Süddeutsche Zeitung

Energie und Klima:"Wir können uns nur für die Kohle entscheiden"

Lesezeit: 5 min

Die Kohlelobby hat einen Lieblingsbegriff: "Clean Coal" - sauberer Strom aus Kohle. Kann das funktionieren? Ein Besuch im effizientesten Pilotkraftwerk der Welt.

Von Christoph Behrens, Shanghai

Ein rot-weißer Schornstein ragt vor Shanghai 120 Meter in die Höhe und dampft in den wolkenverhangenen Himmel. Unter dem Schlot erstreckt sich ein gewaltiges Areal, lange Hallen, hohe Zäune und Sicherheitskräfte, die vor dem Kraftwerk "Waigaoqiao 3" patrouillieren. Im Foyer des Kohlemeilers, der so viel Strom produziert wie mancher Atomreaktor, blinkt die Zahl 46,5 - der aktuelle Wirkungsgrad und der ganze Stolz von Yang Wenhu. "Das effizienteste Kohlekraftwerk der Welt", verkündet der junge Ingenieur zur Begrüßung. "Ich finde es wunderschön."

Kein Kraftwerk holt weltweit aus einer Tonne Kohle mehr Strom heraus als dieses, behaupten manche Experten. Siemens bescheinigt dem Kraftwerk, bei der Effizienz Weltspitze zu sein, in etwa gleichauf mit einem Steinkohlekraftwerk im westfälischen Lünen. Giftiger Ruß, Stickoxide und Schwefelverbindungen werden in Shanghai von aufwendigen Filtern zurückgehalten. Kann Kohle tatsächlich sauber sein?

Für Feng Weizhong ist sie vor allem alternativlos. "In China können wir uns nur für Kohle entscheiden", erklärt der Chefingenieur des Kraftwerks im beigen Overall. Das Land sei zu groß, der Energiebedarf locker der 30-Fache Deutschlands - bei einer etwa 17-mal so großen Bevölkerung. Kohle liegt im Überfluss unter der chinesischen Erde, ihr gehöre die Zukunft. Hundert Jahre mindestens, "oder sogar zweihundert Jahre", sagt Feng, werde die Kohle alles dominieren.

Die Anlage wirkt so sauber, als würden dort Mikrochips produziert

Erwähnt ein Besucher andere Energiequellen, bricht der Wissenschaftler in Gelächter aus. Sonnenenergie? "Ach, die bedeutet fast nichts." Wind? "Keine Chance." Atomkraft? Kopfschütteln. "Not possible." Er schmunzelt.

Das ist kaum zu fassen. Will China nicht Sonnen- und Windenergie mit der Leistung von 250 Atomkraftwerken in den kommenden Jahren anschließen? Ist Präsident Xi Jinping nicht ständig im Staatsfernsehen zu sehen, wie er die "Energierevolution" ausruft? Baut China nicht gerade 25 neue Kernreaktoren und plant Dutzende weitere? Und nun spricht der Kraftwerksdirektor so euphorisch wie ein Kohlebaron des 18. Jahrhunderts über den Klimakiller Nummer eins. Ist der Mann ein Klimafeind? Ein Reaktionär?

Feng ist wohl einfach Realist. Realität in China ist, dass Kohle zwei Drittel des Energiebedarfs deckt. Der Anteil sinkt zwar leicht, aber selbst mit den allergrößten Anstrengungen dürfte er in den kommenden Jahrzehnten kaum unter fünfzig Prozent fallen.

Aber wenn es schon so ist, meint Feng, dann kann man es wenigstens so umweltfreundlich wie möglich machen. Deshalb hat sich in seinem Kraftwerk alles und jeder dem Ziel Effizienz unterzuordnen. Denn je höher die Ausbeute an Strom, so das Kalkül, umso weniger Kohle braucht man insgesamt und umso weniger klimaschädliches CO₂ wird frei. Ein Dutzend neue Technologien hat Feng daher in den vergangenen Jahren in sein Kraftwerk integriert, die alle Arten von Schadstoffen reduzieren: die neuesten Rauchfilter etwa, oder Vorrichtungen, die dafür sorgen, dass die Kohle bei extrem hohen Temperaturen verbrennt, was den Wirkungsgrad nach oben treibt. "Wir fühlen hier den Druck, unsere CO₂-Emissionen zu senken", sagt Feng. "Der beste Weg das zu tun, ist, die Effizienz zu erhöhen."

Kohle, diese schwarzen Brocken, bringen die meisten Menschen mit Dreck, Gift und Luftverschmutzung in Verbindung. Das Kraftwerk in der Nähe von Shanghai strahlt das genaue Gegenteil aus. Die Böden der weiten Hallen sind gewienert, die weißen Helme der Sicherheitsleute blank poliert, ihre Gesichter freundlich. Die ganze Anlage wirkt so sauber, als würden hier Mikrochips produziert. Nur das gleichmäßige Brummen der tennisplatzgroßen Generatoren erinnert daran, dass hier tatsächlich Strom gemacht wird.

Kohle sei unabdingbar, um die Weltklimaziele zu erreichen

Kein Wunder, dass auch die internationale Kohlelobby Kraftwerke wie Waigaoqiao 3 als Zugpferde entdeckt hat, als Argument dafür, dass sauberer Kohletechnologie, genannt "Clean Coal", die Zukunft gehöre. "Investitionen in Niedrigemissions-Kohletechnologien", erklärt etwa der Chef der World Coal Association (WCA) Benjamin Sporton, "sind unverzichtbar, um die Weltklimaziele zu erreichen". Die Nachfrage nach Kohle werde in vielen bevölkerungsreichen Staaten rasant steigen, in Indien werde sich die mit Kohle produzierte Elektrizitätsmenge bis 2040 verdoppeln. Solche Länder müsse man unterstützen, fordert der Kohleverband, "um Energiearmut zu lindern und CO₂-Emissionen zu senken". Ähnlich argumentiert das "Clean Coal Centre" der Internationalen Energieagentur: Der Thinktank empfiehlt, bestehende Kraftwerke nach dem Muster von Waigaoqiao 3 aufzurüsten.

