Erderwärmung Klimawandel im Weizenfeld

Welche langfristigen Folgen wird der Klimawandel für die menschliche Bevölkerung haben? Müssen wir mit weniger Nahrungsmitteln auskommen? In Potsdam haben 300 Forscher versucht, Antworten auf solche Fragen zu finden.

Von Christopher Schrader

Von einer Aufholjagd zu sprechen, ist eine freundliche Beschreibung der Lage. Man könnte auch sagen: Die Forscher haben noch viel zu tun, bis sie die Aufmerksamkeit rechtfertigen, die sie bekommen.

"Bisher ist viel Geld in die Entwicklung von globalen Klimamodellen geflossen", sagt Cynthia Rosenzweig von der Nasa. "Sie sollen berechnen, wie sich das Klima als Folge der Treibhausgase verändert. Aber was das veränderte Klima für die Menschen bedeutet, ist nicht so genau klar geworden."

Wo müssen die Bewohner damit rechnen, dass ein Bergbach während der Schneeschmelze zum reißenden Fluss wird? Welchen Bauern fehlt Wasser für ihre Felder? Was passiert mit den globalen Ernten?

Von der Provinzregierung bis zu den Vereinten Nationen erwarten Entscheidungsträger Antworten auf solche Fragen. Aber obwohl Forscher in aller Welt daran arbeiten und es zum Beispiel in Potsdam seit 1992 das Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gibt, steht die Teildisziplin ziemlich am Anfang; vom Konsens ist sie weit entfernt.

"Die Politiker müssen an die langfristigen Folgen des Klimawandels denken", sagt Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimafragen. "Das ist unglaublich schwierig ohne klare wissenschaftliche Daten."

Genau darum bemühten sich 300 Forscher auf der ersten internationalen Konferenz zu dem Thema in Potsdam, die von PIK mitveranstaltet am gestrigen Donnerstag zu Ende ging.

Ein Beispiel für die Schwierigkeiten ist die Arbeit des Amerikaners Joshua Elliott von der University of Chicago. Mit seinem Team hat er sich gefragt, wie viel weniger Nahrungsmittel der Weltbevölkerung nach Jahrzehnten kaum gebremsten Klimawandels zur Verfügung stehen.

Dazu hat er Klimasimulationen mit Rechenmodellen für den Wasserzyklus sowie für den Ertrag von Feldfrüchten verknüpft. Am Ende stand eine Aussage in Exakalorien, also in Millionen von Milliarden Tagesrationen. Der Verlust könne 20 bis 72 Prozent der gesamten Jahresproduktion erreichen, womöglich ließen sich aber 12 bis 57 Prozent durch bessere Bewässerungstechnik ausgleichen.

Die Aussage war am Ende so unsicher wie das Verfahren kompliziert; kein Wunder, dass Elliott Probleme mit dem Zeitlimit seines Vortrags bekam.

Viele wichtige Größen kennen die Forscher noch nicht. Liegt zusätzliches Kohlendioxid in der Luft, dürften Felder der wichtigsten Getreide Mais, Reis und Weizen zunächst profitieren, schließlich ist das Gas ein Rohstoff der Fotosynthese. Aber die durch das Treibhausgas erzeugte zusätzliche Wärme und die Veränderungen im Wasserhaushalt könnten die Wirkung der CO2-Düngung aufheben und den Ernten sogar schaden, nehmen die Forscher an.

Zudem zeigen erste Ergebnisse, dass der Proteingehalt pflanzlicher Nahrung mit dem Klimawandel zurückgehen könnte. Womöglich gelingt es Züchtern aber, neue Sorten zu entwickeln, die dem veränderten Klima standhalten. In vielen Regionen ließe sich zudem die Bewässerungstechnik auf das Niveau der Effizienz heben, das Farmer zum Beispiel in Israel oder Texas erreichen. Wie diese Faktoren zusammenspielen, kann die Wissenschaft nicht sagen.

Immerhin ist es ein Fortschritt, dass sich viele der Arbeitsgruppen, insbesondere die in Potsdam versammelten Forscher, darauf geeinigt haben, ihre Modelle mit den gleichen Daten zu füttern, um die Ergebnisse besser zu vergleichen.

"Früher hat eine Gruppe diese vier Szenarien benutzt, weil sie dafür gerade die Daten hatte, und eine andere Gruppe jene vier Szenarien", sagt Hermann Lotze-Campen vom PIK. "Dann konnte niemand hinterher sagen, was die unterschiedlichen Ergebnisse bedeuten." Cynthia Rosenzweig ergänzt: "Zum ersten Mal wird diese Arbeit so wichtig genommen, wie sie es sein sollte."

Die Teilnehmer waren sich in einem einig: Ihre Uneinigkeit sei keine Entschuldigung dafür, sich nicht auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. "Wir wissen genug, um zu handeln", sagt Joseph Alcamo, Chefwissenschaftler des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. "Aber wir müssen noch mehr wissen, um gut zu handeln."