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Eiszeit in Europa:Überraschte Meteorologen

Sogar erfahrene Meteorologen sind überrascht, wie kalt es am eigenen Wohnort werden kann. Reinhard Graminski vom Deutschen Wetterdienst zum Beispiel hätte Temperaturen von minus 15 Grad in Frankfurt nicht erwartet, "weil doch kein Schnee liegt". Die weiße Decke hätte die Auskühlung beschleunigt, aber ein schneeloser "Kahlfrost", wie Graminski das nennt, ist zumindest bisher nicht so tief gegangen.

In der Nacht zum Dienstag ist die Temperatur in seiner hessischen Heimat noch einmal auf fast minus 16 Grad gefallen.

Eine "Kälteblase" ziehe zurzeit über Deutschland, sagt Graminski, aber auf diese folge immerhin eine leichte Entspannung. Die Temperaturen bleiben wohl im zweistelligen Minusbereich, aber in den niedrigen Zehnern, jedenfalls bis Freitag. Das Wochenende werde dann aber voraussichtlich noch einmal kälter. Genauso sieht es Jörg Riemann vom privaten Wetterdienst Meteogroup Deutschland. "Von Freitagnacht an rutschen die Minuswerte wieder in den Keller." Er rechne mit 20 Grad minus.

Ein Widerspruch zum globalen Klimawandel, dessen Fortsetzung die Forscher in den kommenden Jahrzehnten erwarten, ist die große Kälte indes nicht.

Generell sind kalte Wintertage auch in Zeiten globaler Erwärmung möglich, diese beschreibt schließlich Trends, die über Jahrzehnte verlaufen. In der aktuellen Kälte aber erkennen zwei Klimaforscher sogar eine mögliche Folge der globalen Veränderungen, die eben kein gleichmäßiges Ansteigen von Temperaturen an allen Orten bedeuten.

Einer der Forscher ist Ralf Jaiser vom Potsdamer Alfred-Wegener-Institut. Seine Beobachtungen zeigen, dass der Rückgang der Eisdecke in der Arktis im Sommer und Herbst die stabilen - und milden - Winterwetterlagen vieler früherer Jahre aufmischt. "Wenn das Nordmeer eisfrei ist, nimmt es im Herbst mehr Sonnenstrahlung auf und erwärmt sich. Später kann von dort relativ warme Luft aufsteigen und die atmosphärische Schichtung durcheinanderbringen."

Das wiederum kann das Zusammenspiel von Azorenhoch und Islandtief stören, die üblicherweise im Duett milde Westwinde nach Europa lenken. Eine weitere Studie stammt von Vladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er hat analysiert, was passiert, wenn im Winter wenig oder kein Eis in der Barentsee schwimmt, also zwischen der Nordspitze Norwegens, Spitzbergen und der russischen Insel Nowaja Semlja. Klimasimulationen hätten gezeigt, dass sich dann bevorzugt ein Hoch über diesem Teil des Polarmeers entwickelt und kalte Luft an seiner Südflanke nach Zentraleuropa leitet.

Tatsächlich gibt es zurzeit einen erkennbaren Mangel an Eis in der Karasee, jedenfalls gemessen am Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000, und tatsächlich liegt das aktuelle Hochdruckgebiet namens Dieter I etwas südlich der Karasee. Seinen Einfluss bekommt Deutschland in diesen Tagen zu spüren.

So gesehen bekommt die Karnevalsgesellschaft Narhalla e.V. in Philippsburg viel geboten für ihr Geld. Die Narren hatten beim Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin die Namenspatenschaft für das vierte Hochdruckgebiet des Jahres erworben - und es Dieter genannt. Dieses Hoch hat sich inzwischen zweigeteilt, wobei ein Teil über Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark zur Nordsee zieht, während der andere Teil über Nordrussland verharrt.

Dieser Teil, Dieter I, beschert Europa nun Kälterekorde, weil es an seiner Südseite arktische Kaltluft in die Ukraine, nach Polen und Deutschland schaufelt.

© SZ vom 07.02.2012/mcs

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