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Eisbär im Klimawandel:Streit um die Größe der Eisbär-Populationen

Seine besondere Lebensweise hat den Eisbären längst zum Symboltier des Klimawandels gemacht, dessen Überleben als Spezies vom Kampf der Menschheit gegen Treibhausgase wie CO2 abhängt. "Unsere beste Schätzung besagt, dass die Zahl der Eisbären bis zum Jahr 2050 um zwei Drittel gesunken sein wird", sagt zum Beispiel der kanadische Forscher Andrew Derocher von der University of Alberta. Doch gerade weil der Eisbär Symbolcharakter hat, sind die Zahlen umstritten. Derochers Angabe wird von der International Union for the Conservation of Nature infrage gestellt, die die Rote Liste bedrohter Tierarten erstellt. Ihrer Analyse zufolge dürfte die Zahl der Eisbären bis 2050 um ein Drittel bis die Hälfte sinken. Sie ordnet die Art als "gefährdet" ein, die unterste von drei Stufen.

20.000 bis 25.000 Eisbären sollen noch die Arktis bevölkern. Weil das weit mehr ist, als unwissenschaftliche Beobachtungen in den 1950er- und 1960er-Jahren ergeben hatten, als die Bären zudem noch hemmungslos gejagt wurden, bestreiten manche Beobachter rundheraus, dass Eisbären in Gefahr seien. Ein weiterer Anlass für Kontroversen sind Details über die 19 Populationen rund um den Nordpol. Davon sind laut einer Übersicht des norwegischen Polarinstituts acht akut gefährdet, drei stabil, und nur eine wächst; für sieben jedoch, vor allem auf der sibirischen Seite und in Ostgrönland, fehlen Daten.

Traditionelle Jagdrechte der Inuit

Für eine dieser Regionen, den Norden und Westen der Hudson-Bay, hat aber die Regierung des kanadischen Territoriums Nunavut im April 2012 Zahlen vorgelegt. 1000 statt wie angenommen 600 Eisbären lebten dort. "Es gibt keine Krise, kein drohendes Unheil, keinen Trübsinn", sagte deshab Drikus Gissing von der Wildschutzbehörde des Territoriums zur kanadischen Zeitung Globe and Mail. Derocher erwiderte, die Zahl der gesichteten Jungtiere sei viel zu klein für eine stabile Population.

Streitereien wie diese haben es der kanadischen Regierung im Frühjahr 2013 erlaubt, eine Verschärfung des Artenschutzes abzuwehren. Auf einer Konferenz in Bangkok hatten Vertreter der amerikanischen Regierung beantragt, den internationalen Handel mit Eisbärenfellen, -zähnen und -klauen zu verbieten. Die Kanadier verwiesen auf die umstrittenen Zahlen und die traditionellen Jagdrechte der Inuit in der Arktis - und setzten sich durch.

Wie erbittert der Streit geführt wird, zeigt der Fall Charles Monnett. Der Forscher in Diensten der amerikanischen Behörde für Öl- und Gasbohrungen auf See hatte 2006 auf einem Kontrollflug über dem Meer vier ertrunkene Eisbären entdeckt und einen wissenschaftlichen Aufsatz darüber geschrieben. Der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore hatte die Beobachtung in seinen Film "Eine unbequeme Wahrheit" aufgenommen und den Eisbären zum Symbol gemacht. Nun schossen sich die Gegner auf Monnett ein. Er wurde 2010 wegen Vorwürfen suspendiert, Daten über die ertrunkenen Bären manipuliert zu haben. Erst im Herbst 2012 hat ihn sein Arbeitgeber rehabilitiert.