Evolution des Menschen Blaue Augen und dunkle Haut bei Europas Steinzeitmenschen

Eine einzelnen Rekonstruktionsschritte zum Gesicht des Mannes, der vor 7000 Jahre gelebt hat

Etwa 7000 Jahre lagen seine Knochen in einer Höhle im Norden Spaniens. Nun haben Wissenschaftler das gut erhaltene Genom des Urzeitmenschen analysiert und einiges über sein Aussehen herausgefunden.

Von Hubert Filser

Kräftiger Bart, blaue Augen und gut gebräunte Haut: So stellen sich spanische Forscher um Carles Lalueza-Fox den gut 30 Jahre alten Steinzeitjäger vor, der vor rund 7000 Jahren in einer Höhle im Norden Spaniens in der heutigen Provinz Leon gelebt hat.

Weshalb er und sein etwa gleichaltriger Kumpel in der kühlen Gebirgsregion zu Tode kamen, ist nicht klar. Doch die Forscher interessieren sich auch mehr für Spuren im Genom des Mannes, die etwas über sein Leben und die damalige Zeit verraten. "Es ist der bisher älteste bekannte Mensch mit blauen Augen", sagt Lalueza-Fox (Nature, online).

Dass die Forscher vom Institut für Evolutionäre Biologie der Universität Pompeu Fabra in Barcelona und ihre Kollegen überhaupt so viel über einen Wildbeuter aus dem frühen Europa wissen, verdanken sie dem guten Erhaltungsgrad seines Genoms.

Jahrtausende lang lagen die Knochen dauerhaft gekühlt in einer Nische im weit verzweigten Höhlensystem.

Der "La Braña 1" getaufte Mann ist bislang der älteste Mensch aus dem sogenannten Mesolithikum, der Mittelsteinzeit in Europa, dessen Genom entschlüsselt werden konnte. Aus dieser Zeit gibt es nur sehr wenige gut erhaltene menschliche Überreste, den berühmten Ötzi zum Beispiel, aber der ist 1700 Jahre jünger.

Für Forscher ist dieser Zeitraum interessant, weil damals in Mitteleuropa noch keine Bauern und Viehzüchter lebten. Die Menschen ernährten sich komplett anders, vorwiegend von gesammelten Früchten und gejagten Tieren.

Genetiker erhoffen sich vom Vergleich der Wildbeuter-Gene mit denen von frühen Ackerbauern Aufschlüsse darüber, wie sich Krankheiten entwickelt haben, wie sich verschiedene Lebensweisen auswirken oder warum sich manche körperlichen Eigenschaften regional unterschiedlich entwickelten.

Das Skelett von La Braña 1, wie es 2006 entdeckt wurde

(Foto: J.M. Vidal Encina)

Die Laktoseintoleranz ist so ein Beispiel. Der bärtige Blauäugige aus Nordspanien beispielsweise vertrug noch überhaupt keine Milch, heute tun das in Europa fast 80 Prozent, mit großen regionalen Schwankungen.

Die Forschung an alter DNA erlebt gerade einen Boom. Neue, feinere Sequenziertechniken schaffen es, selbst schadhafte DNA besser zu lesen. Mit dieser Technologie wurden jüngst die Genome von Neandertaler und Denisova-Mensch ausgewertet.

Lalueza-Fox hat damit auch aus Blutspuren auf einem Taschentuch die DNA des 1793 hingerichteten französischen Königs Ludwig XVI. extrahiert und bei ihm eine erbliche Veranlagung zu Fettsucht, Diabetes und bipolarer Störung festgestellt.

Die Skelette der beiden Männer von La Braña hatten fünf Höhlenforscher entdeckt, als sie im Jahr 2006 zufällig einen Zugang zur Höhle aufspürten. Wie an vielen mesolithischen Fundstellen fanden sich an den Körpern Spuren von Ocker und eine Art Schmuck. Die 24 durchbohrten Zähnen von Rotwild wurden wohl an Kleider genäht, sagt Lalueza-Fox.

In Europa gab es im Paläolithikum wohl eine größere Bevölkerungsgruppe, die kulturell den Kontinent prägte, worauf auch die immer wieder auftauchenden Frauenfiguren hindeuten. Nun liefern die Genetiker trotz des dünnen Datenmaterials immer mehr Hinweis auf gemeinsame Wurzeln. Die Männer von La Braña sind genetisch Menschen ähnlich, die vor 23.000 Jahren in Mal'ta am russischen Baikalsee gelebt haben.

"Um tatsächliche Verwandtschaftsverhältnisse nachzuweisen, brauchen wir aber noch deutlich mehr Material", sagt Lalueza-Fox.

Gleichzeitig gibt es offenbar Einflüsse aus afrikanischen Populationen. Die Forscher haben zwei Gene identifiziert, die typisch für Hauptpigmentierung sind. Sie weisen auf eine dunklere Hautfarbe hin.