Süddeutsche Zeitung

Erneuerbare Energien:Beim Heizen kommt die Energiewende nicht voran

Lesezeit: 4 min

Gas und Öl sind billig - deshalb steigen immer weniger Hausbesitzer auf erneuerbare Energien um. Damit sich das ändert, fordern Experten eine Abgabe auf fossile Brennstoffe.

Von Ralph Diermann

Wer mit Erdgas heizt, kann dem nahenden Winter recht entspannt entgegen sehen. Der Brennstoff ist laut dem Tarifportal Verivox so günstig wie seit 2005 nicht mehr. Auch Heizöl ist trotz zuletzt gestiegener Preise immer noch deutlich billiger als noch vor einigen Jahren. Sofern es nicht zu lang anhaltenden Kälteperioden kommt, können sich viele Millionen Haushalte im kommenden Jahr darauf freuen, einen Teil ihrer Heizkosten erstattet zu bekommen.

Die niedrigen Gas- und Ölpreise haben jedoch eine Kehrseite: Sie machen es für Hausbesitzer nicht gerade attraktiver, beim Heizen auf erneuerbare Energien zu setzen. Gerade einmal 13 Prozent des heimischen Wärmebedarfs werden bislang aus regenerativen Quellen gedeckt. Während beim Strom der Öko-Anteil mittlerweile bei 38 Prozent liegt, bleibt die Energiewende im Heizungskeller bislang aus. So nutzt nur jede fünfte der 2016 verkauften Heizungen erneuerbare Energien, wie eine Statistik des Heiztechnik-Verbandes BDH zeigt. Vor fünf Jahren waren es noch 26 Prozent, im Rekordjahr 2008 - als die Öl- und Gaspreise Höchststände erreichten - gar 45 Prozent.

Eine Wärmepumpe kostet mehr als doppelt so viel wie eine Öl- oder Gasheizung

Der Rückgang geht vor allem auf das Konto der Bestandsbauten, die mit 84 Prozent den Löwenanteil des Heizungsmarktes ausmachen. Die Hersteller von Solarthermieanlagen mussten gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang von acht Prozent verbuchen, bei Holzkesseln betrug das Minus vier Prozent. Dieser Abwärtstrend setzte sich im ersten Halbjahr 2017 fort. Nur die Wärmepumpen legten 2016 um 17 Prozent und in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 21 Prozent zu. "Die positive Entwicklung bei Wärmepumpen ist vor allem auf das dynamische Neubaugeschäft zurückzuführen", erklärt BDH-Hauptgeschäftsführer Andreas Lücke. Wärmepumpen werden vor allem in neuen Immobilien installiert, sodass der Boom im Wohnungsbau den Anlagen eine Sonderkonjunktur bescherte.

Dass die erneuerbaren Energien im Gebäudebestand nicht aus ihrer Nische kommen, liege jedoch nicht allein an den niedrigen Preisen für fossile Brennstoffe, meint Energieberater Patric Schulz aus Kassel. "Heizungsbauer installieren am liebsten Gas- und Ölkessel, weil sie darin sehr viel Erfahrung haben und zudem gutes Geld damit verdienen", hat der Experte beobachtet. Wolle ein Hausbesitzer seine alte, fossile Heizung erneuern, rieten die Installateure daher in der Regel zu einem modernen Gas- oder Öl-Brennwertkessel statt zu einer Wärmepumpe oder einer Holzheizung, sagt Schulz.

Dazu kommt, dass Hausbesitzer für Öko-Heizungen viel Geld in die Hand nehmen müssen - Wärmepumpen und Holzheizungen kosten etwa doppelt bis dreimal so viel wie Gas- oder Ölkessel. Die niedrigeren Betriebskosten können das erst auf lange Sicht kompensieren. Ähnlich sieht es bei der Solarthermie aus. Erneuerbare-Energien-Heizungen sind in den vergangenen Jahren kaum günstiger geworden.

