Energiewende So schön, diese Windräder

Schön. Oder?

(Foto: dpa)

Die riesigen Masten und Rotoren sind für viele ein Graus, "Verspargelung der Landschaft" heißt es überall. Wie wäre es aber, wenn man in ihnen Windmühlen der Moderne sehen würde? Quasi Symbole des idyllischen Lebens?

Von Ralph Diermann

Delfter Kacheln waren Ende des 17. Jahrhunderts groß in Mode: Die blau-weißen Keramiktafeln aus Holland schmückten Adelspaläste und Bürgerhäuser in ganz Nordeuropa. Besonders beliebt waren Fliesen mit Windmühlen darauf. Das Bild stand für Fortschritt und Wohlstand.

Heute käme kaum noch jemand auf die Idee, Bilder moderner Windräder als Dekoration zu verwenden; stattdessen regt man sich über die "Verspargelung" der Landschaft auf. Trotzdem sollen noch viele weitere Windkraftwerke entstehen. Jährlich soll die installierte Leistung nach derzeitiger Planung um 2,5 Gigawatt wachsen, was etwa 900 neuen Anlagen pro Jahr entspricht. Da liegt es nahe, auch an der Ästhetik zu arbeiten - und genau das versuchen mehrere Initiativen derzeit.

Windräder als Beitrag zur regionalen Identität

Zum Beispiel der Arbeitskreis "Ästhetische Energielandschaften" im Netzwerk Baukultur Niedersachsen. "Die Windräder stehen oft wie Kraut und Rüben in der Fläche. Die Einbettung in die Umgebung spielt bei der Planung meist keine Rolle", sagt Sprecherin Gudrun Beneke. Eine vertane Chance, findet sie: "Wenn Windräder landschaftliche Strukturen aufnehmen, leisten sie einen Beitrag zur regionalen Identität. Das verändert die Wahrnehmung der Anlagen." Der Arbeitskreis hat bereits Umbau-Entwürfe für zwei Windparks erstellt, deren Anlagen durch neue, leistungsstärkere ersetzt werden sollen.

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Einer der Windparks befindet sich zwischen Harz und Helmstedt, einer Landschaft mit sanften Hügeln und vielen, teils kilometerlangen Bodenwellen. Die Fachleute schlagen vor, die neuen Windräder in zwei Reihen parallel zu den Bodenwellen zu errichten. Das betont das Relief der Landschaft. Ebenso wäre es möglich, sie auf einem weiten Nordhang im Gebiet zu konzentrieren, um dort einen Akzent zu setzen. Ein drittes Konzept sieht vor, sie an zwei Stellen zu ballen, sodass die Wegeverbindungen zwischen den umliegenden Dörfern nicht gestört werden.

Beim zweiten Windpark im ausgeräumten, landwirtschaftlich intensiv genutzten Flachland östlich von Hannover haben sich die Experten am bestehenden Feldwege-Netz orientiert - zum Beispiel könnten die Anlagen entlang der Wege aufgestellt werden. "So leiten die Windräder die Menschen durch die weite Fläche", erläutert Beneke. Eine Rotoren-Reihe soll eine ICE-Trasse kreuzen, die am Rand des Gebiets verläuft, damit der Raum weniger zerschnitten wirkt. Allerdings müsste die Integration in die Landschaft bei beiden Projekten wohl mit leichten Einbußen beim Stromertrag erkauft werden. Daher ist noch nicht klar, ob die Vorschläge auch tatsächlich realisiert werden.

"Die Farbgestaltung verbindet Windrad und Landschaft auf harmonische Weise"

Einen anderen Ansatz verfolgt der Designer Reinhold Geyer aus dem fränkischen Thierstein: Er wirbt für farbige Windräder. In waldreichen Gegenden könnten Grüntöne dominieren, bei offenem Himmel und weiten Flächen dagegen eher Erd- und Blautöne. "Die Farbgestaltung verbindet Windrad und Landschaft auf harmonische Weise", sagt Geyer. Vorbild ist die Arbeit des renommierten Farbdesigners Friedrich Ernst von Garnier, Geyer hat früher für ihn gearbeitet. Auf von Garnier geht die Praxis zurück, den Sockelbereich von Windrad-Türmen mit farblich abgestuften Ringen zu versehen, um den Übergang zwischen Landschaft und Anlage optisch fließender zu gestalten.

Noch gibt es jedoch keine konkreten Pläne, über den Sockel hinaus Farbe in Windparks zu bringen. Das liegt auch an einer Verordnung des Bundes, die einen weiß-grauen Anstrich verlangt. Das soll Piloten helfen, die Windräder zu erkennen. Geyer versteht die Verordnung allerdings so, dass nur die Flügel hell bleiben müssen. "Von den Türmen ist keine Rede", sagt der Designer. Tatsächlich ist explizit nur vorgeschrieben, dass Anlagen von mehr als hundert Metern Höhe in vierzig Metern Höhe einen roten Ring tragen müssen, der sichtbar bleiben muss. Das jedoch schließt eigentlich nur Sonnenuntergangs-Gemälde aus. Geyer ist derzeit im Gespräch mit Energiegenossenschaften, um einen Partner zu finden, der seine Idee umsetzt.

Warum werden Windräder überhaupt als störend empfunden? "Unser Verständnis von Landschaft ist durch die Romantik geprägt, unser Ideal sind vorindustrielle Bilder. Technik passt dort nicht hinein", erklärt Martin Prominski, Professor am Institut für Freiraumentwicklung der Universität Hannover. Dabei werde ausgeblendet, dass sich das Landschaftsbild stetig ändert. "Landschaft ist immer ein Ausdruck ihrer Zeit. Deshalb müssen wir Veränderungen akzeptieren", sagt Prominski. Ob schön oder nicht - an den Anblick von Windparks wird man sich sowieso gewöhnen müssen.

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