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Ein Lügenexperte im Interview:"Mir entgeht kein Gesichtsausdruck"

SZ: Bei wie viel Prozent liegen Sie?

Ekman: Bei 100. Mir entgeht kein Ausdruck.

SZ: Können Sie nie abschalten?

Wenn Sie es einmal gelernt haben, haben Sie diese Fähigkeit. Lesen Sie Noten?

SZ: Ja.

Ekman: Dann hören Sie Symphonien anders. Genauso ist es mit den Mikroausdrücken. Damit lernt man, die Grundmuster menschlicher Emotionen zu lesen.

SZ: Ihr Mentor Silvan Tomkins hat mal gesagt, das Gesicht sei wie der Penis.

Ekman: Weil es ein Eigenleben hat, das sich zum Teil unserer bewussten Beherrschung entzieht. Jeder von uns wird hin und wieder gefragt: Warum guckst du gerade so oder so? Meist sind unsere Gesichtsausdrücke uns aber gar nicht bewusst. Tomkins konnte nur vom Foto eines gesuchten Verbrechers auf das Verbrechen schließen, das er begangen hatte. Bevor er als Wissenschaftler erfolgreich war, hat er übrigens auf Pferderennen gewettet. Er konnte nur anhand der Aufstellung sagen, welches Pferd gewinnen würde. Er war darin so gut, dass er davon leben konnte.

SZ: Woran erkennen Sie, ob mein Lächeln jetzt gerade ehrlich oder nur höflich ist?

Ekman: Bei einem echten Lächeln bewegt sich nicht nur der Zygomatic Major, der Mundwinkel, sondern auch der Orbicularis oculi, pars orbitalis, also der Muskel um die Augen. Das ist fast unmöglich zu fälschen, es entzieht sich unserer Willenskraft. Also: Ihr Lächeln ist echt.

SZ: Es wäre außerordentlich schwierig, Sie anzulügen. Sie durchschauen alles.

Ekman: Oh, nichts leichter als das. Ich glaube grundsätzlich immer, dass Leute mir die Wahrheit sagen, es sei denn, ich arbeite.

SZ: Woran erkennen Sie, ob jemand lügt? Es gibt ja keine Pinocchio-Nase.

Ekman: Aber Hotspots. Wenn das Gesicht nicht zur Stimme passt, die Stimme nicht zum Inhalt oder der Inhalt nicht zu den Gesten, dann stimmt was nicht. Es ist nicht eine Sache, man muss auf alles achten. Aber Vorsicht, es kann sein, dass jemand nur Angst hat und angespannt ist, weil er verhört wird, nicht unbedingt, weil er ein Verbrechen begangen hat.

SZ: Ist Lügen jemals gerechtfertigt?

Ekman: Natürlich. Ich habe eine Goldene Regel, wann es erlaubt ist zu lügen. Wenn meine Frau und ich von einer Party zurückkommen und meine Frau fragt: ,Gab es Frauen auf der Party, die du attraktiver fandest als mich?' - dann sage ich selbstverständlich nicht: ,Klar, diese Blonde.' Sondern: ,Natürlich nicht, Liebling!' Ein fiktives Beispiel, denn meine Frau ist zu intelligent, um so dumme Fragen zu stellen. Entscheidend ist die Überlegung: Wenn meine Partnerin herausfindet, dass ich sie angelogen habe - würde sie sich verletzt und ausgenutzt fühlen und mir nie wieder vertrauen, oder würde sie verstehen, warum ich das getan habe?

SZ: Damit öffnen Sie der Lüge Tür und Tor.

Ekman: Man muss ehrlich mit sich sein. Ein Wissenschaftler-Kollege von mir findet beispielsweise, dass er, wenn er auf Reisen ist, anstellen kann was er will. Ich frage: ,Weiß deine Frau das?' ,Nein', sagt er, ,aber ich bin mir sicher, sie sieht das genau so.' Damit lügt er sich natürlich in die eigene Tasche.

SZ: Wann haben Sie zuletzt die Unwahrheit gesagt?

Ekman: Seit der Geburt meiner Tochter versuche ich, ohne Lügen durchs Leben zu gehen, aber es ist Arbeit. Harte Arbeit.

SZ: Also? Wann zuletzt?

Ekman: Hm. Es war eine altruistische Lüge, wirklich. Ich musste unlängst drei Tage auf die Ergebnisse einer Biopsie warten. Davon habe ich meiner Frau nichts erzählt, und als sie mich fragte, ob ich mir über etwas Sorgen mache, sagte ich nur: 'Nein, Liebling, alles in Ordnung.' Weil ich dachte: Wenn es bösartig ist, habe ich immer noch genügend Zeit, es ihr zu erzählen. Wenn es nichts ist, macht sie sich unnötig Sorgen.

Als dann die Ergebnisse kamen und ich ihr davon erzählte, musste ich ihr versprechen, so etwas nie wieder geheimzuhalten. Aber sie hat verstanden, dass ich sie nicht hintergehen, sondern beschützen wollte.

Thomas von Aquin hat es so beschrieben: Wenn ein Mörder mit einem Messer in der Hand in Ihr Haus kommt und fragt, wo Ihr Bruder ist, dann sagen Sie nicht, er schläft nebenan. Sondern: Er ist vor einer Stunde abgereist, und zwar in die und die Richtung.

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