Ernährung Fehlende Transparenz

Das ist wohl richtig - nachweisbar ist der Eingriff ins pflanzliche Erbgut im fertigen Schnitzel nicht mehr. Auch ein Gesundheitsrisiko für den Verbraucher geht von den Produkten nicht aus. Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA prüft die GVO auf Unbedenklichkeit, bevor sie nach Europa dürfen.

Anteil der Futtermittel zur Herstellung des jeweiligen Lebensmittels, die GVO enthalten

Transparent ist die fehlende Kennzeichnung jedoch nicht. Für viele Verbraucher ist auch wichtig zu erfahren, ob sie mit ihrem Einkauf bewusst oder unbewusst die Wirtschaftsweise unterstützen möchten, die mit dem Anbau von GVO verbunden ist. In Brasilien hat man etwa mit Mais 1507 keine guten Erfahrungen gemacht, einzelne Bauern berichten von Ernteeinbrüchen von bis zu 30 Prozent. Auf den Felden tauchen resistente Raupen des Eulenfalters auf, gegen die das Toxin der genveränderten Pflanze wirkungslos geworden ist. In Puerto Rico musste der Mais deshalb vor einigen Jahren vom Markt genommen werden.

Andererseits kamen Forscher in Nature Biotechnology in einer Übersichtsarbeit zu dem Schluss, Bauern hätten größtenteils finanziell vom Umstieg auf GVO profitiert, besonders in Entwicklungsländern. In 124 untersuchten Fällen hätten sich die Ernten verbessert, nur in 13 verschlechtert. "Wo insektenresistente Pflanzen wachsen, sinkt der Pestizideinsatz", schreiben auch Forscher von der Universität Surrey. Die Wasserverschmutzung nehme ebenfalls ab. Zugleich warnen die Forscher aber vor dem Risiko zunehmender Resistenzen.

"Der Konsument sollte eine bewusste Kaufentscheidung treffen können", fordert Andreas Winkler. "Will ich die Gentechnik mit allen damit verbundenen Aspekten unterstützen oder nicht?" Bereits jetzt sind etwa drei Viertel aller Verbraucher nach Umfragen unsicher beim Einkauf, viele ärgern sich über unklare Angaben auf der Verpackung.

Konfrontation mit Brüssel?

Das dürfte ein Grund dafür sein, dass auch die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag eine Kennzeichnung "für Produkte von Tieren, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden", fordert. "Die Bemühungen sind da", formuliert ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums nebulös. Ein nationales Gesetz mache aber keinen Sinn, und in der EU-Kommission gebe es nicht genug Unterstützung dafür. Ob der neue Agrarminister Christian Schmidt die Konfrontation mit Brüssel wagt, ist fraglich. Die EU-Kommission verweigert dazu jeden Kommentar.

Suchen Verbraucher Transparenz, können sie bislang auf Siegel wie "Ohne Gentechnik" ausweichen. Hier ist auch die Verwendung von GVO-haltigem Futter ausgeschlossen. Das gilt aber nur für einen bestimmten Zeitraum: Bei Schweinen dürfen Landwirte vier Monate bis zur Schlachtung keine GVO mehr verfüttern, bei der Milcherzeugung sind es drei Monate, bei Hühnern sechs Wochen vor dem Eierlegen. Zudem sind Zusätze wie Aminosäuren im Futter erlaubt, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden - ganz ohne Gentechnik geht es also fast nirgends. Der Erfolg des Siegels ist jedoch begrenzt, bislang nutzen es gut 130 Betriebe. Zum Vergleich: Etwa 30 000 Landwirte sind als "bio" zertifiziert. Sie verpflichten sich damit ebenfalls, auf Gentechnik im Futtermittel zu verzichten.

Auf dieser Karte finden Sie die Lizenznehmer des Siegels "Ohne Gentechnik" in der Übersicht

Die Lebensmittelwirtschaft selbst steht dem Vorschlag, die Gentechnik-Kennzeichnung auszuweiten, gespalten gegenüber. "Der Verbraucher will das durchaus wissen", sagt Marcus Giernau vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde BLL. Produzenten von tierischen Lebensmittel sähen die Forderung im Koalitionsvertrag eher skeptisch. Doch es gebe viele Firmen, die eine Ausweitung der Kennzeichnung sogar begrüßen, "um das ganze Spektrum der Gentechnik als Prozess sichtbar zu machen". Das hieße dann, auch alle Vitamine, Enzyme, Aromen zu kennzeichnen, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt werden. So hergestellte Stoffe müssen bislang ebenfalls nicht gesondert auf der Packung ausgewiesen werden.

Warum wagen dann nicht diese Firmen genau dieses Experiment - und schreiben freiwillig auf die Packung, welche Bestandteile in irgendeiner Form mit Gentechnik in Berührung kamen? "Keiner weiß, wie der Verbraucher darauf reagieren würde", sagt Giernau. "Deshalb will auch niemand der erste sein, der sich damit vorwagt."

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