Evolution:"Ich sehe überall Fische herumlaufen"

Der Mensch ist seinen Ahnen aus dem Meer erschreckend ähnlich. Schluckauf und Leistenbruch sind Indizien dafür, sagt der Paläontologe Shubin.

K. Blawat

SZ Wissen: Wie reagieren Menschen, wenn sie hören, dass wir alle einen Fisch in uns tragen?

Evolution: Das Tiktaalik war das erste Tier, das nicht mehr ausschließlich im Wasser lebte. Die Flossen hat es vom Fisch, der flache Schädel mit den oben liegenden Augenhöhlen erinnert an ein Krokodil.

Das Tiktaalik war das erste Tier, das nicht mehr ausschließlich im Wasser lebte. Die Flossen hat es vom Fisch, der flache Schädel mit den oben liegenden Augenhöhlen erinnert an ein Krokodil.

(Foto: Illustration: Jörn Kaspuhl)

Neil Shubin: Sie lachen. Der Titel meines Buchs "Der Fisch in uns" ist ja eine Parodie auf die vielen Ratgeber, die es in Amerika in den Achtzigerjahren gab, wie "Schließen Sie Frieden mit Ihrem inneren Kind" und so etwas.

SZ Wissen: Sie fordern dazu auf, mit unserem inneren Fisch Frieden zu schließen?

Shubin: Uns bleibt ja gar nichts anderes übrig. Jedes unserer Körperteile erinnert daran, dass wir von Lebewesen abstammen, die vor 385 Millionen Jahren im Wasser gelebt haben.

SZ Wissen: Wirklich jedes Körperteil?

Shubin: Schauen Sie sich einen menschlichen Embryo an. Zwei Wochen nach der Befruchtung beginnt sich der Kopf zu entwickeln. An der Vorderseite sieht man dann vier Verdickungen. Fische haben die auch, bei ihnen entwickelt sich daraus der Kiemenapparat. Der Großteil der Muskeln und Nerven, die ich gerade zum Sprechen brauche, haben sich ursprünglich aus diesem Kiemenbogen der Fische entwickelt. Und genauso die verschiedenen Muskeln und Knochen und Nerven, die Sie jetzt zum Zuhören nutzen.

SZ Wissen: Einem erwachsenen Menschen sieht man nicht mehr an, dass er einen Teil seines Kopfs Fischen verdankt.

Shubin: Nein, aber andere Beispiele erkennt man in jedem Alter. Bei den Gliedmaßen ist die Sache eindeutig. Sie sind bei Fischen und allen anderen Tieren, auch bei uns Menschen, nach dem gleichen Prinzip gebaut: erst ein großer Knochen, dann zwei etwas kleinere, dann viele kleine. Beim Menschen entspricht das Oberarm, Elle, Speiche und Handgelenk.

SZ Wissen: Unsere Arme sind also im Grunde nichts großartig anderes als Flossen?

Shubin: Ja, obwohl uns der Gedanke komisch vorkommt. Aber physisch sind wir nun einmal Fische, allerdings stark modifizierte. Jedes Molekül in uns hat eine 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte, die viel älter ist als der Mensch selbst. Das ist so ähnlich, wie wenn man ein Ersatzteil aus einem VW Käfer in ein Formel-1-Auto baut. Es passt nicht richtig zusammen, und letztlich bestimmt der gebrauchte Motor aus dem Käfer, wie schnell das Rennauto fahren kann. Genauso legt unsere Geschichte fest, wie wir heute aussehen und wie unser Körper funktioniert. Fische sind ein wunderbares Mittel, unsere eigene Anatomie zu verstehen.

SZ Wissen: Nur die Anatomie? Oder liegt es vielleicht auch an unserer Fisch-Vergangenheit, dass die meisten Menschen vom Anblick des Meers so fasziniert sind?

Shubin: Ein lustiger Gedanke, aber ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ändert es die Sicht auf andere Lebewesen, wenn man um die enge Verbundenheit zu allem Leben weiß. Seit ich als Paläontologe arbeite, sehe ich überall Fische auf der Straße herumlaufen. Oder Quallen oder Würmer.

SZ Wissen: Fische, Quallen und Würmer - wo bleiben die Menschen?

Shubin: Wir sind eben eine große Familie, die alle Lebewesen einschließt. Stellen Sie sich einen Stammbaum vor, da gibt es einen Zweig mit den Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und so fort. Wahrscheinlich erkennt man in vielen Fällen auf den ersten Blick, wer mit wem wie eng verwandt ist. Ich mache nichts anderes, als diesen Stammbaum auszuweiten.

SZ Wissen: Wie weit können Sie zurückgehen?

Shubin: 3,5 Milliarden Jahre. Alles, was DNS oder RNS besitzt, gehört zur Familie - also sogar Viren. Natürlich sieht man die Abstammung dann nicht mehr so gut, sondern muss die Verwandtschaft im Labor suchen.

