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Erderwärmung:Die heikelsten Fragen der Klimakonferenz

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Ein Globus als schmelzende Eiskugel: Demonstranten in Berlin zur Eröffnung des Klimagipfels in Paris.

(Foto: AFP)
  • In Paris geht der 21. Weltklimagipfel der Vereinten Nationen diese Woche in die heiße Phase. Bis Freitag soll ein umfassender Vertrag stehen, der den Kampf gegen die Erderwärmung international regelt.
  • Nachdem am Samstag ein erster Entwurf öffentlich gemacht wurde, müssen die Unterhändler nun bei den offenen Fragen Kompromisse erzielen.

Wie warm darf es werden?

Seit vielen Jahren gelten zwei Grad als die magische Grenze. Bis zu einer Erwärmung von zwei Grad Celsius, gemessen an den Temperaturen zu Beginn der Industrialisierung, könnten sich die Folgen des Klimawandels noch halbwegs bewältigen lassen. Auch der Weltklimarat IPCC rechnet mit dieser Größe. In Paris soll diese Marke nun das verbindliche Langfristziel der Staatengemeinschaft werden, gleichsam als Bezugsgröße aller Klimaschutz-Bemühungen.

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Vor allem kleinen Inselstaaten geht das nicht weit genug. Sie sehen sich auch in einer um zwei Grad wärmeren Welt in ihrer Existenz bedroht - nötig sei eine Begrenzung auf 1,5 Grad. Die afrikanischen Staaten beharren ebenfalls auf diesem Ziel. Unterstützung bekommen sie von einigen Wissenschaftlern, die bereits eine Erderwärmung um zwei Grad Celsius für äußerst riskant halten. So schreibt etwa Petra Tschakert, eine der Autorinnen des jüngsten IPCC-Klimaberichts, nur bei einer Erderwärmung um weniger als eineinhalb Grad ließe sich der Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 auf weniger als einen Meter begrenzen und mehr als die Hälfte der weltweiten Korallenriffe erhalten. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) rechnet vor, dass dieses ambitionierte Ziel zumindest rein technisch machbar wäre. Dafür müssten die Staaten allerdings deutlich früher ihre Emissionen deutlich schneller reduzieren als geplant.

Mit den derzeit vorliegenden Klimaplänen der Staaten, so hat die Initiative Climate Action Tracker nachgerechnet, würde die Welt bei 2,7 Grad landen.

Wer bezahlt?

Ihre Glaubwürdigkeit im Klimaschutz können die Industrieländer recht schnell beweisen - mit Geld. Viele Entwicklungsländer machen daran fest, was von den Versprechen der Reichen zu halten ist. Schließlich haben sie schon 2009 in Kopenhagen zugesagt, spätestens von 2020 an jährlich 100 Milliarden Dollar aufzubringen. Die Mittel sollen als Klimafonds vor allem dazu beitragen, die Entwicklungsländer auf einen grüneren Pfad zu bringen - und sie davon abzuhalten, die fossilen Fehler der Reichen zu wiederholen. Auch für den Bau von Dämmen oder den Katastrophenschutz werden Entwicklungsländer mehr Geld benötigen.

"Wir brauchen ein überzeugendes Paket, mit dem sich die 100 Milliarden definitiv erreichen lassen", sagt Celine Charveriat von der Entwicklungsorganisation Oxfam. Doch schon bei der Addition wird es schwierig. Die Industriestaaten wollen mit öffentlichem Geld auch privates mobilisieren. So könnten etwa Investitionszuschüsse dafür sorgen, dass Firmen auch selbst Kapital in Entwicklungsländer fließen lassen. Rechnet man solche "Hebel" ein, wären jetzt schon mehr als 90 Milliarden Dollar beisammen. Rechnet man sie heraus, sind es gleich zehn Milliarden Dollar weniger. Und dieses Geld muss dann 2020 jährlich fließen, wollen die Industriestaaten ihr Versprechen nicht brechen.

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In den aktuellen Verhandlungen in Paris fordern die Entwicklungsländer zudem, die Mittel von den 2020er Jahren an noch deutlich zu erhöhen. Die Passage ist im aktuellen Vertragsentwurf sehr umstritten: Zahlreiche eckige Klammern - so kennzeichnen die Unterhändler offene Punkte - deuten darauf hin, dass die Verhandler sich hier bislang nicht einigen konnten.

Was ist mit Schäden infolge des Klimawandels?

