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Behörden zum Ehec-Erreger:"Es sind die Sprossen"

Die Behörden sind sich sehr sicher: Sprossen haben die Ehec-Epidemie in Deutschland ausgelöst. Der endgültige Nachweis sei zwar nicht gelungen. Jedoch sei es durch Überprüfung der Lieferwege möglich gewesen, die Sprossen als Quelle einzugrenzen - der Verdacht konzentriert sich nun auf einen Biohof in Niedersachsen. Die Warnung vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate wird aufgehoben.

Eine letzte Gewissheit gibt es noch nicht, aber das Robert-Koch-Instituts (RKI) hat die Ursache der Ehec-Epidemie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Sprossen eingegrenzt. "Es sind die Sprossen", erklärte RKI-Präsident Reinhard Burger. Die Warnung vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate wurde gleichzeitig aufgehoben.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung, das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie das Robert-Koch-Institut kamen aufgrund einer neuen Studie zu diesen Schlüssen. Die Fachleute hatten demnach fünf Gruppen intensiv befragt, darunter Reisegruppen und Vereine. Von 112 Teilnehmern waren 19 nach einem gemeinsamen Restaurantbesuch erkrankt.

Anhand von Dokumenten wie Bestell- und Abrechnungslisten, Informationen von Köchen und schließlich anhand von Fotos, die Patienten von ihrem Essen gemacht hatten, ergaben: Kunden, die Sprossen verzehrt hatten, hatten ein fast neunfach höheres Risiko, an Ehec zu erkranken, als andere Kunden. Wie die "rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie" ergab, verzehrten fast 100 Prozent der Betroffenen die Sprossen. Insbesondere anhand der Fotos konnte belegt werden, dass auch Patienten, die sich nicht daran erinnern konnten, Sprossen verzehrt hatten. Für die früheren Studien hatten die RKI-Mitarbeiter zwar ebenfalls nach Sprossen gefragt. Offenbar hatten aber viele Betroffene keine Erinnerung mehr daran.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse erklärte Andreas Hensel vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR), Gurken, Tomaten und Salat sollten wieder verzehrt werden, da es sich "um gesunde Lebensmittel" handelt. Für Sprossen bleibe die Warnung bestehen und gelte solange, bis die mögliche Kontaminationsquelle abgeklärt sei, erklärte eine BfR-Sprecherin: "Wenn Verbraucher unbedingt weiterhin Sprossen verzehren möchten, sollten sie sie nicht im Rohzustand essen."

Die Bundesregierung zeigte sich erleichtert über diese Meldung: "Es ist ein gutes Signal für die Verbraucher, weil jetzt mehr Klarheit herrscht", sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in Berlin. Zwar könne noch keine Entwarnung gegeben werden, da noch mit weiteren Infektionen zu rechnen sei. Es bestehe aber "Anlass für berechtigten Optimismus." Ähnlich äußerte sich Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU).

Die neue Studie und die Verfolgung der Lieferwege von Lebensmitteln deuten stark auf eine Beteiligung des bereits in Verdacht geratenen Bauernhofs in Niedersachsen. Der Biohof in Bienenbüttel ist jetzt komplett gesperrt und darf kein Gemüse mehr in den Handel liefern, erklärte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU). Bisher galt das Verkaufsverbot nur für Sprossen. Der Betreiber habe aber bereits freiwillig seit Sonntag keine anderen Produkte mehr in Umlauf gebracht, sagte Lindemann.

Der Betrieb hatte Sprossen an etliche Restaurants und Kantinen geliefert, wo Menschen an Ehec erkrankt waren. Inzwischen, so erklärten die Experten in Berlin, konnte über diese Indizienketten eine Verbindung zwischen dem Betrieb und 26 Ausbruchsorten hergestellt wurden.

Der Nachweis des gefährlichen Erregertyps O104 in dem niedersächsischen Betrieb ist bislang nicht gelungen. Die etwa 90 Proben sind negativ ausgefallen. Die Analyse von mehreren hundert Proben - auch von den Feldern, dem Personal, von Trink- und Nutzwasser - stehen noch aus. Trotzdem sind die Experten sich sicher, dass der Hof "eine der wesentlichen Quellen" der Infektion ist, erklärte Andreas Hensel vom Bundesamt für Risikofolgenbewertung. Möglicherweise sind bereits alle verunreinigte Produkte komplett vom Hof verschwunden.

Da noch immer verunreinigte Sprossen im Handel sein könnten, bleibt die Warnung davor bestehen. Eine mögliche Quelle könnte auch das verwendete Sprossensaatgut sein. Deshalb kommen auch andere sprossenproduzierende Betriebe als mögliche Verteiler des gefährlichen Darmkeims infrage.

