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Ethnologie:Es gibt Völker, die erdrosseln ihre Witwen

Ethnologen sind immer noch recht gut darin, solche Praktiken aus der inneren Logik dieser Gesellschaften zu erklären. "Über das Ertragen des Schmerzes" werde die "Attraktivität des Individuums" gesteigert und mache eine normale soziale Karriere überhaupt erst möglich, schrieb die Berliner Forscherin Anni Peller zu den Praktiken der Arbore; das Paper im Fachmagazin Afrika Spectrum trägt den launigen Titel "No pain, no gain". Die Altentötung in der Kalahari hat ohnehin praktische Gründe, sie dient dem Überleben der Gruppe. So lässt sich jede Menschenrechtsverletzung als leider notwendige, optimale Adaption an die Umwelt deuten.

Doch was ist der Nutzen einer weiteren, in manchen Omo-Orten verbreiteten Praxis? Wenn bei einem Baby etwa die Zähne zuerst im Oberkiefer wachsen, gilt es als "mingi" - als unrein und verflucht. Es wird dann im Busch ausgesetzt, wo es verhungert, oder es wird gleich ertränkt. Manchmal wird es von Missionaren gerettet. Ebenfalls keine Anpassung kann eine Sitte in Neubritannien sein: Dort haben sich nur zwei von 100 Völkern angewöhnt, ihre Witwen zu erdrosseln - bei praktisch identischen Umweltbedingungen.

Natürlich darf man nicht alle indigenen Völker über einen Kamm scheren; sie unterscheiden sich mindestens so stark wie moderne Gesellschaften untereinander. Manche sind friedlich, manche nicht; manche haben abscheuliche Gewohnheiten, andere nicht. Der Kulturanthropologe Jared Diamond weist etwa in seinem Buch "Vermächtnis" sogar darauf hin, "was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können". Immerhin sei niemand einsam dort, auch die Alten nicht, in den meisten indigenen Völkern würden die Kinder autonomer aufwachsen, zugleich sei im Dorf immer jemand für sie da. So würden eher selbstständige Menschen aus ihnen. Und: Sie kochen nicht mit Salz, was besser fürs Herz sei.

Das ist ein bisschen wenig, um indigene Völker zu idealisieren - wovor auch Diamond ausdrücklich warnt. Vielmehr wäre es an der Zeit, jene unter Ethnologen immer noch verbreitete Haltung in Frage zu stellen, die jede menschliche Gesellschaftsform für bewahrenswert hält. Sie entspringt dem vom deutschstämmigen Ethnologen Franz Boas (1885-1942) begründeten Kulturrelativismus, der behauptet, dass jede Kultur nur aus sich selbst heraus zu verstehen und sie in ihren Werten und Normen von außen nicht zu beurteilen sei. Das war mal eine progressive Ansicht, als man westlichen Rassismus kritisieren wollte und die Meinung ablehnte, dass die ganze Welt möglichst dem europäischen Entwicklungsmodell folgen sollte. Heute ist die Ansicht erbärmlich, etwa wenn emanzipierte deutsche Forscherinnen Frauen in Afrika erklären, dass es ganz in Ordnung sei, wenn ihre Geschlechtsorgane verstümmelt werden.

Es ist der gleiche Relativismus, mit dem die chinesische Staatsführung der Bevölkerung volle Rechtsstaatlichkeit und Demokratie verwehrt. Oder der in fundamentalistischen islamischen Ländern Frauen die Gleichberechtigung versagt. Eine solche Haltung führt zu einem Paternalismus, der für die angeblich Schutzbefohlenen selbst böse Folgen haben kann. So beschrieb bereits vor Jahren der australische Ethnologe Roger Sandall, wie ein gut gemeinter Schutz der Originalkultur dazu führte, dass die Kinder von Aborigines in Nordwest-Australien kein Lesen und Schreiben in Englisch lernten und so zu vorbildlich indigenen Analphabeten wurden - leider ohne Zukunft auf dem Arbeitsmarkt.

Nun muss man nicht glauben, dass man mal auf die Schnelle, gar von außen ein modernes Strafrecht und eine Frauenquote für Stammesämter im Omo-Tal oder Papua-Neuguinea etablieren kann. Es ist schon viel wert, wenn Menschenrechtsgruppen und NGOs in Afrika die Beschneidung ein wenig zurückdrängen können. Doch es gibt keinerlei Grund, von den Verhältnissen in Stammesgesellschaften zu träumen - genauso wenig wie man über die Probleme von Industriestaaten hinweg sehen muss. Dennoch läuft in diesen so einiges auch besser. Der mittlerweile emeritierte Ethnologe Robert B. Edgerton von der University of California, Los Angeles, hat es schon vor Jahren schön formuliert: "Alle Gesellschaften sind krank, aber manche sind kränker als andere."

© SZ vom 15.10.2016

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