Energie "So viele Energiequellen gibt es eben nicht"

Bernard Bigot hält es wie viele seiner Kollegen für wahrscheinlich, dass dieser Notfall eintritt, alles andere tut er als Träumerei ab. "Wir brauchen eine Alternative zu fossilen Energien", sagt er. Aber so eine emissionsfreie Alternative müsse stetig und zuverlässig Energie produzieren, so wie es heute Kohle- oder Atomkraftwerke tun. "Und so viele Energiequellen gibt es eben nicht."

Auch nach Bigots Reformen bleibt die Struktur von Iter ein Albtraum. Denn jeder der sieben Partner will sich den Zugang zu der neuen Technologie sichern. Darum wird ein Großteil der Beiträge nicht wie bei anderen Kooperationen in Form von Geld bezahlt, sondern als Sachleistung, damit auch das Know-how später weltweit verteilt ist. Die Idee dahinter: Wenn alle in der Lage sind, die wichtigsten Komponenten herzustellen, könnten vergleichsweise schnell überall kommerzielle Reaktoren entstehen. Die Kapazitäten könnten entsprechend groß sein, die Preise durch die Konkurrenz im Rahmen bleiben.

Aber wenn es heute darum geht, nur einen ersten Versuchsreaktor zusammenzubekommen, wirkt die Regelung kafkaesk. Es wird von Meetings erzählt, in denen identische Komponenten von einem halben Dutzend Herstellern präsentiert wer-den; eine einzige erreicht die nötigen Anforderungen. Jeder Projektmanager, der einigermaßen bei Trost ist, würde diese bestellen. Bei Iter jedoch muss man abwarten, bis die anderen Hersteller es auch hinbekommen.

"Nicht der effizienteste Weg, es zu machen"

Was so ein Modell in der Praxis bewirkt, kann man in der Halle sehen, in der die großen äußeren, ringförmigen Magnetspulen hergestellt werden. Neben der riesigen Vakuum-Kältekammer, die einmal die tiefgekühlten Magneten und das heiße Plasma einschließen soll, sind diese Spulen die einzigen Komponenten, die direkt hier in Cadarache hergestellt werden. Projektleiter Kevin Smith steigt in einen Schutzanzug. Dann öffnet er die Tür zu dem riesigen Reinraum innerhalb der Halle, in dem die supraleitenden Spulen aufgewickelt werden. Die geringste Metallverunreinigung wäre hier fatal. Drinnen werden die viele Meter breiten Spulen minutiös aufgewickelt; das dauert jeweils Monate, technisch wäre es komplex genug. Obendrein aber ist das Projekt auf komplizierte Weise zwischen Russland, China und der Europäischen Union aufgeteilt. "Nicht der effizienteste Weg, es zu machen", gibt Smith zu. "Es funktioniert, aber es ist schwierig." Auch für ärgerliche Probleme findet sich eine Lösung. Immerhin ist Iter auch das lateinische Wort für "der Weg", und je mehr Menschen man in Cadarache trifft, desto passender wirkt der Name.

Die italienische Ingenieurin Rossella Rotella zum Beispiel ist dafür zuständig, dass am Ende alle Teile perfekt zusammenpassen. Mit etwas Verspätung hetzt sie in einen abgedunkelten Konferenzraum, wo ihr Kollege 3-D-Brillen aushändigt. Auf einem raumhohen Bildschirm erscheint das Innere des Reaktors mit allen verschiedenen Komponenten, dreidimensional und steuerbar. Wenn Rotella hier mit den anderen Experten diskutiert, kann sie in diesem Raum virtuell durch den Reaktor fliegen und alles zusammenbauen und auseinandernehmen.

Ihr sechsjähriger Sohn habe ihr sehr geholfen, witzelt sie: "Wir machen viele Puzzles." Nur dass es hier ein dreidimensionales Puzzle ist, eigentlich sogar vierdimensional, denn die Teile müssen auch zur passenden Zeit fertig werden. Das ist kompliziert. Schon darum müsse man die Dinge aufteilen, meint Rotella. Ja, vielleicht gebe es einen besseren Weg, so ein Projekt zu organisieren. "Aber das hier ist der Weg, den wir gefunden haben."

Mega-Baustelle Iter

Die Montage des Fusionsreaktors Iter ist ein logistischer Kraftakt. Komponenten in der Größe von Einfamilienhäusern müssen zusammengefügt werden - millimetergenau. mehr...