"Im Gesamtpaket ist das eine sinnvolle Geschichte", findet Manfred Fischedick vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie. "Die Idee ist jedoch nicht neu." Mit Neuerungen wie Rußfiltern und einer Entschwefelung der Abgase sei es in Deutschland in den 1980er-Jahren gelungen, die Luftqualität und die Gesundheit der Anwohner deutlich zu steigern. Für Städte wie Peking, die wegen der Kohle unter einer ständigen Abgasglocke liegen, bestimmt ein Fortschritt. Für den Klimaschutz sei damit aber noch nichts gewonnen, denn es gelange ja weiter CO₂ in die Atmosphäre.

Neben dem Vorzeigeprojekt steht ein Meiler, der sämtliche Grenzwerte sprengt

Waigaoqiao 3 ist eine Vorzeige-Anlage - davon zeugen die vielen Fotos in den Gängen, von europäischen Politikern in Anzügen und Scheichs mit Schutzhelmen, die hier wöchentlich die großen Fortschritte bewundern. Doch schon einige Meter weiter, beim Kraftwerk Nummer 2, einem Meiler älterer Generation, spucken die Schlote Emissionswerte, die selbst in China über den Grenzwerten liegen. Darüber sprechen die Ingenieure Feng und Yang nur verschämt: "other company". Und für Kraftwerk Nummer 1, das älteste im Trio, haben beide nur so etwas wie ein Räuspern und einen Blick zum Boden übrig.

Gerade einmal zwei Kraftwerke in ganz China seien aufgerüstet, sagt Ingenieur Yang. Es fehlt an Fachkräften und auch an der Motivation, die fortschrittlichen Technologien der Konkurrenz zu verraten. Shanghai ist die modernste Stadt Chinas - wenn die Unterschiede bereits hier so groß sind, wie sieht es dann erst in ländlichen Gegenden aus, wo es kaum engagierte Fengs und Yangs gibt?

Dort schießt man eher über das Ziel hinaus. So sind einige Firmen in der Provinz Innere Mongolei auf die Idee gekommen, dass man aus dem Rohstoff Kohle mit viel Verfahrenstechnik und Chemikalien auch Gas oder Benzin machen kann. Diese Art der Kohlechemie wurde vor rund hundert Jahren in Deutschland erfunden und erlebt nun in China eine Renaissance. Der Kohleverband bewirbt diese Verfahren ebenfalls als sauber. Greenpeace hat eines dieser Coal-to-Gas-Kraftwerke im chinesischen Datang genauer untersucht, das unter anderem behauptete, die bestmöglichen Standards für Abwasser zu haben. Vor Ort stellten die Greenpeace-Aktivisten fest, dass das Abwasser einfach in die Wüste geleitet wurde. Würden alle 50 geplanten "Coal-to-Gas" Kraftwerke in China gebaut, würde eine Milliarde Tonne CO₂ zusätzlich im Jahr frei, sagt eine Sprecherin von Greenpeace China. Die Idee, alte Kohlekraftwerke nach dem Vorbild von Waigaoqiao 3 aufzurüsten, findet sie für Länder wie China dagegen sinnvoll. Allerdings würden unter dem Deckmantel von "Clean Coal" auch Technologien wie die Kohlechemie gepusht, "die überhaupt nicht sauber sind."

Kann Kohlendioxid irgendwann unter die Erde wandern?

Das größte Versprechen von "Clean Coal" steht ohnehin auf wackligen Beinen: dass es irgendwann einmal möglich sein wird, die CO₂-Emissionen einfach in die Erde zu pressen und dort zu speichern - und die Kohle so zur tatsächlich klimaneutralen Ressource zu machen. "Das ist mit sehr vielen Fragezeichen verbunden", erklärt Energieexperte Fischedick. Bislang büßen Pilotanlagen, die das versuchen, auf einen Schlag rund zehn Prozentpunkte Wirkungsgrad ein - was den Kohleverbrauch am Ende wieder erhöht. Ein Albtraum für effizienzbesessene Ingenieure wie Feng, die das Gegenteil anstreben. Zudem ist unsicher, ob im Untergrund überhaupt genügend Lagerstätten für das CO₂ bereitstehen, die es für viele Jahrzehnte sicher speichern könnten.

Bis diese Fragen geklärt sind, wird Kraftwerkschef Feng seinen eigenen Weg der kleinen Verbesserungen unbeirrt weitergehen. Auf dem Tisch liegen bereits Pläne für ein Kraftwerk der vierten Generation für Shanghai, die Bauarbeiten beginnen in Kürze. Indem die Chinesen den Generator näher an den riesigen Heizkessel rücken, wo die Kohle verbrennt, wollen sie Wirkungsgrade jenseits von 50 Prozent erreichen. Bald reise er in die USA, erzählt Feng. Die Amerikaner würden gerne erfahren, warum die Kohlekraftwerke der Chinesen plötzlich so effizient seien, während die US-Anlagen im Schnitt bei unter 40 Prozent herumdümpeln. "Wir haben uns auch die deutschen Anlagen angesehen", sagt Ingenieur Yang. "Da könnte man auch viel machen."

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SZ vom 08.09.2015/rus
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