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Ein Soziobiologe erklärt die Welt:"Das Alte Testament ist ein Lehrbuch der Soziobiologie"

Nächsten- und Feindesliebe sowie Selbstlosigkeit sind wichtige Bestandteile der christlichen und anderer Religionen. Wie passen diese Ansprüche zur Vorstellung von egoistischen Genen? Fragen an den Soziobiologen Eckart Voland.

Von Markus C. Schulte von Drach

sueddeutsche.de: Die Religionen nehmen für sich in Anspruch, unser moralischer Kompass zu sein. Und viele von uns orientieren sich auch danach. Besteht da nicht ein eklatanter Widerspruch zu den Annahmen der Soziobiologen?

Gott straft die Stadt Sodom. Mosaik aus dem 12. Jahrhundert im Dom von Monreal, Sizilien.

(Foto: Foto: oh)

Voland: Das ist ein spannendes Thema. Die evolutionäre Religionswissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ich bin überzeugt davon, dass man Religion analytisch in ihre verschiedenen Komponenten zerlegen und vor dem Hintergrund der evolutionären Naturgeschichte des Menschen erklären kann. Das betrifft auch die ethischen Forderungen, die mit Religion verbunden sind.

Es gibt zum Beispiel im Christentum und dem Islam den strafenden, allwissenden Gott, vor dem man Angst haben muss. Der die Einhaltung der Werte fordert und überwacht. Bei den naturnahen Völkern gibt es das praktisch nicht. Die dortigen Geister, Ahnen und Götter haben ganz andere Funktionen.

Woher kommt nun die Vorstellung des strafenden Gottes? Wir sind auf Kooperationen angewiesen und zugleich dem Schwarzfahrerproblem ausgesetzt. Nun können die Mitmenschen einen Normabweicher bestrafen. Aber das ist ein selbstloser Akt.

sueddeutsche.de: Wieso denn das?

Voland: Der Strafende wendet Energie für die Bestrafung desjenigen auf, der sich nicht gruppendienlich verhalten hat. Er tut etwas für die Gemeinschaft. Aber warum sollte gerade er das tun? Damit haben wir ein Schwarzfahrerproblem zweiter Ordnung. Nun könnte es sein, dass gerade solche Gruppen historisch einen Vorteil hatten, die dieses Schwarzfahrerproblem zweiter Ordnung externalisiert haben.

sueddeutsche.de: Deshalb wurde der allwissende strafende Gott als externe Instanz eingeführt?

Voland: Der sorgt dafür, dass bitteschön alle brav ihre Normen einzuhalten haben. Wenn die Angehörigen einer Gruppe daran geglaubt und sich deshalb den Normen gemäß verhalten haben, konnten sie als Gruppe stark sein. Stark genug, um sich evolutionär durchzusetzen gegenüber Gruppen, die nicht diesen Grad an Kooperationsbereitschaft erreicht hatten, weil ihnen der Zentralglaube an eine strafende Instanz fehlte. Das wäre ein sich selbst verstärkender evolutionärer Effekt.

Zum moralischen Anspruch der Religionen kann man übrigens noch sagen: Je moralischer die Gläubigen innerhalb der Gruppe sind, desto feindseliger sind sie nach außen.

Strenggläubigkeit erhöht die Kooperationsbereitschaft innerhalb der Gruppe, zugleich werden die Mitglieder nach außen wehrhafter und vielleicht auch aggressiver. Religionen sind sehr wahrscheinlich im Zuge von Zwischengruppenkonflikten entstanden, und nicht selten scheint dieser historische Ursprung auch heute noch durch.

sueddeutsche.de: Die christlichen Werte wie Nächstenliebe und Feindesliebe sollen aber doch prinzipiell nicht nur innerhalb der Gemeinde der Gläubigen gelten.

Voland: Betrachten wir einmal die Bibel. Das Alte Testament ist voll mit Hinweisen auf Feindbilder, Genozid und etliche allzumenschliche Neigungen. Dieses Buch ist sozusagen ein Lehrbuch der Soziobiologie.

sueddeutsche.de: Aber Theologen sagen, mit der Figur des Jesus im Neuen Testament habe sich die Ethik weiter entwickelt und die moralischen Werte auf eine höhere Stufe gehoben.

