Süddeutsche Zeitung

Erderwärmung:Helfen Weltuntergangs-Szenarien dem Klimaschutz?

Dürfen Wissenschaftler die Apokalypse ausmalen, um vor der Erderwärmung zu warnen? Kritiker von derlei "Klima-Porno" warnen: Das führt erst recht zu Resignation und Zweifeln.

Der fieseste Drache der Klimaforscher hat viele Namen. Der derzeit gängigste lautet RCP8.5. Das Kürzel steht für das schlimmste anzunehmende Horrorszenario: Die Staaten der Welt stoßen genau wie in der Vergangenheit weiter Treibhausgase aus, ungehemmt und rücksichtslos. "Business as usual" nennt man das auch. Es bedeutet, dass die globale Erwärmung schon 2050 die Marke von zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit durchbricht und sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um die fünf Grad Celsius aufheizt. Zieht man alle Unwägbarkeiten in Betracht, ist es ein Szenario, mit dem man Angst und Schrecken verbreiten kann.

Aber ist das auch sinnvoll oder angemessen? Viele Wissenschaftler glauben inzwischen, dass dieser Drache gebändigt ist. Zwar räumen etliche auch ein, dass sie die im Klimaabkommen von Paris vereinbarten Ziele für unrealistisch halten. Mathematisch, physikalisch, technisch sei es möglich, die Erwärmung langfristig auf weniger als zwei Grad zu begrenzen - politisch, wirtschaftlich und kulturell fehlten jedoch entscheidende Voraussetzungen. Ein ungebremster Klimawandel sei aber auch nicht zu erwarten, sind sie überzeugt - auch wenn sie das lieber nicht so laut sagen, um keine Ausrede für Drückeberger zu liefern. Schließlich werden erneuerbare Energien immer billiger, die weltweiten Emissionen stagnieren bereits; und Hoffnung macht auch das Pariser Klimaabkommen, an dem die meisten Staaten beim G-20-Gipfel tapfer festgehalten haben.

In diese gute Stimmung platzte jedoch in der vergangenen Woche eine Titelgeschichte des US-Magazins New York. "Die unbewohnbare Erde", hieß sie; der Autor David Wallace-Wells beschrieb darin, welche extremen Folgen des Klimawandels Forscher für möglich - wenn auch für ziemlich unwahrscheinlich - halten. Dafür fütterte er den Drachen auch noch mit Aufputschmitteln. Er setzte nicht nur voraus, dass die Freisetzung von Treibhausgasen ungebremst weitergeht. Sondern der Klimawandel verstärke sich sogar noch, weil die Permafrostregionen der Erde auftauen und große Mengen Methan freisetzen.

"Das Ökosystem der Erde wird brodeln", heißt es im Artikel. Die Erde könne sich um sechs, acht oder gar zwölf Grad Celsius erwärmen; Naturkatastrophen würden alltäglich. Die Ozeane vergifteten sich selbst. Viele Regionen würden unbewohnbar, weil es die Menschen draußen wegen Hitze und Feuchtigkeit nicht mehr aushalten, geschweige denn arbeiten können. Die Produktion von Lebensmitteln bräche ein, die Weltwirtschaft könne auf die Hälfte schrumpfen, permanente Kriege stürzten die Völker weiter ins Elend.

Ein Magazinbeitrag wird als "Klima-Porno" kritisiert - weil er brutal das Äußerste schildert

Wallace-Wells stützt sich dabei auf seriöse Forscher. Doch er beschuldigt die Wissenschaft, ihre eigenen Ergebnisse weichzuspülen. Und er übt Kritik am Publikum: "Wir alle leiden an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungsvermögen." Darum will der Journalist die Menschen aus ihrer Gleichgültigkeit aufrütteln.

Das ist ihm gelungen. Der Artikel hatte sofort gewaltige Resonanz. Das war aus zwei Gründen erstaunlich: Nicht nur, weil das Thema Klimawandel in den USA überhaupt Aufmerksamkeit erregte, just als Details eines Wahlkampf-Treffens von Donald Trumps Sohn mit einer russischen Anwältin bekannt wurden. Sondern auch, weil beißende Kritik von unerwarteter Seite auf Wallace-Wells regnete. Nicht Klimawandel-Leugner meldeten sich zu Wort, die gern "alarmistische" Klima-Berichte verreißen. Stattdessen kritisierten Wissenschaftler Wallace-Wells, auch mehrere Online-Medien fielen über ihn her. Sie alle warnen üblicherweise selbst vor den Folgen der globalen Erwärmung.

Ein Forscher nannte den Artikel einen "Klima-Porno", und meinte damit wohl die ungefilterte und brutale Zurschaustellung von Extremen. Manche kritisierten sachliche Fehler: Die aus dem Permafrost drohende Gefahr sei längst nicht so dramatisch, der Zusammenhang von Klimawandel und Krieg nicht so klar - und sollte es tatsächlich zu einer globalen Rezession kommen, könne man nicht zugleich annehmen, dass die Emissionen weiter ins Unermessliche steigen. "Viel gelesen und wenig verstanden", urteilt der Max-Planck-Forscher Jochem Marotzke.

