KlimaEl Niño erhöht das Risiko für bewaffnete Auseinandersetzungen

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Verendete Tiere in Somaliland am Horn von Afrika während einer heftigen El-Niño-Phase.
Verendete Tiere in Somaliland am Horn von Afrika während einer heftigen El-Niño-Phase. Feisal Omar
  • Eine chinesisch-amerikanische Forschergruppe hat anhand von mehr als 500 bewaffneten Konflikten zwischen 1950 und 2023 gezeigt, dass natürliche Klimaschwankungen wie El Niño das Konfliktrisiko erhöhen können.
  • Ein starker El Niño erhöht das Risiko für einen neuen Konflikt innerhalb eines Jahres um durchschnittlich 46 Prozent im Vergleich zu einem starken La Niña-Ereignis.
  • Politische, ökonomische und gesellschaftliche Faktoren bleiben aber laut Forschern die zentralen Treiber für Konflikte.
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Trockene El-Niño-Jahre können laut Forschern bewaffnete Konflikte fördern. Doch Klima allein erklärt keine Kriege.

Von Hanno Charisius

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Klimaphänomene wie El Niño können die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte in besonders betroffenen Ländern deutlich erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine chinesisch-amerikanische Forschergruppe, die mehr als 500 bewaffnete Konflikte zwischen 1950 und 2023 mit hochaufgelösten Klimadaten verknüpft hat. Ihre Studie im Fachjournal PNAS zeigt, dass natürliche Klimaschwankungen Gesellschaften verwundbarer machen – und damit auch anfälliger für die Folgen des menschengemachten Klimawandels.

Im Zentrum der Untersuchung stehen zwei „Taktgeber“ des globalen Wetters: die El Niño–Southern Oscillation (ENSO) im Pazifik und der Indische-Ozean-Dipol. El Niño erwärmt das Wasser im zentralen und östlichen Pazifik überdurchschnittlich, kehrt regelmäßig alle paar Jahre wieder und bringt die Niederschlagsmuster durcheinander.  Der Indische-Ozean-Dipol (IOD) bezeichnet ein Klimaphänomen im Indischen Ozean, bei dem Temperaturanomalien an der Meeresoberfläche zwischen der ostafrikanischen Küste und Südostasien auftreten.

Die Analyse des Teams um den Geografen Justin Mankin vom Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, ergab: Das Risiko für den Ausbruch eines bewaffneten Konflikts steigt, wenn die mit El Niño verbundenen Trockenperioden einen Schwellenwert überschreiten. Der schneller wechselnde IOD hängt dagegen – je nach Region – sowohl mit überdurchschnittlichen als auch mit geringen Niederschlägen zusammen. Betroffen sind unter anderem Somalia, Äthiopien und Indonesien. Die Forscher führen das auf den Einfluss des IOD auf das regionale Wetter zurück: Er begünstigt Missernten, erhöht den sozioökonomischen Druck und steigert die Konfliktanfälligkeit. Ab 25 kampfbedingten Todesfällen wurde ein Konflikt zum Beispiel als neuer Bürgerkrieg in die Statistik aufgenommen.

Politische, ökonomische und gesellschaftliche Faktoren sind die zentralen Treiber

Einen direkten Zusammenhang zwischen konkreten Konflikten und einzelnen Wetterereignissen weist die Studie nicht nach. Auch zum Einfluss des Klimawandels selbst ziehen die Forschenden keine Schlüsse. Weil die zugrunde liegenden Klimaphänomene regelmäßig auftreten, eigneten sie sich jedoch gut für die systematische Analyse.

Die Größe der gefundenen Effekte hing dabei unter anderem davon ab, wie stark Regionen an die jeweiligen Klimamuster gekoppelt sind. Weniger Einfluss hatte laut der Analyse die reine Stärke des IOD oder El Niño. Es zeigte sich jedoch klar: In einem starken La-Niña-Jahr – der kühleren Gegenphase des El Niño – bricht in einem durchschnittlichen Staat mit einer Wahrscheinlichkeit von 3,5 Prozent ein bewaffneter Konflikt aus. In einem starken El-Niño-Jahr liegt dieser Wert bei etwa fünf Prozent. Laut der Studie geht El Niño vorwiegend dort mit mehr Konflikten einher, wo es in dieser Phase trockener wird, etwa im südlichen Afrika. In Regionen, die während El Niño feuchter werden, ist der Zusammenhang deutlich schwächer.

Die Autorinnen und Autoren betonen in ihrem Aufsatz, dass Klimaschwankungen allein keine Kriege erklären. Politische, ökonomische und gesellschaftliche Faktoren bleiben die Haupttreiber für Gewalt. Wiederkehrende Klimamuster wie ENSO und IOD könnten jedoch die Rahmenbedingungen verschieben, sodass fragile Situationen leichter eskalieren.

Dass die Forschenden sich auf das Klima konzentrieren und historische sowie geopolitische Entwicklungen weitgehend ignorieren, sei methodisch kein Problem, sagt Nina von Uexkull, Professorin für internationale Politik an der Universität Konstanz. Jedenfalls „solange die statistischen Methoden dem Rechnung tragen“, so wie nach ihrer Einschätzung in der aktuellen Studie. „Aber natürlich sagt die Studie nichts darüber aus, wie wichtig das Klima im Vergleich mit anderen Faktoren ist und warum in einigen Ländern dieser Zusammenhang auftritt und in anderen nicht.“

Es sei seit Längerem bekannt, dass Klima nur unter bestimmten Bedingungen einen messbaren Effekt auf Konflikte hat, sagt Uexkull, die derzeit auch am Peace Research Institute in Oslo forscht. „Andere Studien zeigen, dass strukturelle Verwundbarkeiten wie Armut, Ungleichheit und fragile Regierungsführung in der Regel bedeutsamer für das Konfliktrisiko sind als das Klimaereignis selbst.“ Hinzu kämen historische Entwicklungen wie die Dekolonisierung um die Mitte des 20. Jahrhunderts.

Was die neuen Ergebnisse für Konflikte in einer heißer werdenden Welt bedeuten, bleibt offen. „In der jüngeren Vergangenheit war der Einfluss des Klimawandels auf Gewaltkonflikte noch nicht sehr hoch, könnte aber zunehmen“, sagt Jürgen Scheffran, Professor für Integrative Geographie an der Universität Hamburg. Es könne aber auch sein, „dass Kooperation gegen Klimawandel und Konflikte zunimmt, um das Problem einzudämmen“.

Für die kommenden Monate erwarten Klimatologen ein neues El‑Niño‑Ereignis – mit möglichen Temperaturrekorden und Dürreperioden. Welche Konflikte sich daraus entwickeln, lässt sich noch nicht abschätzen. Doch die neue Studie zeigt, wo das Risiko steigt.

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