Voland: Das mag sein. Aber haben uns die Kirchenväter denn wirklich seit 2000 Jahren die Feindesliebe gepredigt? Das Christentum hat sehr viele imperiale und expansive Phasen durchlebt, von den Kreuzzügen bis zur Hexenverfolgung. Eine grauenvolle Geschichte. Und selbst wenn die Feindesliebe gepredigt wurde - sie wurde nicht realisiert.

"Der Ethikunterricht ist nicht die Instanz, die gute Menschen produziert"

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Der Soziobiologe und Philosoph Eckart Voland.

(Foto: Foto: oh)

Voland: Was biologisch nicht vorgesehen ist, kann auch durch eine noch so gute Ethik nicht eingelöst werden. Es geht ganz einfach nicht. Man soll nicht so tun, als seien die christlichen Werte tatsächlich verhaltensrelevant und weltverbessernd gewesen.

sueddeutsche.de: Für Soziobiologen haben Normen, Werte und moralische Ansprüche ihren Ursprung also nicht in den Kulturen oder Religionen der Welt. Doch woher stammt unsere Moral dann?

Voland: Manche Wissenschaftler vermuten, dass im sich entwickelnden kindlichen Gehirn Zentren existieren, die auf den Input moralischer Parameter warten. Das ist mit dem Spracherwerb vergleichbar: Wir lernen unsere Sprache aufgrund einer Art Tiefenstruktur, die im Gehirn bereits angelegt ist. Lediglich welche Sprache unsere Muttersprache wird, hängt davon ab, was aus der Umwelt kommt.

Bei der Moral scheint das ähnlich zu sein. Es existieren bereits gewisse Dinge wie Konzepte von Fairness und Tauschgerechtigkeiten von Geburt an. Dann gibt es eine sensible Phase, in der wir die Regeln aufsaugen, die in unserem sozialen Kontext herrschen. Man kann hier von Prägung sprechen.

So etwas wie der Level der Tauschgerechtigkeit wird dabei noch feinjustiert, damit ich in meine Gesellschaft hineinpasse. Was aber nicht bedeutet, dass die Idee der Tauschgerechtigkeit erst gelernt werden müsste,

sueddeutsche.de: Dann wäre es also nicht Moral selbst, die gelernt wird?

Voland: Nein. Wir übernehmen unsere Werte offensichtlich nicht im Sinne einer direkten Werteerziehung. Der Ethikunterricht ist nicht die Instanz, die gute Menschen produziert.

sueddeutsche.de: Wo liegt denn diese sensible Phase?

Voland: Die Übernahme von Werten vollzieht sich lange vor der Zeit, in der man sich schließlich mit Kant und dem kategorischen Imperativ beschäftigt oder die Goldene Regel lernt (Nach Matthäus 7,12: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch").

Menschen, die anderen in der Not geholfen haben, sagen übrigens häufig, sie seien einem Impuls gefolgt. Das untermauert meinen Standpunkt, dass Moral nichts mit Rationalität zu tun hat. Rationale Gründe stehen nicht am Anfang der Moralentwicklung.

sueddeutsche.de: Kann so ein Impuls seine Wurzeln nicht in gelernten Vorgaben haben? Ich bremse beim Autofahren in einer Gefahrensituation auch ohne zu überlegen.

Voland: Das haben Sie in der Fahrschule gelernt und geübt, bis Bremsen zur Routine wurde. Eine Moralschule brauchen wir aber offenbar nicht. Sie üben nicht Gerechtigkeit, bis sie zur Routine wird. Sie entwickeln Ihre Moral als Kleinkind gleichsam nebenbei.Die biologisch evolvierte Moralfähigkeit braucht lediglich eine kulturelle Feinabstimmung.

Aber diese Form von Lernen implementiert nicht Moral in ein zuvor moralloses Wesen, sondern diese Form von Lernen vollzieht Anpassung an lokale Verhältnisse. Eltern und Altersgenossen stellen so gesehen nur den Kontext dar, in dem sich die Moral der Kinder entfaltet. Sie können Kinder nicht wirklich belehren.

"Moral hat eine irdische Naturgeschichte"

sueddeutsche.de: Es fällt schwer, diesen Gedanken zu akzeptieren.

Voland: Wenn es anders wäre, dann würden wir alle bereits im Paradies leben. Warum sind die großen Experimente denn gescheitert? Das Christentum mit seiner Heilsbotschaft, der Sozialismus und all die anderen Ideologien? Weil es eben genau so nicht geht, wie Sie es vermuten.

