Ernährung:Die ultimative Herausforderung der Aquaponik sind Tomaten

Lesezeit: 5 min

Doch obwohl das alles ganz simpel klingt, reicht es eben nicht, ein paar Schläuche und Filter zusammenzustecken. Diese Erfahrung haben auch Leschke und Echternacht machen müssen, die sich nach eigener Angabe als "Autodidakten" auf dieses technisch recht anspruchsvolle Feld der Nahrungsmittelproduktion gewagt hatten. In ihrem ersten Aquaponik-Container wuchsen zwar Karpfen und einiges an Gemüse, aber so richtig wollten Fisch und Pflanze nicht harmonieren. Also suchte sich das Team Expertise aus der Forschung, vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, kurz IGB, in Berlin-Friedrichshagen.

Das Institut war 1992 aus verschiedenen Einrichtungen der ehemaligen DDR entstanden, bereits in den 1980er-Jahren hatte man sich auch dort mit der Aquaponik befasst und verschiedene Konzepte erforscht, um das Zusammenspiel von Fischen und Pflanzen zu optimieren. Die Aquaponik hat eben auch ihre Tücken. Einfache Kreisläufe leiten das Abwasser direkt vom Fisch zur Pflanze, entladen dort die nötigen Nährstoffe und führen das ungenutzte, gereinigte Wasser wieder den Fischen zu, ohne große Rücksicht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse beider Lebensformen. Tatsächlich aber mögen Kulturfische eher pH-neutrales Wasser, während einige Pflanzen besser bei einem leicht sauren pH-Wert gedeihen. Wobei sich pflegeleichte Gewächse wie Kräuter oder Salat kaum an solchen Diskrepanzen stören. Unterschiede in der Nährstoffkomposition des Wassers sind vor allem für anspruchsvollere Pflanzen wie Paprika oder Zucchini von Bedeutung - und für die Tomate, die Königsdisziplin der Aquaponik.

Neben dem Hauptstadtbarsch wird auch Hauptstadtbasilikum mit großem Erfolg vermarktet

"Wenn man Tomaten ernten kann, schafft man auch jedes andere Hydroponik-Gemüse", sagt Werner Kloas vom IGB. Kloas ist federführend für die Aquaponik am Institut verantwortlich und koordiniert ein europäische Projekt mit Namen INAPRO, das die gemeinsame Kultivierung von Fisch und Pflanze für den professionellen Einsatz erforscht, auch in Regionen der Welt, in denen Landwirtschaft aufgrund des Klimas schwierig ist. Hervorgegangen sei das Mammutvorhaben vor zehn Jahren aus einem Gespräch bei einer Tasse Kaffee. "Wir haben über neue Lösungsansätze gesprochen", erinnert sich Kloas. "Und irgendwann erzählt mein Kollege Bernhard Rennert von einem Zweikreislaufsystem, das er in der DDR entwickelt hatte und mit dem sich auch Tomaten in Aquaponik züchten ließen." Der Trick von Rennerts Konzept: Die Aquakultur wird nicht direkt mit der Hydrokultur verbunden, sondern lediglich über ein Ventil. So bleiben die Kreisläufe getrennt - und lassen sich auch jeweils auf die Ansprüche von Pflanze und Tier optimieren.

Im sozialistischen Deutschland hatte man sich für Rennerts Nachhaltigkeitsprojekt nicht erwärmen können, es landete in der Schublade. Am IGB aber dauerte es nach dem Pausengespräch im Jahr 2007 nur Monate, bis die Wissenschaftler Forschungsgeld beschafft und die erste Anlage gebaut hatten. Sie nannten das Projekt "Tomatenfisch" und meldeten ihr Zweikreislauf-System 2008 zum Patent an. Zum Patentanspruch gehört auch eine Kühlfalle, die das verdunstete Wasser aus dem Pflanzenkreislauf zurückgewinnt und wieder den Fischen zuführt. Damit wird noch mehr Wasser gespart. ECF-Farmsystems hat die Kühlfalle des patentierten Modells weggelassen, über den Rest ihrer Aquaponik-Anlage sagt Christian Echternacht, die Systeme ähnelten einander, würden sich "im Detail" aber unterscheiden. Welche Details das sind, könne er nicht sagen. 2015 hatte das IGB die Kooperation beendet, weil man "unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte und Zielsetzungen" verfolge.

Im Gewächshaus der ECF-Farm gedeiht unterdessen kein Gemüse mehr, sondern seit Februar ausschließlich Basilikum, 8000 Töpfe pro Woche. Dass ein ausgefeiltes Zweikreislaufsystem dafür nach wissenschaftlicher Einschätzung gar nicht nötig ist, kommentiert ECF-Sprecher Echternacht sehr allgemein. "Grundsätzlich sind wir im Zwei-Kreislauf System gegenüber einem Einkreislaufsystem wesentlich flexibler." Das Aquaponik-Konzept der Stadtfarm verfängt ja weiter, die beiden Unternehmer empfangen mittlerweile Interessenten aus ganz Europa. Und neben dem Hauptstadtbarsch bringen sie eben auch das Hauptstadtbasilikum mit großem Erfolg an die Kunden. "Wir schlagen sogar bio - obwohl unser Basilikum noch etwas teurer ist ", sagt Leschke stolz.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB