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Eiszeit in Europa:Klirrende Kälte in Zeiten der Erderwärmung

Der Winter hatte sich milde angekündigt, der Januar war ungewöhnlich warm. Und nun herrscht arktischer Frost in Europa, sogar das Kolosseum in Rom und die Strände Spaniens sind verschneit. Ein Widerspruch zum globalen Klimawandel?

Christopher Schrader und Patrick Illinger

Dass Kälte Geräusche machen könne, wird in der modernen Tieftemperaturphysik bislang bestritten. So gesehen ist die Herkunft der in diesen Tagen wieder inflationär gebrauchten Redewendung von der "klirrenden Kälte" ein etymologisches Rätsel. Womöglich sind es ja die zurzeit in Europa häufigen Eiszapfen, die eine Assoziation mit Glas wecken, das bekanntlich klirren kann.

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Sogar auf dem Kolosseum in Rom liegt Schnee.

(Foto: dpa)

Nun zeigt sich, dass die Eiseskälte noch weitere sensorische Assoziationen hervorrufen kann. In den vergangenen Tagen mussten mehrere junge Tschechen notfallmedizinisch versorgt werden, nachdem ihre Zungen an Laternenmasten festgefroren waren. Die jungen Leute wollten nach eigenen Angaben "den Geschmack von Frost" kennenlernen.

Doch unabhängig von linguistischen Paradoxien und jugendlichem Leichtsinn muss man über die Wetterlage dieser Tage durchaus staunen, wenn nicht sogar erschrecken.

Nachdem sich der Winter 2011/12 vergleichsweise milde angekündigt hatte, mit grün-grauer Weihnacht und einem überdurchschnittlich warmen Januar, ist seit einigen Tagen arktischer Frost über Europa hereingebrochen und hat sogar das Kolosseum in Rom wie auch die Strände Mallorcas beschneit.

Minus 28,7 Grad Celsius wurden in der Nacht zum Montag in Mecklenburg-Vorpommern gemessen, im bayerischen Oberstdorf waren es minus 28,1 Grad. Der Kälte sind europaweit nach offiziellen Meldungen bereits fast 300 Menschen zum Opfer gefallen. 131 Kältetote hat die Ukraine gemeldet, etwa 60 sollen es in Polen sein. Die meisten Opfer sind Obdachlose, die keine Zuflucht gefunden haben, aber auch Eisangler und Schlittschuhläufer sind ums Leben gekommen.

Serbien hat einen landesweiten Ausnahmezustand ausgerufen, Frankreich warnt vor Stromausfällen, und der italienische Gasversorger Eni rechnet von Donnerstag an mit Engpässen. In Rom und zahlreichen anderen Städten blieben am Montag Schulen und Behörden geschlossen. Auf manchen Mittelmeer-Inseln wurden die tiefsten Temperaturen seit 40 Jahren registriert.

Im Westen Deutschlands wuden in den Morgenstunden des Dienstags neue Tiefstwerte gemessen: Auf minus 22,5 Grad fiel die Temperatur in Nettersheim. Aus dem Osten meldete der Deutsche Wetterdienst Temperaturen um minus 22 Grad, in Harzgerode waren es sogar minus 24,8 Grad. Auch am Montagmorgen hatte das Thermometer vielerorts weniger als minus 20 Grad gezeigt. Im Osten war es die kälteste Nacht seit 25 Jahren.

Besonders kalt wird es zum Beispiel eine Stunde nach Sonnenaufgang, wenn die Erde unter dem wolkenlosen Himmel eine Nacht lang Wärme in den Weltraum abgestrahlt hat und die Sonne noch keine Kraft hat, neue Energie nachzuliefern.

Überraschte Meteorologen

Sogar erfahrene Meteorologen sind überrascht, wie kalt es am eigenen Wohnort werden kann. Reinhard Graminski vom Deutschen Wetterdienst zum Beispiel hätte Temperaturen von minus 15 Grad in Frankfurt nicht erwartet, "weil doch kein Schnee liegt". Die weiße Decke hätte die Auskühlung beschleunigt, aber ein schneeloser "Kahlfrost", wie Graminski das nennt, ist zumindest bisher nicht so tief gegangen.

In der Nacht zum Dienstag ist die Temperatur in seiner hessischen Heimat noch einmal auf fast minus 16 Grad gefallen.

Eine "Kälteblase" ziehe zurzeit über Deutschland, sagt Graminski, aber auf diese folge immerhin eine leichte Entspannung. Die Temperaturen bleiben wohl im zweistelligen Minusbereich, aber in den niedrigen Zehnern, jedenfalls bis Freitag. Das Wochenende werde dann aber voraussichtlich noch einmal kälter. Genauso sieht es Jörg Riemann vom privaten Wetterdienst Meteogroup Deutschland. "Von Freitagnacht an rutschen die Minuswerte wieder in den Keller." Er rechne mit 20 Grad minus.

Ein Widerspruch zum globalen Klimawandel, dessen Fortsetzung die Forscher in den kommenden Jahrzehnten erwarten, ist die große Kälte indes nicht.

Generell sind kalte Wintertage auch in Zeiten globaler Erwärmung möglich, diese beschreibt schließlich Trends, die über Jahrzehnte verlaufen. In der aktuellen Kälte aber erkennen zwei Klimaforscher sogar eine mögliche Folge der globalen Veränderungen, die eben kein gleichmäßiges Ansteigen von Temperaturen an allen Orten bedeuten.

Einer der Forscher ist Ralf Jaiser vom Potsdamer Alfred-Wegener-Institut. Seine Beobachtungen zeigen, dass der Rückgang der Eisdecke in der Arktis im Sommer und Herbst die stabilen - und milden - Winterwetterlagen vieler früherer Jahre aufmischt. "Wenn das Nordmeer eisfrei ist, nimmt es im Herbst mehr Sonnenstrahlung auf und erwärmt sich. Später kann von dort relativ warme Luft aufsteigen und die atmosphärische Schichtung durcheinanderbringen."

Das wiederum kann das Zusammenspiel von Azorenhoch und Islandtief stören, die üblicherweise im Duett milde Westwinde nach Europa lenken. Eine weitere Studie stammt von Vladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er hat analysiert, was passiert, wenn im Winter wenig oder kein Eis in der Barentsee schwimmt, also zwischen der Nordspitze Norwegens, Spitzbergen und der russischen Insel Nowaja Semlja. Klimasimulationen hätten gezeigt, dass sich dann bevorzugt ein Hoch über diesem Teil des Polarmeers entwickelt und kalte Luft an seiner Südflanke nach Zentraleuropa leitet.

Tatsächlich gibt es zurzeit einen erkennbaren Mangel an Eis in der Karasee, jedenfalls gemessen am Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000, und tatsächlich liegt das aktuelle Hochdruckgebiet namens Dieter I etwas südlich der Karasee. Seinen Einfluss bekommt Deutschland in diesen Tagen zu spüren.

So gesehen bekommt die Karnevalsgesellschaft Narhalla e.V. in Philippsburg viel geboten für ihr Geld. Die Narren hatten beim Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin die Namenspatenschaft für das vierte Hochdruckgebiet des Jahres erworben - und es Dieter genannt. Dieses Hoch hat sich inzwischen zweigeteilt, wobei ein Teil über Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark zur Nordsee zieht, während der andere Teil über Nordrussland verharrt.

Dieser Teil, Dieter I, beschert Europa nun Kälterekorde, weil es an seiner Südseite arktische Kaltluft in die Ukraine, nach Polen und Deutschland schaufelt.

© SZ vom 07.02.2012/mcs

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