"Power to Gas":Sogar Flugzeuge könnte man mit dem aus Wind gewonnenen Treibstoff betanken

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht aber keinen Grund, seinen Kurs zu korrigieren. Langzeitspeicher wie Power-to-Gas seien erst bei "sehr hohen Anteilen erneuerbarer Energien" nötig, erklärt eine Sprecherin. "Bis dahin sind andere Flexibilitätsoptionen auf absehbare Zeit voraussichtlich kostengünstiger." Gemeint sind Stromnetze, flexible Kraftwerke oder das sogenannte Lastmanagement. Zwischen all diesen Optionen solle es einen Wettbewerb geben. "Dass sich Power-to-Gas-Projekte derzeit betriebswirtschaftlich noch nicht lohnen, spiegelt den aus Systemsicht aktuell fehlenden Bedarf wider", heißt es aus dem Ministerium. Die Technologie sei derzeit einfach "noch zu teuer". Deshalb sei weitere Forschung und Entwicklung notwendig.

Michael Sterner macht da eine andere Rechnung auf. Langzeitspeicher seien zwar erst von 2030 an nötig, bestätigt der Professor für Energiespeicher an der OTH Regensburg. Aber nur, wenn der Netzausbau nach Plan laufe - was nicht der Fall ist. Außerdem könne die Technologie einem Sektor helfen, der sich bis heute beharrlich jedem Klimaschutz widersetzt: dem Verkehr. Sogar Flugzeuge ließen sich mit dem aus Wind gewonnenen Treibstoff betanken. "Wir müssen jetzt ran an die Verkehrswende und dürfen nicht länger das Feigenblatt Forschung vorschieben", fordert Sterner.

Es ist ein klassisches Henne-Ei-Problem: Bleiben die Projekte realitätsfern wegen der politischen Bedingungen? Oder muss weiter geforscht werden, um die Marktreife zu erlangen? So nämlich sieht es Walter Leitner. Der Professor für Technische Chemie und Petrolchemie an der RWTH Aachen leitet das "Power-to-X"-Forschungskonsortium, das den Zuschlag für das Kopernikus-Projekt bekommen hat. "Wir wollen nicht die Welt ändern, dass sie zur Technologie passt, sondern Technologien entwickeln, die zur Welt passen", sagt er.

Leitner strebt passgenaue Produkte an, für die es heute schon Nachfrage gibt. "Wir wollen den Überschussstrom nicht nur speichern, sondern in Produkten nutzen, die besser sind als jene, die wir heute schon haben", sagt er.

Seine Vision: ein Verkehrssystem ohne Schadstoffe und Emissionen. So ließe sich die Molekülstruktur von Kraftstoffen neu zusammensetzen, sodass diese völlig frei von Ruß und Stickstoffoxid sind. Ein Auto, das solchen synthetischen Sprit tankt, bräuchte keine Filter mehr. Auch sollen die Fahrzeuge Wasserstoff aus der Elektrolyse verbrennen und damit keine Treibhausgase mehr ausstoßen, sondern nur Wasser. Geeignete Kohlenstoffverbindungen würden dann nur noch als Träger für den Wasserstoff dienen. In flüssiger Form ließe sich das Gas, so ein weiteres Ziel, in Tanklastzügen transportieren. "Die erneuerbaren Energien müssen wir auch in die Bereiche bringen, die wir nicht vollständig dekarbonisieren können", sagt Leitner. Neben dem Verkehr zählt er auch die Chemieindustrie dazu, für die sich passgenaue Kunststoffpolymere herstellen ließen.

Noch sind das nur Pläne. Fest steht aber: In zehn Jahren sollen drei Technologien umgesetzt sein - welche, ist noch offen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB