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Erderwärmung:Extreme Klima-Szenarien verleiten zum Nichtstun

Nun kann man darüber streiten, ob Journalisten mit Klimaberichterstattung überhaupt Verhaltensänderungen anstreben sollten. Allerdings wollte Wallace-Wells mit seinem Stück erklärtermaßen wachrütteln - da muss man Kritikern zugestehen, seine Mittel infrage zu stellen. "Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass Fatalismus ein größeres Risiko für das Klima ist als Gleichgültigkeit", schrieb der Autor auf Twitter. Immerhin habe seine Geschichte eine wichtige Debatte darüber ausgelöst, wie man über die furchterregenderen Folgen der Erwärmung sprechen könne.

Zu seiner Verteidigung sagte Naomi Oreskes von der Harvard University der SZ: "Die meisten Menschen verstehen tatsächlich nicht, wie schlimm der Klimawandel wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Der Autor hat uns einen Dienst erwiesen, indem er die Aufmerksamkeit darauf lenkt."

Man sollte die Gesellschaft vor möglichen Risiken warnen. Aber bitte ohne Untergangsrhetorik

Die Kommunikationsforschung hingegen bestätige die Kritiker, sagt Imke Hoppe von der Universität Hamburg. Der umstrittene Film "The Day after Tomorrow", der 2004 den plötzlichen Einbruch einer Klimakatastrophe zum Spektakel machte, habe damals zwar das Problembewusstsein der Zuschauer leicht erhöht, sie aber zugleich überwältigt, weil kein Ausweg zu bleiben schien. Magazin-Artikel könnten ähnlich wirken, selbst wenn sie sich auf wissenschaftliche Ergebnisse berufen.

Oft sei sogar eine absurde Reaktion zu beobachten, sagt Hoppe. "Gerade wenn der Klimawandel als extrem bedrohlich dargestellt wird, erleben manche dies schnell als unrealistisch oder übertrieben und stellen dann die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung insgesamt in Frage." Wenn er eine solche Verdrängung auslöst, könnte Wallace-Wells die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel nicht nur nicht befördern, sondern ihr sogar schaden. "Viele von den Wissenschaftlern, die ihm widersprochen haben, fühlen sich vermutlich um Jahre in ihrer Arbeit zurückgeworfen."

Klimaforscher sorgen sich offenbar generell um die Glaubwürdigkeit ihrer Arbeit. Diese ist vor allem in den USA immer wieder angegriffen worden, zuletzt auch von Präsident Trump und Teilen seiner Regierung. Wallace-Wells' Kritiker wollen diesmal offenbar die Debatte früh steuern, um nicht später auf Vorwürfe antworten zu müssen.

Dabei bewegt auch Wissenschaftler die Frage, wann sie mit den wahrscheinlichsten Folgen des Klimawandels argumentieren sollten, und wann mit Extremszenarien. Wenn etwa mit zunehmender Erwärmung plötzliche, radikale Veränderungen drohen, meinen manche Forscher, müsse man auch auf Extreme hinweisen, selbst wenn sie wenig wahrscheinlich sind. Wenn etwa ab einem bestimmten Meeresspiegelanstieg plötzlich die einfache Deicherhöhung nicht mehr ausreicht, sondern auf lange Sicht ganze Städte versetzt werden müssen, dann ist es wichtig, auch diese Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. "Oder wenn es mancherorts mit ein paar Grad Erwärmung nicht einfach nur unangenehmer wird, sondern Hitze und Feuchtigkeit auf einmal die physiologischen Grenzen des Menschen überschreiten", sagt zum Beispiel Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

"In manchen Fällen sollte die Gesellschaft wissen, welche größten Schäden möglich sind, und wie wahrscheinlich sie sind", bestätigt Jochem Marotzke. "Man muss aber vermeiden, mit Katastrophenrhetorik den Eindruck zu erwecken, dass manche Gegenmaßnahmen alternativlos sind. Und Angst zu machen, erscheint mir als Mobilisierungsstrategie sowieso fragwürdig." Wem an einer rationalen Debatte gelegen ist, der sollte sich demnach gut überlegen, welche Drachen er losschickt.

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