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Ernährung:Welche Fische wir essen - und welche wir essen sollten

Fisch ist gesund. So gesehen ist das eine gute Nachricht: Wir verzehren immer mehr Fisch. 2014 waren es weltweit im Durchschnitt knapp über 20 Kilogramm pro Kopf. Fast doppelt so viel wie noch vor 50 Jahren.

Wer mehr Fisch isst, muss mehr fischen. Immer wieder heißt das: Fangen, bis der Bestand bedroht ist. Die Zeiten, in denen Fischfang ein harmloser Eingriff in ein intaktes Ökosystem ist, sind schon lange vorbei.

Ein Beispiel von der deutschen Ostseeküste: Der Kabeljau gilt dort seit 20 Jahren überfischt. "Und 2015 passiert, was wir befürchtet haben: Er hat kaum mehr Nachwuchs produziert", sagt Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei. Der Kabeljau schwimmt immer noch millionenfach in der Ostsee, die Population sank aber so sehr, dass sich sein Bestand nur noch substanziell erholt, wenn endlich weniger Kabeljau gefischt wird. Um solche Situationen zu verhindern, versuchen Industrieländer mit Fangquoten die Bestände zu kontrollieren.

Weil trotzdem immer mehr Regionen überfischt sind, fahren die Fangflotten immer weiter hinaus auf die Ozeane und vermarkten neue Fischarten. Der heute in Deutschland so beliebte Alaska-Seelachs war in den 80er-Jahren in Deutschland kaum zu bekommen. Trotz dieser Maßnahmen stößt die Fischerei an ihre Grenzen, seit 20 Jahren stagniert der Wildfang. "Weitere Steigerungen sind schlicht nicht mehr möglich", sagt Rudi Voss von der Uni Kiel. Auch weil die Politik die Mengen begrenzt. In der EU regulieren Fangquoten die Fischwirtschaft.

Um die wachsende Nachfrage auf dem Weltmarkt zu befriedigen, kommt inzwischen die Hälfte der Fische aus der Aquakultur, einer Art Massentierhaltung im Wasser:

Einer der bekanntesten Zuchtfische ist der Lachs. Die Raubtiere wachsen bis zur Schlachtung in Wasser-Gehegen heran - und müssen dabei mit Fisch gefüttert werden. Es gilt die Faustregel: Ein Kilo Lachs braucht zwei bis fünf Kilo tierische Nahrung wie Fischmehl. Experten nennen das Konversionsrate.

Die Aquakultur sei immer noch deutlich besser als in anderen Massentierhaltungen, sagt Zimmermann vom Thünen-Institut. Umweltschützer sehen das viel kritischer: "Bei Fischarten, die selbst auf tierisches Protein angewiesen sind, ist auch Aquakultur nicht nachhaltig", sagt Thilo Maack von Greenpeace. Hinzu kommen Probleme, wie man sie aus der Landwirtschaft kennt: Wohin mit dem Dreck? Wie können Krankheiten verhindert werden, die sich in den Gehegen schnell verbreiten?

Auch die Aquakulturen werden die Probleme der Fischerei auf den Weltmeeren nicht lösen können.

So können Verbraucher ökologisch korrekt einkaufen

Von den mehr als 700 essbaren Fischarten weltweit landet nur ein Bruchteil bei Händlern und in Supermärkten. In Deutschland sind das vor allem Alaska-Seelachs, Hering, Thunfisch und Lachs, der beliebtesten Fisch der Deutschen. Marktanteil: 20,5 Prozent.

Bei Greenpeace ist der Lachs in der roten Kategorie - "Finger weg, nicht nachhaltig". Wer mit gutem Greenpeace-Gewissen Lachs essen will, muss sich auf die Suche nach Wildfang aus dem Nordpazifik machen.

Der Alaska-Seelachs hat zwar mit dem richtigen Lachs so wenig zu tun wie Äpfel mit Erdäpfeln, teilt mit seinem teuren Namensvetter aber zwei Eigenschaften: Er ist begehrt bei den Deutschen - Marktanteil 20 Prozent - und trägt das Umweltschützer-Siegel "Finger weg". Der Pollack, wie der Alaska-Seelachs eigentlich heißt, ist in Fischstäbchen oder Schlemmerfilets verarbeitet.

Fischexperte Zimmermann stellt vielen Fischkonsumenten in Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus: "Sie wollen ihren Fisch möglichst ohne Gräten und Geschmack, möglichst billig und möglichst weiß." Alles Kriterien, die der Alaska-Seelachs erfüllt. Zimmermann plädiert für mehr frischen, regionalen Fisch. Nur jedes zehnte in Deutschland verkaufte Kilo war 2015 unverarbeitet. Mehr als jedes zweite Kilo dagegen waren Konserven oder Tiefkühlware.

Für den Bestand ist es freilich egal, ob der Hering frisch oder als "Bratheringsfilet in feiner Marinade" auf den Teller kommt. Wer ökologisch bewusst einkaufen will, hat mehrere Möglichkeiten.

Wer auf Fisch nicht verzichten mag, aber nur wirklich unbedenkliche Fische essen möchte, der orientiert sich am besten an Fischratgebern.

Die Umweltorganisationen Greenpeace und WWF veröffentlichen jedes Jahr eigene Ratgeber - und kommen darin zu unterschiedlichen Ergebnissen. Greenpeace ist strenger: Erfüllt ein Fisch bei Greenpeace ein Kriterium nicht, fällt er durch. Der WWF arbeitet mit einem Ampelsystem. Und trotz der klaren Ja-Nein-Logik von Greenpeace und dem Rot-Orange-Grün-Schema von WWF lesen sich die Ratgeber wie Beipackzettel. Für fast jede Fischart gibt es Ausnahmen je nach Region, Subregion oder Fangmethode.

Einfacher zu verstehen sind Zertifikate. Wie bei anderen Biolebensmitteln lassen sich Produzenten mit Siegeln bescheinigen, dass ihre Produkte nachhaltig sind. Drei der bekanntesten Siegel:

Das MSC-Siegel ist in Supermärkten weit verbreitet: Auf vielen verpackten Tiefkühlprodukten ist das blaue Logo zu sehen. MSC vergibt ihr Zertifikat in Zusammenarbeit mit WWF an Fischereien, die drei Kriterien erfüllen müssen: Die Bestände nachhaltig bewirtschaften, das Ökosystem aufrechterhalten und ein effektives Fischereimanagement betreiben. Greenpeace lehnt das MSC-Zertifikat nicht grundsätzlich ab, fordert aber Verbesserungen.

Analog zum MSC - nur für Fische aus Aquakultur.

Naturland zertifiziert seit zwanzig Jahren Betriebe in Deutschland, Afrika und Asien, die zusammen über 15 verschiedene Fischarten im Sortiment haben. Die meisten davon sind Zuchtfische wie Forellen oder Pangasius. Wer das Siegel des Verbands des ökologischen Landbaus auf sein Produkt drucken will, muss neben Richtlinien zur Verarbeiten auch seiner Verantwortung nachkommen.

© SZ.de/kabr/woja/fehu

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