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Ernährung:Mehlwurm zum Kaffee

Kann man die Menschen in Europa dazu bringen, Insekten zu verspeisen und auch noch lecker zu finden? Das fragten sich Schweizer Verhaltensökonomen und servierten ahnungslosen Studienteilnehmern zwanzig Schoko-Mehlwürmer.

Unter der Schokoglasur waren die Mehlwürmer deutlich zu erkennen. Knusprig waren die Tiere im Biss, nussig im Geschmack, und sie sollten in einer aktuellen Untersuchung Aufschluss darüber geben, wie Insekten den Menschen in Westeuropa schmackhaft gemacht werden können.

Um das herauszufinden, sprachen Forscher um den Berner Verhaltensökonomen Sebastian Berger an einem belebten Kölner Platz Passanten an, ob sie für fünf Euro 15 bis 20 Minuten lang an einer Konsumentenstudie teilnehmen wollten. Die Angesprochenen ahnten nicht, dass es dabei um Insekten als Nahrungsmittel gehen würde. "Sonst hätten Menschen, die sich vor Insekten besonders ekeln, die Teilnahme an der Studie abgelehnt. Das wollten wir vermeiden", sagt Berger vom Institut für Organisation und Personal an der Universität Bern und Mitautor der Studie, die in der Zeitschrift Frontiers in Nutrition erschienen ist. 180 Menschen zwischen 18 und 72 Jahren konnten Berger und Kollegen für die Studie gewinnen. Die Teilnehmer hatten einen hohen Bildungsgrad, 115 von ihnen hatten Abitur, 32 einen Universitätsabschluss. Zunächst mussten die Probanden im Labor einen Fragebogen ausfüllen, dann erhielten sie eine von sechs verschiedenen Werbebroschüren über eine frei erfundene Start-up-Firma, die angeblich Insekten als Lebensmittel vermarkten will. Zwei Gruppen erhielten Broschüren mit Nachrichten, die sich auf den langfristigen Nutzen des Insektenkonsums konzentrierten: "Fleisch war noch nie so gesund", stand dort zum Beispiel. Oder "Fleisch war noch nie so umweltfreundlich". Tatsächlich sind Insekten besonders reich an Nährstoffen und Vitaminen, Mehlwürmer zum Beispiel enthalten etwa die gleiche Menge an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren wie Fisch. Noch dazu schont die Insektenzucht die Umwelt. Ein Schwein zum Beispiel produziert demnach zehn bis hundert Mal mehr Treibhausgase pro Kilogramm Wachstum als etwa Mehlwürmer und braucht eine mehr als doppelt so große Nutzfläche. Andere Werbebroschüren der Studie dagegen betonten, wie exquisit die Insekten seien, wie lecker die Speisen, wie exotisch oder wie trendy.

Jeder Trüffel bestand aus etwa 20 Würmern und war mit Schokolade überzogen

Im Anschluss an die Lektüre servierten die Forscher ihren Probanden einzeln die Mehlwurm-Schokotrüffel auf Kaffeegeschirr, als wäre es ein französisches Macaron. Jeder Trüffel bestand aus rund 20 Mehlwürmern und war mit dunkler Schokolade überzogen. Nach Anblick der Speise sollten die Teilnehmer dann entscheiden, ob sie den Schokowürfel probieren und seinen Geschmack auf einer Skala von eins bis elf bewerten wollten.

Aus den Gruppen, die Werbung zu langfristigen Gesundheitsvorteilen oder zum Umweltschutz erhalten hatten, trauten sich nur 61,3 Prozent an die Schokomehlwurm-Praline heran. Von den Versuchsteilnehmern, die über den kurzfristigen, exquisiten Genuss des trendigen Trüffels gelesen hatten, waren es dagegen 76,2 Prozent. "Bei diesen Gruppen hatten wir mit den Werbeflyern höhere Erwartungen an den Genuss geweckt", sagt Berger.

Schon aus der Vergangenheit weiß der Verhaltensökonom, dass der Ekel vor bestimmten Nahrungsmitteln verlernt werden kann. "Das ist nicht angeboren, sondern meist kulturell bedingt", sagt Berger. In den USA galt zum Beispiel früher Hummer als so widerwärtig, dass er selbst Gefängnisinsassen nicht öfter als zwei Mal pro Woche vorgesetzt werden durfte. Inzwischen ist das Tier eine Luxusware. Was für die Mehlwurm-Schokotrüffel hoffen lässt. Immerhin hatte ein ehemaliger Sterne-Koch sie speziell für die Untersuchung zubereitet.