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Ehec-Erreger:Die Welt jagt ein Phantom

Die Quelle scheint mit Namen und Anschrift identifiziert zu sein: Gärtnerhof, Fichtenweg, Bienenbüttel. Ein Nest im Niemandsland soll ganz Europa verseucht haben, von einem Gartenbaubetrieb aus sollen die Ehec-Bakterien ihre todbringende Reise durch Deutschland und Europa angetreten haben. Doch Zweifel wachsen.

Von ungefähr 15 Uhr an kreist ein Hubschrauber über den Feldern am Ortsrand. Immer wieder fliegt er über den Gärtnerhof, versuchen Kameras aus der Luft Bilder einzufangen, die von der Straße aus nicht zu machen sind. Die Straße ist der Fichtenweg im niedersächsischen Bienenbüttel, eine Sackgasse, die am Ende in die Einfahrt zum Gärnterhof mündet. Das große Tor ist verschlossen, das rustikale Firmenschild aus schwerem Holz dient heute nur als Kulisse für ein groteskes Medienspektakel. Kamerateams aus Spanien, Frankreich und den USA haben sich im Fichtenweg mit ihren Übertragungswagen aufgebaut und senden live. Journalisten aus Belgien und den Niederlanden halten jeden Passanten an, der seinen Hund auf den Feldwegen Gassi führt. Irgendwann interviewen sich die Reporter gegenseitig.

Die Jagd nach dem Ehec-Erreger ist die Jagd auf ein Phantom, an diesem Montag vielleicht mehr denn je. Einen Tag nachdem das niedersächsische Landwirtschaftsministerium seine tiefe, allein durch die Analyse von Handelsverbindungen genährte Überzeugung öffentlich gemacht hat, dass die Bakterien ihre todbringende Reise durch Deutschland und Europa von diesem Gartenbaubetrieb aus Bienenbüttel im Landkreis Uelzen angetreten haben, scheint die Quelle mit Name und Anschrift identifiziert zu sein. Hier, hinter diesem Tor, Gärtnerhof, Fichtenweg, Bienenbüttel. Schon am Abend zuvor, staunt ein Anwohner, habe "eine kleine Völkerwanderung" eingesetzt zu dem Anwesen. Alle wollen sehen, wie so eine Ehec-Quelle aussieht. Zu sehen ist: nichts.

Seit 1978 züchtet der Biobetrieb eigenen Angaben zufolge unter anderem Sprossen. Das Saatgut dafür stammt aus vielen Ländern, in Niedersachsen werden die Keimlinge mit Wasser und Wärme aufgezogen, verpackt und an Zwischenhändler oder Endabnehmer wie Kantinen, Restaurants oder Reformhäuser geliefert. Im Internet hat der Gärtnerhof Stellung genommen zu den Vorwürfen der Landesbehörde, seine Produkte seien wohl hauptverantwortlich für mehr als zwanzig Todesfälle. "Erschüttert und schockiert" sei sie, schreibt die Geschäftsführung, noch nie sei irgendetwas an ihren Sprossen zu beanstanden gewesen. Vor zwei Wochen habe das Unternehmen selbst Proben genommen, als die Ehec-Panik begann: negativ. Jetzt wurde die Ware zurückgerufen, der Gärtnerhof schottet sich ab.

Das war's. All die internationalen Medien, die die heiße Story erzählen wollen, von einem Nest im Niemandsland, das ganz Europa verseucht haben soll, stehen sich vor dem Tor die Beine in den Bauch. Ein Wachdienst patrouilliert mit sechs Männern über das weitläufige Gelände und passt auf, dass niemand über den Zaun steigt. An den Telefonen des Betriebs sind Anrufbeantworter geklemmt. Interviews, heißt es, werde es keine geben.

Das Phantom Ehec bleibt unsichtbar, auch für die modernsten Kameras. Bienenbüttel wundert sich über den Auftrieb, schon morgens um fünf stellten Techniker die ersten Satellitenschüsseln auf. Mittags drücken Anwohner im Ort ihre Sorge aus, die eher dem Betrieb gilt als dem Erreger: Der Gärtnerhof, ein Familienbetrieb mit rund 15 Angestellten, "ist ja wohl erledigt, davon erholen die sich doch nie mehr", sagt ein Nachbar des Betriebs. Und ein anderer, dessen Grundstück direkt an den gesperrten Hof grenzt, gibt zu bedenken: "Wenn das mal nicht alles einen Tag zu früh war." Er fühlt sich bestätigt, als am Nachmittag die ersten Laborergebnisse eintrudeln - alle sind negativ.

Bienenbütteler Sprossen stehen jetzt in einer Reihe mit Tomaten und Blattsalat, mit spanischen Gurken, mit Biogasanlagen, dem Hamburger Hafengeburtstag und Bioterroristen. Das alles waren Spekulationen, woher die tödlichen Bakterien stammen könnten. Im Fichtenweg keimt der Zweifel, ob es die letzte Theorie bleiben wird.