Evolution des Menschen:0,2 Prozent Unterschied

Was unterscheidet uns moderne Menschen vom Neandertaler? "Das herauszufinden, war unsere eigentliche Motivation", sagt Pääbos Mitarbeiter Johannes Krause.

Auf den ersten Blick offensichtlich sind diese Unterschiede nämlich nicht. In vielen Abschnitten ähneln sich das Erbgut eines Neandertalers und das eines modernen Menschen stärker als die Genome zweier Vertreter von homo sapiens.

Das Erbgut des Neandertalers unterscheidet sich nur um 0,2 Prozent von dem des modernen Menschen. Diese Zahl allein sagt allerdings wenig darüber aus, wie stark sich die Abweichungen im Erbgut bemerkbar machen. Nicht jede Abweichung ist gleich bedeutsam. Daher können auch 0,2 Prozent Unterschiede im Erbgut dazu geführt haben, dass die Entwicklung des modernen Menschen einen neuen Weg einschlug.

Um die genetische Grundlage dieser neuen Entwicklung zu finden, verglichen die Forscher die Erbgut-Sequenzen von Schimpanse, Neandertaler und modernem Menschen. Ihre Suche galt jenen Abweichungen, die es allein beim Menschen gibt, egal ob er aus Südafrika oder Frankreich stammt, während das Neandertalergenom an den jeweils entsprechenden Stellen noch die ursprüngliche Sequenz aufwies, wie sie auch der Schimpanse hat.

Diese Erbgutabschnitte sind es vermutlich, die dem modernen Menschen zu Beginn seiner Evolution einen Vorteil brachten. "Der Neandertaler ist unsere einzige Ressource, die uns den Blick in diese Zeit der Menschheitsentwicklung ermöglicht", sagt Krause.

Das Gen AUTS2 macht vermutlich gesellig

Ganz oben auf der Kandidatenliste stehen Gene, die die kognitive Leistung beeinflussen und deren Mutation zu Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie führt.

"Vielleicht sind diese Erbanlagen dafür verantwortlich, dass sich der moderne Mensch so schnell und weiträumig auf der Erde ausbreiten konnte", spekuliert Krause.

Nach Ansicht mancher Forscher zeigen Schimpansen einige autistische Verhaltensweisen, beispielsweise kommunizieren sie nicht oder nur sehr selten über Blickkontakt, wie es unter Menschen üblich ist. Gut möglich also, dass Homo sapiens seine Fähigkeit und seinen Drang zur Gemeinschaft auch dem Gen AUTS2 verdankt.

In den meisten Fällen bleiben die Leipziger Forscher jedoch die Erklärung schuldig, welchen Vorteil die neuen Gene den ersten modernen Menschen boten. Mit der Entzifferung des Erbguts und der Identifikation einiger bedeutsamer Gene allein ist das Menschsein noch nicht erklärt.

Mindestens ebenso spannend ist die Frage, warum sich manche Gene im Erbgut des Menschen durchgesetzt haben, während der Neandertaler auch gut ohne sie auskam. Antworten darauf liefert die Arbeit aus Leipzig bislang jedoch nur sehr vage.

Andere Gene, die dem Menschen während der Frühzeit seiner evolutionären Entwicklung geholfen haben könnten, beeinflussen zum Beispiel die Beschaffenheit der Haut, regulieren den Energiestoffwechsel oder bestimmen mit über die Form von Brustkorb und Schädelknochen.

Mutieren sie, kann auch homo sapiens jene vorspringende Stirn ausbilden, wie man sie nur mit Urmenschen in Verbindung bringt. Doch welchen Vorteil könnte ein weniger markanter Stirnknochen dem modernen Menschen gebracht haben?

"Ich glaube nicht, dass die Form des Stirnknochens der eigentliche Grund war, warum sich das entsprechende Gen durchgesetzt hat", sagt Krause. "Sie war vermutlich eher ein Nebenprodukt der Evolution."

Fünf weitere der typisch menschlichen Gene steuern andere DNS-Abschnitte, legen Erbgut-Abschnitte still oder aktivieren sie. Solche regulatorischen Gene können die Entwicklung einer Art stark beeinflussen, doch wie dies im Fall von Homo sapiens genau ablief, ist ebenfalls noch unbekannt.

Eines aber wissen die Forscher schon jetzt: Sie graben zwar in den Genen der Urmenschen. Was sie dort finden, erzählt aber vor allem etwas über uns selbst.

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