Evolution:Ein Erdrutsch verschüttete vor 15 000 Jahren den Eingang

Heute ist das Loch in der Decke wieder versiegelt und eine Stahltür sichert einen Zugang, der nur drei Meter neben dem ursprünglichen Eingang liegt, jedenfalls vermutet der IAA-Archäologe Omry Barzilai ihn dort. Mit seinem Team arbeitete er sich von der Abseilstelle nach oben und unten in die Höhle vor. Schließlich gruben sie am oberen Ende an der dünnsten Stelle zur Außenwelt einen neuen Eingang. Den alten Weg in die Höhle hat wahrscheinlich vor 15 000 Jahren ein Erdrutsch verschüttet.

Für Barzilai ist es wichtig zu wissen, wo der ursprüngliche Zugang einmal lag. "Israel Hershkovitz versucht herauszufinden, was für Menschen hier gelebt haben. Wir versuchen zu verstehen, wie sie die Höhle genutzt haben. Wie war die Küche aufgebaut? Wo wurde geschlachtet? Wo landete der Müll? Sind sie hinein geklettert, gekrochen oder aufrecht gegangen?"

Auf die meisten seiner Fragen hat Barzilai noch keine Antwort. Bis zu zwei Meter dicke Sediment- und Schlammschichten bedecken den Boden auf dem sich die Bewohner vor 55 000 Jahren bewegt haben. Sonst hätten die Archäologen längst ein klareres Bild vom Leben in der Höhle. In den darüber liegenden Schichten finden sich Hinterlassenschaften von späteren Bewohnern, nur die obersten zwei Schichten sind frei von Menschenspuren; ein Hinweis darauf, dass die Höhle nicht bewohnt war, als ihr Eingang kollabierte.

Der glitschige Untergrund verbietet hektische Bewegungen

Barzilai schließt die Stahltür auf. Es braucht einen Moment, bis sich die Augen an den Kontrast von Dunkel und Scheinwerferlicht gewöhnt haben. Dann steht man plötzlich mitten im Wohnzimmer der Höhlenmenschen. Nur das Atmen fällt schwer, feuchtwarm klebt die Luft in den Lungen. Hektische Bewegungen verbietet der glitschige Untergrund allerdings sowieso. Die Forscher haben mit Sandsäcken Stufen und Absätze in die lehmige Rampe gebaut, die sich vom Eingang hinunter in scheinbar bodenlose Tiefe erstreckt, sonst wäre das hier eine gewaltige Rutschpartie. Ein paar Lampen weisen den Weg.

Gleich dort, wo wohl der alte Zugang lag, fand das Grabungsteam mehrere, bis zu anderthalb Meter große Feuerstellen. Um die 700 Grad heiß müssen diese frühen Herde einst gewesen sein, ergaben Untersuchungen des verbrannten Lehms. Mandelbäume, die vor der Höhle standen, lieferten gutes Brennholz. Die Feuer waren zweifellos auch sozialer Treffpunkt der damaligen Bewohner.

Das, was heute in vielen Familien der Fernseher ist. Barzilai breitet die Arme aus, um die Grenzen des Wohnbereichs anzudeuten. "Wir haben neun Feuerplätze gefunden, der letzte etwa zehn Meter tief in der Höhle." Er glaubt, dass dieses Feuer den Wohnbereich vom dunklen Rest der Höhle abgetrennt hat, der nicht regelmäßig betreten wurde.

Die Höhle ist feucht genug, sodass im Sommer niemand verdursten muss

25 bis 30 Frühmenschen haben hier vielleicht einmal gelebt, vermuten die Forscher. Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass es eine gemischte WG aus Homo sapiens und Neandertalern war. Hershkovitz und Barzilai sind uneins in der Frage, ob die Höhle nur ein saisonales Quartier war, oder ganzjährig bewohnt wurde. Sie ist feucht genug, sodass im Sommer niemand verdursten muss, im Winter ist sie schön warm. Klar ist, dass man hier nur leben konnte, wenn es genug Nahrung in der Nähe gab.

Die Landwirtschaft war noch nicht erfunden. Die ersten Bewohner der Höhle lebten von dem, was sie sammeln und jagen konnten. Die Mandelbäume vor der Höhle waren da wahrscheinlich sehr willkommen. Vegetation und Klima haben sich seither kaum verändert, sagt Hershkovitz. "So wie wir heute, haben auch sie über Hügel und Wälder geblickt. Nur gab es damals hier mehr Tiere." Steinböcke zum Beispiel, Hirsche, Bären und Hyänen.

Die Archäologen haben ihre Grabungen bisher auf drei Bereiche konzentriert. Den Eingang, den Boden der Höhle mit der großen Halle und ihren spektakulären Tropfsteinformationen und einen mittleren Abschnitt etwa auf halber Strecke zwischen Eingang und tiefstem Punkt. Dort liegt ein Schutthügel neben der Lehmrampe. "Die eingestürzte Decke", erklärt Barzilai und leuchtet mit seiner Taschenlampe nach oben. Dort landeten die Forscher bei ihrer ersten Abseilfahrt, und dort ist auch die Nische, in der das Schädelfragment lag. Wie es dahin kam, und warum es nicht unter Schlamm vergraben war? "Das wissen wir nicht", sagt der Archäologe.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB