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Energieverbrauch:Krise macht Deutschland klimafreundlicher

Deutschland übertrifft die Klimaziele von Kyoto: Seit 1990 ist der CO2-Ausstoß um 27 Prozent gesunken - auch wegen der Wirtschaftskrise.

M. Bauchmüller und O. Bilger

Die deutschen Kohlendioxid-Emissionen haben im Jahr 2009 einen neuen Tiefststand erreicht. Gemessen am Jahr 1990 fielen sie um fast 27 Prozent. Das geht aus Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor, die sich auf Zahlen zum Verbrauch fossiler Energieträger stützen. Damit ist das deutsche Kyoto-Ziel von 21 Prozent weit übertroffen. Die Industrie warnte dennoch vor ehrgeizigen Klimazielen.

Strommmast, ddp

Der Einsatz fossiler Ressourcen ging im Krisenjahr 2009 so stark zurück wie seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr.

(Foto: Foto: ddp)

Damit rückt schon drei Jahre vor Ablauf des Kyoto-Protokolls eine deutlich stärkere Senkung der deutschen Emissionen in Reichweite. Erst kürzlich hatte die Bundesregierung das deutsche Klimaziel für 2020 erhöht, von ursprünglich 30 auf nun 40 Prozent Minderung. Dies soll auch dann gelten, wenn andere Staaten sich nicht auf Vergleichbares einlassen. Allerdings spiegelt sich in den jüngsten Zahlen auch die Wirtschaftskrise wider.

Nach vorläufigen Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, die von Energieverbänden und Forschungsinstituten getragen wird, ging der Einsatz fossiler Ressourcen im Krisenjahr 2009 so stark zurück wie seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr. Allein der Einsatz von Steinkohle, wie sie zur Stromerzeugung, aber auch in Stahlwerken gebraucht wird, ging gegenüber 2008 um 18 Prozent zurück. Erdöl fand in Deutschland so wenig Absatz wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr.

Nach Berechnungen des Energiewissenschaftlers Hans-Joachim Ziesing, der für die Arbeitsgemeinschaft die Emissionen errechnet, ging der Ausstoß von Kohlendioxid dadurch um 7,7 Prozent zurück. Brennstoffe und Emissionen hängen eng zusammen; die Höhe des CO2-Ausstoßes errechnet sich aus den jeweiligen Emissionen der verschiedenen Energieträger. Offiziell ist in Deutschland das Umweltbundesamt für die CO2-Statistik zuständig, es wird erst im Februar amtliche Zahlen herausgeben. Experten der Behörde bezeichneten die Berechnungen Ziesings jedoch als plausibel. Schon im vorigen Jahr lagen die deutschen Treibhausgas-Emissionen mit minus 22,3 Prozent unter dem Ziel, zu dem sich die Bundesrepublik im Kyoto-Protokoll verpflichtet hatte.

Nach dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen will die deutsche Industrie allerdings von strengen Klimaauflagen nichts mehr wissen. Die Bundesregierung solle ihre ehrgeizigen Klimaziele revidieren, forderte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel. "Das im Koalitionsvertrag enthaltene unkonditionierte deutsche Minderungsziel von 40 Prozent lehnen wir ab", sagte er am Dienstag. "Das verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen, kostet Arbeitsplätze und nutzt dem Klimaschutz nichts." Dagegen fordern die Grünen, nun erst recht die 40 Prozent anzupeilen. "Angesichts der gesunkenen Emissionen ist das deutsche Ziel nicht übermäßig ambitioniert", sagte die Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn.

Bei der Klimakonferenz in Kopenhagen war es vorige Woche nicht gelungen, auch andere Staaten zu festen Zusagen für den Klimaschutz zu bewegen. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte nach einem Treffen mit seinen EU-Kollegen in Brüssel, Deutschland werde das selbstgesteckte 40-Prozent-Ziel beibehalten. Auf einem informellen Treffen im Januar wollen die Umweltminister über ihre weitere Strategie für den Klimaschutz beraten. Es bräuchte nun "neue Ansätze", wie der Prozess nach Kopenhagen fortgeführt werden könne. "Ein Weiter-so kann es nicht geben", sagte Röttgen.

© SZ vom 23.12.2009/beu

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