Inwiefern der Mensch dem Fisch ähnelt, lesen Sie auf Seite zwei.

"Ich sehe überall Fische herumlaufen"

SZ Wissen: Wann ist Ihnen zum ersten Mal in den Sinn gekommen, dass wir eigentlich noch immer Fische sind?

Illustration: Jörn Kapsul

Unser Körperbau entspricht im Wesentlichen noch dem der Fische. Das macht uns gebrechlich.

(Foto: Illustration: Jörn Kaspuhl)

Shubin: Das war während eines Präparationskurses für Medizinstudenten. An meiner Uni gab es zu wenige Dozenten, also drängte man mich, den Kurs zu übernehmen. Immerhin kenne ich mich mit Knochen aus, wenn auch nur bei Fischen. In dem Kurs stehen 100 Studenten zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Leiche und sollen sie aufschneiden.

SZ Wissen: Eine merkwürdige Atmosphäre für einen Geistesblitz.

Shubin: Ich erklärte gerade die Anatomie des Arms und da fiel mir auf, dass ich kurz zuvor das Gleiche in einer Fisch-Vorlesung gezeigt hatte: ein großer Knochen, zwei etwas kleinere, viele kleine. Spontan sagte ich: "Sehen Sie, das ist der Fisch in uns".

SZ Wissen: Die Studenten waren ziemlich überrascht, nehme ich an.

Shubin: Der ganze Saal lachte. Aber es ist tatsächlich ein Riesenvorteil, wenn man sich mit Fischen auskennt und plötzlich die menschliche Anatomie lehren soll. Fische sind nach dem gleichen Prinzip gebaut, nur viel einfacher.

SZ Wissen: Sie haben vor vier Jahren ein Fossil gefunden, dem jeder auf den ersten Blick ansieht, dass es ein Mittelding zwischen Fisch und Amphibium ist.

Shubin: Ja, Tiktaalik, ein 375 Millionen Jahre altes Fossil. Es ist das Bindeglied zwischen den Wasser- und Landbewohnern.

SZ Wissen: Woran haben Sie erkannt, dass Tiktaalik etwas Besonderes ist?

Shubin: Tiktaalik hatte Kiemen und Schuppen wie ein Fisch. Aber sein Kopf ist flach, und die Augen liegen oben im Kopf wie bei einem Krokodil. Richtig überrascht waren wir, als wir seine Flossen untersuchten. Tiktaalik war der erste Fisch mit einer Art Handgelenk und Ellbogen. Er hätte Liegestützen machen können. Das ist spektakulär, so etwas gab es bisher nicht in der Geschichte des Lebens. Jeder kennt Archaeopteryx, den Urvogel. Tiktaalik ist mindestens genauso wichtig!

SZ Wissen: Weil er den sogenannten "missing link", den letzten fehlenden Beweis für Darwins Evolutionstheorie geliefert hat.

Shubin: Und das Schönste daran ist, dass es ein eindeutiger physischer Beweis ist, den jedes Kind versteht. Das Fossil hat eine unheimliche Überzeugungskraft, weil man es herumzeigen und anfassen kann. Das wirkt viel stärker als Argumente oder Beschreibungen.

SZ Wissen: Konnte das Fossil auch die Kreationisten überzeugen, die glauben, eine Art göttlicher intelligenter Designer habe den Menschen geschaffen?

Shubin: Es ist interessant, dass ich in jedem Interview in Deutschland auf dieses Thema angesprochen werde. In Amerika ist das erst ein einziges Mal vorgekommen. Aber ich glaube nicht, dass Tiktaalik diese Menschen überzeugt hat. Ein Jahr, nachdem wir Tiktaalik gefunden hatten, lief in den USA ein Gerichtsverfahren darüber, ob "Intelligent Design" anstelle der Evolutionstheorie an Schulen unterrichtet werden dürfe. Wir müssten ein Übergangsfossil zwischen Wasser- und Landbewohnern präsentieren, um die Evolutionstheorie zu beweisen, forderten die Kreationisten. Sie hätten nur in mein Büro kommen müssen, der Kopf von Tiktaalik lag auf meinen Schreibtisch.

SZ Wissen: Sind sie gekommen?

Shubin: Nein. Ich habe nur ganz selten persönlich mit Kreationisten gesprochen. Ich glaube, das ist nicht nötig. Schauen Sie sich Tiktaalik an, das ist überzeugender als alle Worte. Außerdem liefert unser eigener Körper doch genügend Beispiele, dass vieles in uns nicht sehr durchdacht ist. Wenn es den großen Meister gäbe, der uns nach seinem Entwurf geschaffen hätte, hätten wir heute weniger Probleme.

Mit welchen Problemen hat der Mensch aufgrund seiner evolutionären Entwicklung zu kämpfen? Dazu mehr auf Seite drei.