Man kann hier über Lernprozesse nicht innovativ wirken. Man kann nur einige der im Gehirn bereitgestellten Optionen aktivieren, und zwar durch das Angebot entsprechender Entwicklungskontexte. So kommt es, dass ein Kind in einer kleinbürgerlichen behüteten Familie eine andere Moralität entwickelt als ein Kind in einem sozialen Brennpunkt. Das sind eigene konstruktive Leistungen der Kinder in ihren jeweiligen Nischen.

sueddeutsche.de: Wenn moralisches Verhalten seine Wurzeln in Hirnstrukturen hat, die während der Evolution entstanden sind, müssen wir dann Gut und Böse als Kategorien bei der Beurteilung im Verhalten anderer über Bord werfen?

Voland: Wir charakterisieren mit den Begriffen Gut und Böse bestimmtes Verhalten. Es macht keinen Sinn, das zu ändern, nur weil wir wissen, was biologisch dahinter steckt. Auch wenn wir die Botenstoffe kennen, die an der Erfahrung der Liebe beteiligt sind, verzichten wir nicht auf Liebe oder den Begriff. Das ist bei der Moral ähnlich. Und die Gesellschaft wird weiterhin die gute Tat belohnen und die schlechte bestrafen.

sueddeutsche.de: Aber macht es denn noch Sinn, ein moralisches Urteil abzugeben, wenn Moral so naturwüchsig ist, wie Sie das behaupten?

Voland: Da bin ich sehr skeptisch. Ich finde, dass es ausreicht, wenn man über Interventionen Verhaltenstendenzen beeinflusst. Ich kann jemanden, der Unrecht getan hat, bestrafen. Das hat Konsequenzen und schützt die Gesellschaft vor unliebsamen Entwicklungen. Aber ich brauche dazu kein moralisierendes Urteil. Denn auch die Moral unterliegt den deterministischen Gesetzen allen Naturgeschehens. Selbst die Freiheit, sich für das Gute zu entscheiden - etwas, das sehr viele Moralphilosophen ungeheuer wichtig nehmen - diese Freiheit kann ich nicht erkennen. Es ist eine Wunschvorstellung, die weder durch psychologische Hinweise gestützt wird noch durch evolutionäre Theoriebildung. Das macht moralische Urteile hochgradig fragwürdig.

sueddeutsche.de: Wir könnten demnach auf göttliche Gebote verzichten - und die Moral bliebe in der Welt?

Voland: Ja. Es gibt keine metaphysische Werterealität. Aber Moral widerspricht nicht dem soziobiologischen Weltbild. Es kränkt die Theologen immer wieder, wenn man ihnen sagt, dass Moral und Ethik nicht auf transzendente Ziele hin ausgerichtet sind, sondern evolutionär stabil waren, weil sie ihre weltliche Nützlichkeit unter Beweis gestellt haben. Moral hat eine irdische Naturgeschichte. Nur nebenbei: Wer wollte allen Ernstes behaupten, dass Menschen ohne Gott ohne Moral wären?

sueddeutsche.de: Können wir denn noch hoffen, zu lernen, wie wir eine bessere Welt mit wirklicher Menschlichkeit schaffen?

Voland: Ich bezweifle, dass wir das, was evolutionär vorgegeben ist, und das deshalb gen-egoistisch funktionieren muss, durch Lernprozesse überwinden können, um den "besseren Menschen" zu schaffen. An dieser Vision sind schon viele mit hohen Kosten gescheitert.

Aber Humanität braucht auch gar nicht den neuen Menschen, denn die conditio humana hält auch die Möglichkeit von Kooperation, Solidarität und Barmherzigkeit vor. Doch wir müssen besser verstehen lernen, unter welchen Bedingungen das zu Tage tritt, was wir im Sine einer humanitären Entwicklung für wünschenswert halten.

Eckart Voland ist Professor für Philosophie der Biowissenschaften am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft an der Universität Gießen. Volands Aussagen zu den hier diskutierten Themen sowie zu weiteren Aspekten der Soziobiologie kann man nachlesen in seinem Buch "Die Natur des Menschen", erschienen im Verlag C.H.Beck ISBN 978-3-406-56334-8 Preis: 18,90 Euro

© sueddeutsche.de/cmat

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