Die Fördertöpfe sind gut gefüllt

Daran werde sich auch nichts ändern, solange so wenige Anlagen verkauft würden, meint Ulf Sieberg, Referent für Erneuerbare Wärme beim Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE). "Derzeit fertigen die deutschen Hersteller im Jahr zusammen zum Beispiel etwa 60 000 Wärmepumpen. Das geschieht mit sehr viel Handarbeit, was natürlich teuer ist. Eine voll automatisierte Produktionsstätte lohnt aber erst ab 300 000 Anlagen", erklärt Sieberg. Seine Schlussfolgerung: "Wenn die Kosten sinken sollen, müssen Bedingungen geschaffen werden, die die Nachfrage nach Erneuerbaren Anlagen steigen lassen."

Zwar sind die Fördertöpfe üppig gefüllt, seitdem die Bundesregierung die Mittel für das sogenannte Marktanreizprogramm vor zwei Jahren deutlich erhöht hat. Doch der gewünschte Effekt ist ausgeblieben. Der BEE schlägt daher vor, ein zusätzliches Instrument einzusetzen: eine Abgabe auf Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Heizöl und Erdgas freigesetzt wird. Vorbild ist die Schweiz, wo es einen solchen Aufschlag bereits seit 2008 gibt.

"Eine Bepreisung von CO₂ verbessert die Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren gegenüber den fossilen Energien im Wärmemarkt", sagt Sieberg. Die Abgabe solle zunächst bei 25 Euro pro Tonne CO₂ liegen. Das entspricht Mehrkosten von ein bis zwei Cent pro Kilowattstunde Brennstoff. Heizöl wäre wegen seiner schlechteren Klimabilanz stärker betroffen als Erdgas. Mit dem Aufschlag könnten laut BEE circa 3,4 Milliarden Euro erlöst werden, die den Bürgern etwa über eine Senkung der Einkommenssteuer und eine Erhöhung von Renten, Arbeitslosen- und Wohngeld rückerstattet werden sollen. Vor allem Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen würden profitieren. Mit seinem Konzept liegt der Verband auf Linie mit einer Gruppe renommierter Energieexperten, darunter das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die Deutsche Energie-Agentur (dena) und die Denkfabrik Agora Energiewende, die kürzlich gemeinsam eine umfassende, aufkommensneutral gestaltete CO₂-Bepreisung - für die Wärme genauso wie für Strom und den Verkehr - gefordert haben.

Die Immobilienbranche zeigt sich für den BEE-Vorschlag grundsätzlich aufgeschlossen. "Marktwirtschaftliche Lenkungsinstrumente wie eine CO₂-Abgabe auf Erdgas und Heizöl können sinnvoll sein, um die erneuerbaren Energien in der Wärmeversorgung voranzubringen. Wir sind auf jeden Fall offen für eine Diskussion darüber", sagt Thomas Zinnöcker, Chef des Energiedienstleisters Ista und zugleich Vizepräsident des Immobilien-Dachverbandes ZIA. Allerdings müsse man sich über die konkrete Gestaltung einer solchen Abgabe genau Gedanken machen. "Es darf nicht passieren, dass die Mittel einfach abgeschöpft werden - sie müssen sozial gerecht umverteilt werden und auch die Auswirkungen auf die Immobilieneigentümer müssen dabei ausreichend berücksichtigt werden", erklärt Zinnöcker.

Neue gesetzliche Vorgaben wie etwa eine Pflicht zur Nutzung erneuerbarer Energien bei der Heizungsmodernisierung lehnt Zinnöcker dagegen strikt ab. "Eigentümer dürfen nicht gezwungen werden, etwas zu tun, was sie für nicht sinnvoll halten. Deshalb ist es falsch, auf mehr Regulierung zu setzen", sagt der ZIA-Vize. Die ordnungsrechtlichen Vorgaben zur energetischen Qualität von Gebäuden sollen demnächst überarbeitet werden. Die Grünen hatten gefordert, in diesem Zuge Hausbesitzer zu verpflichten, künftig einen Teil ihres Wärmebedarfs aus regenerativen Quellen zu decken, wenn sie ihre Heizung modernisieren. Union und FDP, mögliche Koalitionspartner der Grünen, schließen Regulierungen dieser Art allerdings aus.

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SZ vom 20.10.2017/edi
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