Süddeutsche Zeitung

Anthropologie:Das Erbe des Neandertalers

  • Das Erbgut der Neandertaler lässt sich einer neuen Studie zufolge bei manchen heute lebenden Menschen noch immer auch optisch erkennen.
  • Es äußert sich in einer leicht abgeflachten Schädelform.
  • Über Unterschiede in der Intelligenz sagt die Erkenntnis jedoch nichts aus.

Als der schwedische Genetiker Svante Pääbo vor acht Jahren seine Bombe platzen ließ, begann das große Rätselraten. Pääbo und ein internationales Team hatten ihren ersten Entwurf des entzifferten Neandertalererbguts veröffentlicht, und sofort wurde klar, dass auch moderne Menschen bis zu drei Prozent Gene ihres letzten ausgestorbenen Verwandten besitzen. Menschen und Neandertaler hatten also offenkundig Sex miteinander gehabt.

Die Frage lautete nun: Machen sich Spuren der längst vergangenen Affäre auch heute noch im Menschen bemerkbar? Gibt es womöglich sogar äußere Merkmale, die das Erbe der Neandertaler verraten?

Tatsächlich spiegeln sich die genetischen Überbleibsel der entfernten Verwandten bei einigen Menschen wohl in der Kopfform. Das zumindest legt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern aus Deutschland und den Niederlanden nahe, die im Fachblatt Current Biology erschienen ist.

Das Team um den Anthropologen Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und die Neurogenetikerin Amanda Tilot vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen hat den Einfluss von überkommener Neandertaler-DNA in modernen Genomen auf die Schädelform von mehr als 440 menschlichen Zeitgenossen untersucht. Demnach haben moderne Menschen, die diese genetischen Fragmente besitzen, einen im Vergleich geringfügig länglicheren, nach hinten leicht abgeflachten Kopf - und auch ein entsprechend anders geformtes Gehirn als Menschen ohne die Erbgutabschnitte der vor 40 000 Jahren ausgestorbenen Verwandten.

Auch moderne Menschen haben als Neugeborene noch einen eher flachen, länglichen Schädel

Ob der Befund auch Unterschiede in der neurologischen Funktion der jeweiligen Gehirne zeitigt, muss in weiteren Studien erst noch untersucht werden. Wie Senior-Autor Simon Fisher vom MPI in Nijmegen jedoch gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Science betont hat, würden solche Unterschiede wohl auch eher marginal ausfallen, die Gehirnentwicklung werde schließlich von einer Vielzahl von Genen gesteuert. Es geht also nicht um Unterschiede in der Intelligenz.

Das Neandertalererbgut dämpft jedoch offensichtlich die Umsetzung zweier Gene in der neuronalen Entwicklung und könnte umgekehrt erklären, warum das Gehirn moderner Homo-sapiens-Vertreter grundsätzlich so auffallend rund ist. Die betreffenden Gene URB4 und PHLPP1 vermitteln die Produktion von Nervenzellen und isolierenden Nervenumhüllungen im hinteren Bereich des Gehirns, die beim Menschen nach der Geburt stark zunimmt. Neugeborene haben daher noch eher längliche, flache Schädel, die sich innerhalb des ersten Lebensjahres jedoch stark runden.

Zu den Neuerungen der Studie gehört, dass Wissenschaftler auf der Grundlage moderner Genome auf die Funktion von Abschnitten im Neandertalererbgut schließen und dadurch auch anatomische Unterschiede zwischen den beiden Menschenspezies erklären können. Wie die Paläoanthropologin Katerina Harvati von der Universität Tübingen dem Fachmagazin Science erklärte, ist dieser Ansatz insbesondere für das Gehirn interessant, da das weiche Nervengewebe in fossilen Überresten von Neandertalern nicht erhalten bleibt.

Die Autoren der neuen Studie haben unterdessen angekündigt, die britische UK Biobank für künftige Untersuchungen nutzen zu wollen, um weitere mögliche Einflüsse des Neandertalererbguts auf die Gehirnentwicklung zu untersuchen - und möglicherweise auch erklären zu können, warum die eigentlich sehr großen Gehirne dieses ausgestorbenen Verwandten dem menschlichen Gehirn am Ende doch unterlegen waren.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4256454
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.12.2018
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.