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Erziehung:Falsches Lob macht Schummler

Schule

Die Art des Feedbacks entscheidet darüber, was Kinder sich zutrauen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Wenn Eltern pauschal die Intelligenz ihrer Kinder preisen, setzt das die Kleinen unter Druck. Richtiges Lob funktioniert anders.

Kinder müssen heute kaum einen Finger krümmen, um Eltern in Ekstase zu versetzen. Die Kleine geht die ersten Schritte, ohne umzukippen? "Ja, super, du bist ja eine richtige Läuferin", flöten Mama und Papa. Oder bei der Einschulung, der Sechsjährige erledigt die erste Hausaufgabe, er soll eine Schultüte ausmalen. "Fantastisch, du bist ja ein Künstler", preisen die Eltern das bunte Durcheinander auf dem Papier. Der Nachwuchs wird gerne mit Lob überschüttet, schließlich sind die meisten Mütter und Väter wirklich von den Taten ihrer Kinder begeistert. Zum anderen gilt Lob heute als eine Art Wundermittel, um Selbstvertrauen zu stärken, erwünschtes Verhalten positiv zu verstärken und Potenziale zu wecken. Doch die Anzeichen mehren sich, dass Lob auch kontraproduktiv sein kann.

"Wir wollen Kinder bestärken und dafür sorgen, dass sie mit sich im Reinen sind", sagt der Entwicklungspsychologe Kang Lee von der Universität Toronto. Doch um das zu erreichen, "müssen wir Kinder auf die richtige Art und Weise loben". Welche Fehler Eltern vermeiden können, demonstriert Lee in einer Studie, die in der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurde.

Gemeinsam mit Kollegen analysierte er, wie 300 Kinder aus China mit unterschiedlichem Lob umgingen. Die Kleinen - eine Hälfte war drei Jahre, die andere fünf Jahre alt - nahmen an einem Ratespiel teil. Gaben sie eine korrekte Antwort, bekamen sie unterschiedliches Feedback: "Das hast du diesmal sehr gut gemacht" oder "Du bist so schlau".

Priesen die Forscher die Intelligenz der Kinder, zeigte dies unerwünschte Folgen: Hatten die Kleinen die Gelegenheit dazu, schummelten sie eher als die anderen. "Lob ist komplexer, als wir denken", sagt Lee. Wird die Leistung eines Kindes als Folge von dessen Intelligenz gelobt, entstehen daraus Druck und Versagensangst. Fehler bedeuteten ja im Umkehrschluss, dass es mit der Intelligenz nicht so weit her ist. Auch überschwängliches Lob kann bei Kindern Druck erzeugen, dass sie höchsten Erwartungen genügen müssten.

Ähnliche Ergebnisse hat Carol Dweck von der Stanford University publiziert. Egal ob die Entwicklungspsychologin Vierjährige, Pubertierende oder junge Erwachsene untersuchte, stets stieß sie auf die gleichen Muster: Wurden Schüler für ihre Intelligenz gelobt, beförderte dies kurz deren Stolz, ging dann aber nach hinten los. Mit Misserfolgen konnten diese Kinder kaum umgehen. Statt sich mehr anzustrengen, gaben sie rasch auf und trauten sich nur an einfache Aufgaben heran, in denen sie garantiert glänzten.

Statt die Intelligenz eines Kindes zu preisen, sollten Eltern also deren Taten loben. Zum Beispiel: "Gut gemacht, und besonders toll finde ich, dass du dich angestrengt hast." Die Psychologin Dweck beobachtet, dass diese Art des Feedbacks Schüler eher motiviert, sich an schwierige Aufgaben zu wagen. Scheitern werde dann nicht als Beweis gewertet, zu doof für die Anforderungen zu sein. Und noch ein Tipp an nun hoffentlich nicht verunsicherte Eltern: Stellen Sie das Loben bloß nicht ganz ein - denn wie Sie sich anstrengen, Ihre Kinder zu unterstützen, ist wirklich großartig.

© SZ vom 16.09.2017

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