Ehec-Epidemie:Was vom Leiden übrig blieb

Vor zwei Monaten erkrankte der vorerst letzte Patient an Ehec - dann war die Epidemie vorbei. 3050 Fälle wurden registriert, 52 Menschen starben. Bei etlichen Patienten war die Infektion auf das Gehirn geschlagen. Wie geht es den Überlebenden heute?

Christina Berndt

Seit zwei Monaten ist der Spuk vorbei. Am 7. Juli erkrankte der vorerst letzte Patient in Deutschland an Ehec vom Typ O104:H4. Damit waren 3050 Menschen dieser aggressiven Variante eines eigentlich harmlosen Darmbakteriums zum Opfer gefallen, wie das Robert-Koch-Institut zusammenzählt. 52 Betroffene starben.

Pflegekräfte auf Intensivstation mit EHEC-Patienten

Behandlung eines Ehec-Patienten auf der Internistischen Intensivstation des Universitätskrankenhauses Schleswig-Holstein in Lübeck im Juni 2011.

(Foto: dpa)

Die Epidemie verlief nicht nur mit Blick auf die hohe Zahl der Toten ungewöhnlich schwer. Viele Patienten, nämlich rund 850, erlitten zudem die lebensbedrohliche Komplikation HUS, bei der sich eine Blutarmut entwickelt und die Nieren nicht mehr richtig arbeiten. Bei mehr als jedem zweiten Betroffenen schlug die Infektion zudem auf das Gehirn: Sprachstörungen traten auf, Halluzinationen, Angstzustände oder auch Krampfanfälle.

"Die Häufigkeit und der Schweregrad der Komplikationen überraschte uns alle", resümiert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst, im Vorfeld eines Ehec-Symposiums am Freitag in Berlin, in dessen Verlauf die Epidemie aufgearbeitet werden soll.

Heute aber geht es den Patienten besser als erwartet. Erste Analysen zeigen, dass weniger Spätfolgen geblieben sind, als dies Ärzte auf dem Höhepunkt der Epidemie befürchtet haben. "Wir sind im Sinne unserer Patienten ausgesprochen zufrieden", sagt Rolf Stahl, Nierenspezialist am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. So haben sich die Veränderungen am Gehirn bei fast allen Betroffenen zurückgebildet.

Der Nephrologe Jan Kielstein, der an der Medizinischen Hochschule Hannover viele Ehec-Kranke betreute, schätzt die Gesamtzahl der Patienten, die noch unter neurologischen Auffälligkeiten leiden, auf 20 bis 30. "Von diesen klagen viele über Einschränkungen der Merkfähigkeit", sagt er.

Die Patienten sind also glimpflich davongekommen, wenn man bedenkt, dass manche von ihnen Wortfindungsstörungen bei Begriffen hatten, mit denen sie täglich umgehen - wie die Richterin, der das Wort Gericht nicht mehr einfiel; ein anderer Patient erkannte Zahnbürste und Zahnpasta, wusste aber nicht mehr, was er mit beidem anfangen sollte.

Auch die Nieren der allermeisten Betroffenen arbeiten wieder normal. "Akut waren etwa zwei Drittel der HUS-Patienten dialysepflichtig", sagt Jan Kielstein. "Bei der Entlassung waren es dann weniger als fünf Prozent." Auch von diesen würden sich noch viele erholen. Auf Dauer werde wahrscheinlich kein Patient auf die Dialyse angewiesen bleiben und wohl auch keine Nierentransplantation nötig sein, ergänzt Nephrologen-Präsident Brunkhorst. Frühere Alarmmeldungen, der Bedarf an Spendernieren steige infolge von Ehec erheblich, waren offenbar voreilig.

Der Erfolg der Ärzte geht gewiss zum Teil auf ihren großen Einsatz während der Ehec-Krise zurück. Aber durchaus auch auf Glück. Denn eigentlich wussten die Ärzte nicht so recht, wie sie ihre Patienten behandeln sollten. Schließlich war bei dieser Ehec-Welle fast alles anders als bei früheren Ausbrüchen.

So macht O104:H4 ungewöhnlicherweise vor allem Erwachsene krank und nicht, wie andere Ehec-Bakterien, überwiegend Kinder. Die Komplikation HUS war deshalb bisher bei Erwachsenen so selten vorgekommen, dass es keine fundierten Therapieempfehlungen gab. "Die Behandlungen wurden letztlich als Heilversuche im Rahmen einer Notfall-Therapie durchgeführt", sagt Brunkhorst.

So setzten die Ärzte auf mehr oder weniger experimentelle Ansätze, darunter einen Antikörper namens Eculizumab. Er sollte - ebenso wie verschiedene Formen der Blutwäsche, die genutzt wurden - aggressive Immunstoffe aus dem Blut der Patienten abfangen. Ärzten war aufgefallen, dass die neurologischen Symptome oft erst auftraten, wenn sich die Blutwerte der Patienten längst wieder gebessert hatten. Womöglich verursachten die Stoffe, die ihr eigenes Immunsystem im Kampf gegen O104:H4 bildete, im Gehirn einen Kollateralschaden.

Überraschende Erfolge

Im Einzelfall verbuchten die Ärzte mit ihren Heilversuchen überraschende Erfolge. So berichteten Mediziner aus Greifswald und Hannover am Montag gemeinsam, wie sie zwölf Patienten, die unter besonders schweren neurologischen Problemen litten, mit einer besonderen Form von Blutwäsche behandelten, der Immunabsorption (Lancet, online).

"Das Ergebnis war mitunter extrem eindrucksvoll", sagt Jan Kielstein. Er erzählt von Patienten, die bereits tagelang im Koma lagen und nach der Blutwäsche plötzlich die Augen aufschlugen. "Aber bei aller Euphorie muss man die Wissenschaftlichkeit im Auge behalten", betont Kielstein. Es handele sich eben nur um einzelne Beobachtungen, die keine generalisierende Aussage zuließen, wie dies nur gut geplante klinische Studien vermögen.

Welche Strategie am Ende die beste gegen O104:H4 ist, wird deshalb wohl auch nach Auswertung aller Daten unklar bleiben. Es sei auch gut möglich, dass viel von den Heilungserfolgen auf die Patienten selbst zurückgehe, sagt Reinhard Brunkhorst: "Offenbar sind die Selbstheilungskräfte des Körpers gegen O104:H4 sehr stark, wenn die akute Phase erst einmal überstanden ist."

So sind bei den Überlebenden heute vor allem die Wunden an der Seele noch nicht verheilt. "Für die meisten Patienten war Ehec eine einschneidende psychische Erfahrung", sagt Jan Kielstein. "Viele haben die körperlichen Folgen als schlimmer und bedrohlicher empfunden, als dies in vergleichbaren Situationen üblich ist." Womöglich, spekuliert er, hängt dies auch mit den bislang unerklärlichen und beängstigenden Veränderungen zusammen, die der Erreger im Gehirn verursacht.

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