"Ich sehe überall Fische herumlaufen"

Evolution: Neil Shubin, 44, ist Paläontologe an der Universität von Chicago und Entdecker des Fossils "Tiktaalik", benannt nach dem Inuit-Wort für "großer Süßwasserfisch". Vor kurzem erschien Shubins Buch "Der Fisch in uns" im S. Fischer Verlag.

Neil Shubin, 44, ist Paläontologe an der Universität von Chicago und Entdecker des Fossils "Tiktaalik", benannt nach dem Inuit-Wort für "großer Süßwasserfisch". Vor kurzem erschien Shubins Buch "Der Fisch in uns" im S. Fischer Verlag.

(Foto: Foto: Dan Dry)

SZ Wissen: Was für Probleme meinen Sie?

Shubin: Es gibt nichts Ärgerlicheres als Schluckauf, und den haben wir von Kaulquappen geerbt. Wenn bestimmte Nerven gereizt werden, die die Muskeln im Rachen und Zwerchfell steuern, atmet man ruckartig ein. Dadurch verschließt ein Gewebelappen im Rachen reflexartig den Eingang zur Luftröhre, und so entsteht das "Hick". Für Kaulquappen ist diese Vorrichtung praktisch. Sie leiten damit das Wasser über ihre Kiemen, ohne dass es in die Lunge gelangen kann. Bei uns ist es einfach nur ärgerlich. Angeblich dauerte der längste Schluckauf von 1922 bis 1990.

SZ Wissen: Das klingt in der Tat, als brächte unsere Vergangenheit Probleme mit sich.

Shubin: Und Schluckauf ist ja nicht das Einzige. Ich hatte vor einiger Zeit einen Leistenbruch, und auch dafür könnte ich meinen inneren Fisch verantwortlich machen.

SZ Wissen: Warum?

Shubin: Bei Fischen liegen die Keimdrüsen typischerweise weit vorn, sozusagen im Brustkorb. Und auch im menschlichen Embryo bilden sie sich weiterhin in der Nähe der Leber, obwohl wir sie dort nicht brauchen können. Später wandern Hoden und Samenstrang in den Hodensack hinab. Um Platz für die Transportbahnen zu schaffen, gibt es im männlichen Unterleib einen Hohlraum, durch den ein Stück Darm rutschen kann. Das ist dann der Leistenbruch.

SZ Wissen: Haben Frauen also weniger Probleme mit der Fisch-Vergangenheit?

Shubin: Zumindest sind sie in dieser Körperregion kräftiger gebaut als Männer. Wenigstens das ist vernünftig, immerhin müssen sie die Geburt überstehen. Andere Probleme betreffen beide Geschlechter. Vor zwei Jahren wurde ich am Knie operiert, weil ich nicht mehr richtig laufen konnte. Der Mensch hat sich einigermaßen dem aufrechten Gang angepasst. Aber jeder, der über längere Zeit Marathon läuft oder wie ich schwere Expeditionsrucksäcke schleppt, bekommt Probleme.

SZ Wissen: Heißt das, wir sollten uns am besten nur noch im Wasser aufhalten?

Shubin: Vielleicht wäre es das Beste. Schwimmen kräftigt und schont den Körper zugleich.

SZ Wissen: Schwimmen Sie selbst oft?

Shubin: Ich jogge, obwohl ich es besser wissen müsste. Zum Glück gibt es ja Hightech-Laufschuhe, die verhindern, dass ich mir Füße und Knöchel ruiniere.

SZ Wissen: Ist es der Preis fürs Menschsein, dass wir so viele Hilfsmittel brauchen?

Shubin: Wenn der Mensch etwas gelernt hat, dann, dass er mit seinem Körper allein nicht viel anfangen kann. Ohne meine Brille wäre ich wahrscheinlich längst unter ein Auto geraten. Als Lösung für die Probleme, die die Fisch-Vergangenheit mit sich bringt, hat der Mensch ein extrem leistungsstarkes Gehirn entwickelt. Er erfindet Technologien und Medikamente, die ihm helfen, mit seinen Macken zurechtzukommen.

SZ Wissen: Das klingt nicht sehr tröstlich.

Shubin: Das Wissen um den inneren Fisch hilft aber zu verstehen, warum unser Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Wissenschaftler tun sich dann leichter, eine Therapie zu entwickeln. Und wir können jemanden für alles verantwortlich machen, das hilft ja oft auch.

SZ Wissen: Wir haben uns vom Fisch über den Affen zum Menschen entwickelt. Was kommt als Nächstes?

Shubin: In 3000 Jahren werden sich die meisten unserer Fähigkeiten nicht durch genetische Evolution entwickelt haben, sondern durch technische Neuerungen. Vielleicht erfinden wir einen Stoff, mit dem wir 100 Kilometer in der Stunde rennen können. Leistungssportler dopen inzwischen so raffiniert, da finde ich diese Idee gar nicht abwegig.

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© SZ Wissen, Ausgabe 9/2008/gal
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