Die Warnung vor Gurken, Tomaten und Salat war zuvor aufgrund von Studien des Robert-Koch-Instituts und des Bundesamts für Risikobewertung ausgesprochen worden. Ehec-Patienten hatten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen diese Nahrungsmittel vor der Infektion besonders häufig verzehrt. Am 25. Mai hatte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) deshalb erstmals vor dem Verzehr dieser Nahrungsmittel im rohen Zustand gewarnt.

Zahl der Toten steigt

Die Schäden für die Gemüsebauern in Europa liegen schon bei mehr als einer Milliarde Euro, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, dem Fernsehsender Phoenix . Brüssel will den von der Ehec-Welle hart getroffenen Gemüsebauern in Europa 210 Millionen Euro Entschädigung bereitstellen, kündigte EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos am Mittwoch an. Die Bauern sollen damit 50 Prozent ihrer Verluste ersetzt bekommen.

Unterdessen steigt die Zahl der Toten durch den gefährlichen Darmkeim weiter an. Zwei Patienten aus Niedersachsen und einer aus Hessen starben nach Angaben der Behörden an den Folgen einer Infektion mit dem Ehec-Erreger. Damit sind bundesweit offenbar 29 Menschen gestorben. Das Robert-Koch-Institut hat die Zahl noch nicht bestätigt. Das Bundesinstitut zählt bislang noch 26 Todesopfer der Epidemie. Mehr als 2800 Menschen haben sich infiziert, mehr als 720 von ihnen leiden am schweren Verlauf der Krankheit mit Nierenversagen, dem HUS.

Hoffnung auf eine Abschwächung der Erkrankungswelle

Immerhin lasse die leicht sinkende Zahl der täglich gemeldeten Neuerkrankungen auf eine Abschwächung der Erkrankungswelle hoffen. Auch Bernhard Ruf, Chefarzt einer Leipziger Klinik für Infektiologie, zeigte sich in der ARD zuversichtlich, dass die Ehec-Epidemie in einigen Wochen durchgestanden ist. Solche Ausbrüche dauerten nicht ein halbes Jahr oder länger, sagte er.

Politiker wehren sich gegen Kritik

Angesichts der anhaltenden Kritik am Krisenmanagement hat Gesundheitsminister Bahr strukturell bedingte Probleme eingeräumt. "Ich will ja gar nicht sagen, dass die Kommunikation optimal gelaufen ist", sagte der FDP-Politiker im ZDF zu dem Vorwurf, von Landesgesundheitsministern verbreitete Meldungen über vermeintliche Ehec-Quellen hätten zur Verunsicherung der Menschen beigetragen.

Verwirrende Informationen seien jedoch vor allem von "selbsternannten Experten" in die Welt gebracht worden. Gegen diese habe er "gar nicht anarbeiten" können, betonte Bahr.

Er habe sich als Gesundheitsminister immer an das gehalten, was das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) empfohlen habe. Eine sofortige Diskussion über die auf Bund und Länder verteilten Zuständigkeiten für das Krisenmanagement lehnte er erneut ab. Die Strukturen hätten sehr gut funktioniert, über eine Verbesserung werde man nach der Epidemie sprechen.

Auch Verbraucherschutzministerin Aigner kündigte eine "Manöverkritik" an. Dabei werde es um die Frage gehen, wer künftig in ähnlichen Fällen nach außen spricht. Zwar habe sie sich nichts vorzuwerfen, dennoch sei "nichts so gut, dass man es nicht noch verbessern könnte", sagte Aigner dem Hamburger Abendblatt. Es gebe jedoch bereits klare Absprachen und eine klare Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern, sagte Aigner und wies zugleich Kritik am eigenen Umgang mit der Krise zurück. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", sagte die CSU-Politikerin und warf der Opposition vor, es "sich mit ihren billigen Sprüchen leicht" zu machen. Die Mitarbeiter des Verbraucherschutzministeriums und der zuständigen Behörden leisteten hervorragende Arbeit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lobte etwas zurückhaltend die "recht gute Zusammenarbeit" zwischen Bund und Ländern im Umgang mit der Epidemie. Nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder in Berlin hatte Merkel erklärt, die Lage sei kompliziert, da die Quelle der Erkrankungen noch nicht gefunden sei. Daran werde mit Hochdruck gearbeitet.

Dagegen forderte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der ZDF-Sendung Maybrit Illner die direkte Weitergabe von Klinik-Informationen an das RKI. Er hätte in dieser Situation sofort den Kliniken erlaubt, an das Robert-Koch-Institut elektronisch zu melden, sagte er und kritisierte damit den bislang vorgeschriebenen Informationsweg über die zuständigen Länderbehörden.

Für einen Wegfall föderaler Zuständigkeiten im Fall einer Epidemie plädierte auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst. Er wundere sich auch, sagte er in der Sendung, dass jedes Bundesland "vorprescht und verschiedene Theorien äußert". Wünschenswert wäre, dass es für so spezielle Fälle wie die Ehec-Epidemie eine Institution gäbe, die "den Föderalismus beiseitelässt" und alles Notwendige organisiere.

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