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Evolution:Die ersten Landbewohner

Frühe mehrzellige Organismen entstanden offenbar nicht nur im Meer. Das zeigen mehr als eine Milliarde Jahre alte Mikrofossilien, die Forscher an der Westküste Schottlands entdeckt haben.

Das Leben an Land ist womöglich sehr viel früher entstanden als bislang angenommen wurde. Dies legt eine Studie nahe, die Wissenschaftler der Universitäten Oxford, Sheffield und Boston in der heute erscheinenden Ausgabe des Fachmagazins Nature (online) vorlegen.

Entstehung von mehrzelligem Leben

Zellpaare aus dem Gestein rund um Loch Torridon. Funde wie dieser deuten darauf hin, dass das Leben an Land früher entstanden ist als bislang angenommen.

(Foto: Oxford University/Martin Brasier)

Das Team um den Paläontologen Charles Wellmann hat Felsgestein rund um Loch Torridon, einen See an der Westküste Schottlands, untersucht. In dem grobkörnigen und silizumhaltigen Schiefer fanden die Forscher große Populationen verschiedener Mikrofossilien, die Analysen zufolge mehr als eine Milliarde Jahre alt sind. Bislang wurde vermutet, dass solche Lebensformen erst mehrere hundert Millionen Jahre später entstanden sind.

Die Wissenschaftler sammelten Gesteinsproben an 17 verschiedenen Standorten und konnten in den gefundenen Fossilien Strukturen wie Zellkerne, Mitochondrien und Chloroplasten nachweisen - also Zellbestandteile, die den sogenannten Eukaryonten vorbehalten sind.

Diese markieren einen wichtigen Wendepunkt in der Entstehung des Lebens auf der Erde: Sie bildeten erstmals komplexere Zellsysteme, die zur Photosynthese und vor allem zur sexuellen Fortpflanzung fähig waren. Letztere ermöglichte, dass die Evolution schneller als zuvor fortschreiten und neue Arten bilden konnte.

"Die neuen Fossilienfunde zeigen, dass der Sprung zu komplexen Algen in Landgewässern sehr viel früher stattgefunden hat, als wir bisher angenommen haben", sagt Martin Brasier von der Universität Oxford, Mitautor der Studie. Die Wissenschaftler nehmen außerdem an, dass es sich bei den gefundenen Zellen um die Vorläufer der ersten Grünalgen handeln könnte, aus denen sich 500 Millionen Jahre später dann die Landpflanzen entwickelten. Zu diesen gehören die sogenannten Moos-, Farn- und Samenpflanzen.

Die neue Studie ist aber auch noch aus einem weiteren Grund von Bedeutung: Bislang glaubten die Wissenschaftler, auch komplexe, mehrzellige Lebensformen hätten ihren Ursprung in der Ursuppe des Meeres gehabt. Die neuen Fossilienfunde aus Schottland hingegen könnten belegen, dass die ersten wichtigen Entwicklungsschritte auf dem Weg zu höheren Lebensformen nicht allein im Meer, sondern auch an Land vollzogen wurden.