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Erbgut-Analyse:Googeln in den Genen

Forscher haben das Geschäft mit privaten Erbgut-Analysen entdeckt: Anhand von Speichelproben wollen gleich zwei Unternehmen Krankheitsrisiken benennen sowie genetische Ahnenforschung ermöglichen.

Dass jetzt auch die Ehefrau des Google-Gründers Sergey Brin ins Suchmaschinengeschäft eingestiegen ist, wäre sicher nicht weiter bemerkenswert. Anne Wojcicki will allerdings nicht das Internet durchsuchen, sondern das menschliche Erbgut - von jedem, der bereit ist dafür zu bezahlen.

Für 1000 Dollar und eine Speichelprobe kann man erfahren, was in den eigenen Genen steckt, soweit es die Wissenschaft heute weiß. Der neue Internet-Service soll das Risiko von Krankheiten benennen sowie genetische Ahnenforschung ermöglichen.

Dazu muss man nur in ein Plastikröhrchen spucken, die Probe nach Kalifornien schicken und sich nach vier bis sechs Wochen auf der Webseite von Wojcickis Firma 23andMe einloggen, um die Ergebnisse abzufragen.

Praktisch gleichzeitig mit 23andMe startete das isländische Unternehmen Decode Genetics vor wenigen Tagen unter dem Namen deCODEme ein nahezu identisches Angebot. Preis und Technik sind gleich, und der Kunde bekommt sehr ähnliche Informationen wie beim Konkurrenten aus Kalifornien. Es gibt unter anderem Auskünfte über das individuelle Risiko, an erblichem Brust-, Darm-, oder Prostatakrebs zu erkranken.

Die Wahrscheinlichkeit, Diabetes, das Nervenleiden Multiple Sklerose oder das sogenannte Restless-Legs-Syndrom zu entwickeln, prüfen ebenfalls beide Unternehmen. Zum Angebot gehören jeweils suchmaschinenartige Programme auf den Webseiten der Anbieter, mit denen auch Laien Aussagen aus dem genetischen Datenwust destillieren können.

Genau dort setzt die Kritik von Peter Propping ein, dem Direktor des Instituts für Humangenetik an der Universität Bonn. "Die Menschen können doch gar nicht mit diesen Informationen umgehen," sagt er. Gendiagnostik gehöre in die Hände von Experten, die in der Lage seien, den Vorhersagewert solcher Analysen zu interpretieren und ihre Patienten angemessen zu betreuen.

Nicht illegal

"Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es einer Frau ergeht, die alleine vor dem Computer sitzt und erfährt, dass ihre genetische Variante ihr Brustkrebsrisiko um 80 Prozent erhöht." Er hält solche Diagnosen nur dann für sinnvoll, wenn sich dadurch auch Erkrankungen verhindern oder aufschieben lassen.

Illegal seien solche Angebote jedoch nicht, solange allein der Kunde Zugang zu seinen Daten hat und nicht etwa sein Arbeitgeber oder die Krankenversicherung. Zudem bescheinigt Propping beiden Unternehmen, sich technisch und wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit zu bewegen.

Das wissenschaftlich anerkannte Unternehmen Decode betont, an die Analyse der Genprofile ihrer Kunden genauso hohe Ansprüche zu stellen wie an ihre eigenen Forschungsprojekte. Die Diagnose bewege sich im "wissenschaftlich belastbaren" Bereich, sagt Propping - im Gegensatz zu vielen unseriösen Angeboten, die man bei zweifelhaften Beratern im Internet buchen könne.

Beide Angebote seien stark "auf die Zukunft hin ausgelegt", so Propping. Sobald neue Zusammenhänge zwischen Genen und Krankheiten bekannt würden, müssten die Unternehmen nur die Suchprogramme erweitern. Entsprechende Updates sind schon jetzt im Preis inbegriffen.

Zurzeit sind die Angebote aber noch eher ein kostspieliger Zeitvertreib als zur Gesundheitsvorsorge geeignet. "Mehr Gemüse, mehr Bewegung und weniger Rauchen kann man praktisch jedem empfehlen", sagt Propping. "Dazu müssen Sie kein genetisches Profil erstellen."