Für betroffene Staaten ist das ein entscheidender Punkt. Sie wollen die Zusicherung der Industriestaaten, dass diese auch für Schäden eintreten, die jetzt schon sichtbar werden, etwa nach Dürren oder extremem Wetter. Sie berufen sich dabei auf die "historische Verantwortung" der Reichen für den Klimawandel. Die wiederum fürchten ein Fass ohne Boden, sollte es eine Art verbindlicher Haftung geben.

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Am Rande des Klimagipfels sagten die G-7-Länder deshalb 420 Millionen Dollar für den Aufbau sogenannter Klimaversicherungen zu (lesen Sie hier mehr zu der Idee). Hier können sich ganze Staaten, aber auch Kleinbauern dagegen versichern, nach einer Katastrophe mit leeren Händen dazustehen. Viele Entwicklungsländer pochen dennoch auf einen Mechanismus für "Verluste und Schäden".

Wie rechtsverbindlich wird der Vertrag?

Welche rechtliche Form das Abkommen haben wird, ist noch offen. Bei den UN gibt es dafür viele Abstufungen, vom "Vertrag" über das "Protokoll" bis hin zum einfachen "Abkommen". Einen "Vertrag" können die USA nicht eingehen, weil dieser mutmaßlich am Kongress scheitern würde. Bleiben die beiden anderen Alternativen, die Washington auch ohne den Kongress abschließen könnte. Allerdings warnen Verhandler schon davor, die rechtliche Form zu überschätzen. "Unser Ziel ist, dass das Abkommen einen Unterschied macht", heißt es in Kreisen der französischen Ratspräsidentschaft. Die Form sei da zweitrangig. Auch Sanktionen wird es nicht geben, sollte ein Staat ausscheren. Das hat schon beim Kyoto-Protokoll nicht geklappt: Kanada trat einfach aus, als das Land seine Ziele nicht erreichen konnte.

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Allerdings ist als eine Option im Entwurf angedacht, ein "internationales Tribunal für Klimagerechtigkeit" einzurichten, das die Zusagen der Industrieländer überwachen soll. In diesem Forum könnten auch finanzielle Streitigkeiten und der Transfer von Technologien an arme Staaten geregelt werden.

Wie soll der Klimaschutz dann funktionieren?

Nahezu alle Staaten haben nationale Klimapläne eingereicht. Darin legen sie dar, was sie für das Klima tun wollen - sei es mit der Senkung von Emissionen, mehr Energieeffizienz oder der Aufforstung von Wäldern. Regelmäßig soll überwacht werden, ob sie ihre Ziele einhalten und ob sich das gemeinsame Temperaturziel einhalten lässt.

Klappt das nicht, sollen die Staaten nachbessern, und das nach Möglichkeit gemäß einem festen Mechanismus. Umstritten ist aber noch, in welchem Rhythmus das passieren soll. Die meisten Staaten plädieren für einen Fünf-Jahres-Turnus, einige aber auch für zehn Jahre. Die Hoffnung ist dabei, dass es regelmäßig technologische Durchbrüche gibt, die etwa erneuerbare Energien wettbewerbsfähiger machen und damit ambitioniertere Ziele ermöglichen.

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Unklar ist auch, ob der erste Turnus erst 2020 beginnen soll oder schon früher. Saudi-Arabien plädiert zum Beispiel dafür, erst 2025 oder 2030 erstmals nachzuprüfen. "Das große Risiko ist, dass wir die Klimapläne für 15 Jahre einfrieren", sagt Martin Kaiser von Greenpeace. Dann nämlich, wenn ein Zehn-Jahres-Turnus herauskäme, der erst 2020 beginnt.

Sind die Regeln für alle gleich?

Das wird möglicherweise die heikelste Frage in Paris. Traditionell legen Entwicklungsländer großen Wert darauf, dass sie nicht mit der gleichen Elle gemessen werden wie die Industriestaaten - schließlich haben Letztere allen das Problem eingebrockt. Allerdings zählen sich auch Länder wie China, Brasilien und Südafrika noch zu den "Entwicklungsländern", obwohl sie mit ihren Emissionen deutlich aufgeschlossen haben. China ist sogar zum größten Klimasünder aufgestiegen.

Deswegen wollen die Industriestaaten den alten Graben zu den Entwicklungs- und Schwellenländern überwinden, im UN-Verhandlungsjargon als "Firewall" bekannt.