. Schauen Sie sich Tiktaalik an, das ist überzeugender als alle Worte. Außerdem liefert unser eigener Körper doch genügend Beispiele, dass vieles in uns nicht sehr durchdacht ist. Wenn es den großen Meister gäbe, der uns nach seinem Entwurf geschaffen hätte, hätten wir heute weniger Probleme.

Mit welchen Problemen hat der Mensch aufgrund seiner evolutionären Entwicklung zu kämpfen? Dazu mehr auf Seite drei.

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