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Ethnologie:Seit die Touristen kommen, werden die Lippenteller der Mursi-Frauen größer

Auf ähnliche Weise lassen sich auch die ästhetisierenden, kleidungstechnisch wahrscheinlich nicht ganz korrekten Porträts Jimmy Nelsons deuten: Das fotografische Interesse des Westens kann die Identität von kleinen Völkern stärken, die ja häufig am Rande der Gesellschaft leben. Nelson ist ja nicht der einzige Fotograf, der sich zu indigenen Völkern aufgemacht hat. So werden mittlerweile etwa von Addis Abeba aus Fotosafaris in das Omo-Tal im äußersten Südwesten Äthiopiens angeboten, wo ein Dutzend indigener Völker - unter anderem die Mursi, Hamar, Sumar, Karo - noch in relativ großer Isolation lebt. Hier ist der sogenannte Schattenverkauf - das Posieren für Kameras - in einigen Orten zur wesentlichen Einkommensquelle geworden, denn die Touristen müssen für jeden Klick zahlen.

Gerade wegen dieses relativ neuen touristischen Interesses fühlten sich die Menschen im Omo-Tal erstmals von Außenstehenden in ihrer Kultur bestärkt, pflegen traditionellen Schmuck und Körperbemalung. Was allerdings manchmal zu bizarren Effekten führt: Der britische Ethnologe David Turton hat nachgemessen und festgestellt, dass der durchschnittliche Durchmesser der - ohnehin schon riesigen - Lippenteller der Mursi-Frauen weiter gewachsen ist, seitdem Touristen kommen. Offenbar eine Reaktion auf das fotografische Interesse: Wer die größere Lippe wagt, erhält mehr Klicks und mehr Geldscheine.

350 Millionen Menschen

auf der Welt gehören im weitesten Sinne zu den indigenen Völkern, allein auf Neuguinea leben über 1000 Völker, die zum Teil extrem unterschiedliche Sprachen sprechen. Dabei bedeutet der Begriff nicht, dass alle Angehörigen solcher Völker ein vormodernes Leben führen. So gelten etwa die Samen Lapplands als indigen, nutzen aber heute Schneemobile und Helikopter. Entscheidend ist, dass sie vor der Eroberung oder Staatsgründung durch andere Völker in einem Gebiet lebten und ihre Traditionen beibehalten haben.

Doch nicht nur wegen solcher Wechselwirkungen bleibt ein leichtes Unbehagen an Bildern wie denen Jimmy Nelsons. Gerade in ihrer Schönheit werden die von ihm porträtierten Menschen zu primär exotischen Objekten, gezähmten Fremden; sie präsentieren sich auf den Fine-Art-Prints so wie Zirkuslöwen hinter Gittern, fremd, aber gezähmt. Sie bedienen die Schaulust, können aber nicht beißen. Man erfährt nichts über sie, außer dass sie offenbar eine starke und harmonische Gemeinschaft stolzer Menschen bilden. So lassen sie jede Menge Raum für die Projektionen zivilisationsmüder Europäer. Und was sehen die? Edle Wilde, deren Sitten und Gebräuche so geschützt werden müssen wie Roter Panda und Schuppentier. Kaum jemand wagt die ketzerische Frage: Ist das eigentlich wünschenswert?

Das liegt vielleicht auch daran, dass auf den exotischen Bildern starker Krieger und halbnackter junger Frauen eben nicht zu sehen ist, dass die Lebenserwartung in indigenen Völkern mangels ordentlicher Gesundheitsversorgung in der Regel niedrig ist, dass Hexenglaube und Gewalt in all ihren Formen sehr stark verbreitet sind, soziale Beziehungen wie Freundschaften sehr viel zweckorientierter sind. Nahrungsmittel-Tabus führen in vielen dieser Gesellschaften zu einer schlechteren Ernährung, religiöse Vorstellungen zu unnötigen Ängsten.

Manchmal vernichteten die sogenannten Naturvölker auch ihre Umwelt, so etwa die Maori. Die Ureinwohner Neuseelands verbrannten Anfang des 14. Jahrhunderts nahezu den gesamten Wald der Insel. Auch die Sexualität ist in aller Regel sehr viel regulierter als in westlichen Gesellschaften. Was die US-Ethnologin Margareth Mead über das angeblich unbeschwerte sexuelle Erwachen der Jugend auf Samoa schrieb, war ein empirisch wenig fundiertes Paradies-Klischee.

Das äthiopische Omo-Tal etwa, wo Jimmy Nelson für seine früheren Bildreihen ebenfalls fotografierte, zeichnen sich durch besondere Gewalttätigkeit aus. Bei manchen Gruppen muss ein Mann einen Feind getötet haben, um überhaupt heiratsfähig zu werden. Bei den Hamar werden alle Frauen zur Initiation so ausgepeitscht, dass ihnen blutend die Haut aufplatzt. Beim Omo-Volk der Arbore werden Mädchen im Alter von sechs oder zwölf Jahren die zwei mittleren, unteren Schneidezähne aus dem Kiefer gebrochen. Vor der Heirat folgt die radikale Verstümmelung der Vulva. Mit Rasierklinge oder Küchenmesser entfernt eine medizinisch ahnungslose Beschneiderin Klitoris und innere Schamlippen; desinfiziert wird mit Butter, Asche oder Kuhdung.

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