Die meisten Kritiker aber wenden sich grundsätzlich gegen Wallace-Wells' Aufrüttelungsansatz: Mit Untergangsszenarien, meinen sie, erreiche man keine Veränderung. "Die Beweise, dass der Klimawandel eine ernsthafte Herausforderung ist, sind sehr klar", schrieb etwa der prominente Klimaforscher Michael Mann von der Pennsylvania State University in der Washington Post. "Es ist nicht nötig zu übertreiben, besonders wenn das eine lähmende Geschichte von Verderben und Hoffnungslosigkeit nährt." Das Online-Medium Mashable.com zitierte Katharine Hayhoe von der Texas Tech University: "Die schlimmsten und gefährlichsten Folgen sind vermeidbar, aber dafür müssen wir verstehen, dass es auf unser Verhalten wirklich ankommt." Die Angst vor dem Untergang jedenfalls werde die Menschheit nicht motivieren.

Extreme Klima-Szenarien verleiten zum Nichtstun

Nun kann man darüber streiten, ob Journalisten mit Klimaberichterstattung überhaupt Verhaltensänderungen anstreben sollten. Allerdings wollte Wallace-Wells mit seinem Stück erklärtermaßen wachrütteln - da muss man Kritikern zugestehen, seine Mittel infrage zu stellen. "Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass Fatalismus ein größeres Risiko für das Klima ist als Gleichgültigkeit", schrieb der Autor auf Twitter. Immerhin habe seine Geschichte eine wichtige Debatte darüber ausgelöst, wie man über die furchterregenderen Folgen der Erwärmung sprechen könne.

Zu seiner Verteidigung sagte Naomi Oreskes von der Harvard University der SZ: "Die meisten Menschen verstehen tatsächlich nicht, wie schlimm der Klimawandel wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Der Autor hat uns einen Dienst erwiesen, indem er die Aufmerksamkeit darauf lenkt."

Man sollte die Gesellschaft vor möglichen Risiken warnen. Aber bitte ohne Untergangsrhetorik

Die Kommunikationsforschung hingegen bestätige die Kritiker, sagt Imke Hoppe von der Universität Hamburg. Der umstrittene Film "The Day after Tomorrow", der 2004 den plötzlichen Einbruch einer Klimakatastrophe zum Spektakel machte, habe damals zwar das Problembewusstsein der Zuschauer leicht erhöht, sie aber zugleich überwältigt, weil kein Ausweg zu bleiben schien. Magazin-Artikel könnten ähnlich wirken, selbst wenn sie sich auf wissenschaftliche Ergebnisse berufen.

Oft sei sogar eine absurde Reaktion zu beobachten, sagt Hoppe. "Gerade wenn der Klimawandel als extrem bedrohlich dargestellt wird, erleben manche dies schnell als unrealistisch oder übertrieben und stellen dann die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung insgesamt in Frage." Wenn er eine solche Verdrängung auslöst, könnte Wallace-Wells die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel nicht nur nicht befördern, sondern ihr sogar schaden. "Viele von den Wissenschaftlern, die ihm widersprochen haben, fühlen sich vermutlich um Jahre in ihrer Arbeit zurückgeworfen."

Klimaforscher sorgen sich offenbar generell um die Glaubwürdigkeit ihrer Arbeit. Diese ist vor allem in den USA immer wieder angegriffen worden, zuletzt auch von Präsident Trump und Teilen seiner Regierung. Wallace-Wells' Kritiker wollen diesmal offenbar die Debatte früh steuern, um nicht später auf Vorwürfe antworten zu müssen.

Dabei bewegt auch Wissenschaftler die Frage, wann sie mit den wahrscheinlichsten Folgen des Klimawandels argumentieren sollten, und wann mit Extremszenarien. Wenn etwa mit zunehmender Erwärmung plötzliche, radikale Veränderungen drohen, meinen manche Forscher, müsse man auch auf Extreme hinweisen, selbst wenn sie wenig wahrscheinlich sind. Wenn etwa ab einem bestimmten Meeresspiegelanstieg plötzlich die einfache Deicherhöhung nicht mehr ausreicht, sondern auf lange Sicht ganze Städte versetzt werden müssen, dann ist es wichtig, auch diese Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. "Oder wenn es mancherorts mit ein paar Grad Erwärmung nicht einfach nur unangenehmer wird, sondern Hitze und Feuchtigkeit auf einmal die physiologischen Grenzen des Menschen überschreiten", sagt zum Beispiel Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

"In manchen Fällen sollte die Gesellschaft wissen, welche größten Schäden möglich sind, und wie wahrscheinlich sie sind", bestätigt Jochem Marotzke. "Man muss aber vermeiden, mit Katastrophenrhetorik den Eindruck zu erwecken, dass manche Gegenmaßnahmen alternativlos sind. Und Angst zu machen, erscheint mir als Mobilisierungsstrategie sowieso fragwürdig." Wem an einer rationalen Debatte gelegen ist, der sollte sich demnach gut überlegen, welche Drachen er losschickt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3592803
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.07.2017/chrb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.