Ehec: Die Spur des Bakteriums:Behörden geraten in Bedrängnis

Könnten Menschen in einem Restaurant in Lübeck mit dem Ehec-Erreger in Kontakt geraten sein? Fieberhaft wird nach der Spur des gefährlichen Bakteriums gefahndet, zugleich wächst die Kritik an der Arbeit der zuständigen Ämter. Gesundheitsminister Bahr räumt derweil Engpässe in einigen Krankenhäusern ein - bei der Versorgung der Patienten herrsche eine "angespannte Lage".

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat Engpässe in einigen Krankenhäusern wegen des Ehec-Erregers eingeräumt. "Wir haben bei der Krankenversorgung eine angespannte Lage", sagte Bahr der Bild am Sonntag (Onlineausgabe). Man könne dies aber bewältigen, indem fehlende Kapazitäten - etwa in den Städten Hamburg und Bremen - durch freie Plätze in den umliegenden Krankenhäusern ausgeglichen würden.

EHEC-Spur fuehrt nach Luebeck

Mehrere Personen zweier unterschiedlicher Besuchergruppen sollen sich in einer Gaststätte in Lübeck angesteckt haben.

(Foto: dapd)

Bahr will am Sonntag das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf besuchen. Der FDP-Politiker will sich einen Überblick über die Versorgung von Ehec- und HUS-Patienten verschaffen.

Die Bild am Sonntag berichtet zudem, allerdings ohne Angaben von Quellen, dass es am kommenden Mittwoch einen EHEC-Krisengipfel geben soll, an dem Bundesverbraucherschutzministern Ilse Aigner (CSU) und alle Gesundheits- und Verbraucherschutzministern der Länder teilnähmen.

Bundesweit gibt es inzwischen rund 2500 Menschen, bei denen der Durchfallerreger EHEC vermutet wird oder bereits nachgewiesen wurde.

Allein in Niedersachsen wurden am Samstag 458 Fälle und Verdachtsfälle gezählt - 40 mehr als am Vortag. Mindestens 520 Patienten leiden im ganzen Land an dem lebensgefährlichen HU-Syndrom (HUS). In Deutschland sind mindestens 18 Menschen bereits an der Krankheit gestorben.

17 Patienten hätten sich möglicherweise in einer Gaststätte in Lübeck infiziert, berichteten die Lübecker Nachrichten unter Berufung auf das Kieler Verbraucherschutzministerium.

Später ruderte das Ministerium jedoch wieder zurück und bezeichnete den Bericht als überzogen. "Wir haben keine heiße Spur", sagte ein Ministeriumssprecher. Untersuchungsergebnisse des zuständigen Robert-Koch-Instituts (RKI) lägen bislang nicht vor. Eine RKI-Sprecherin bestätigte, dass ein Team zu Kontrollen in Lübeck war.

Bei drei Gruppen, die in demselben Restaurant gegessen haben, sind später Ehec-Fälle aufgetreten. Laut Lübecker Nachrichten sollen sich mehrere Teilnehmer einer dänischen Besuchergruppe in dem Lokal infiziert haben. Auch 30 Frauen einer Gewerkschaft hatten das Lokal Mitte Mai besucht. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, sagte der Zeitung: "Bislang wissen wir von acht, teilweise sehr schweren Fällen. Eine Teilnehmerin aus Nordrhein-Westfalen ist verstorben." Zwei Frauen sind schwer erkrankt. Außerdem soll eine Familie betroffen sein, die dort gespeist hat. Nach Angaben des Lokalinhabers sei unter anderem Steak und Salat serviert worden.

Außerdem erklärte er, in seiner Gaststätte seien keine Erreger festgestellt worden. "Unsere Leute essen ja dasselbe. Und keiner von unseren Mitarbeitern ist krank." Dies betonte auch der Küchenchef. Sie äßen auch Salate und litten nicht unter Durchfall. Der Inhaber schloss nicht aus, dass eine Charge seines Lieferanten mit EHEC-Keimen belastet gewesen sein könnte. Er beziehe die Ware für das Lokal und zwei weitere Gaststätten von einem Zwischenhändler aus Mölln in Schleswig-Holstein, der wiederum von einem Hamburger Großhändler beliefert werde. Das Kieler Verbraucherschutzministerium sieht in dem Lokal bislang "keine heiße Spur", wie Ministeriumssprecher Christian Seyfert sagte.

Vermutungen, nach denen Großveranstaltungen wie der Hamburger Hafengeburtstag als Ausbreitungsort für die Ehec-Welle infrage kommen, wiesen Gesundheitsbehörden unterdessen zurück. Die Hamburger Gesundheitsbehörde berichtete auf Nachfrage, RKI-Experten hätten bereits vor zehn Tagen das Hafenfest als Auslöser der Ehec-Welle ausgeschlossen.

Auch das RKI betonte, "Pressemeldungen, wonach Ehec-Infektionen mit Großveranstaltungen in Verbindung gebracht werden, decken sich nicht mit den Erkenntnissen des RKI und stehen im Widerspruch zu dem epidemiologischen Profil des Ausbruchs".

"Das reicht nicht"

Derweil ist unter Wissenschaftlern Streit über das Krisenmanagement ausgebrochen. Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité kritisierte die Arbeit des RKI. Das Universitätsklinikum habe erst in dieser Woche Fragebögen für die Patienten bekommen, sagte Ulrich Frei dem Tagesspiegel. "Das reicht nicht. Man hätte die Patienten interviewen sollen."

Es sei zudem nicht erkennbar, was das RKI erarbeite. "Wir brauchen eine bessere Informationspolitik", forderte Frei. Dass sich der Ehec-Erreger seit Anfang Mai ausbreite, außer Gurken aus Spanien aber keine mögliche Quelle ermittelt worden sei, mache ihn unruhig.

Laut Tagesspiegel wies eine RKI-Sprecherin die Vorwürfe zurück. Das Institut habe nach Ausbruch des Darmkeims zügig reagiert.

EU will helfen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte die Einrichtung eines zentralen Ehec-Krisenstabs im Bundesgesundheitsministerium. Bislang seien die Zuständigkeit etwa zwischen Gesundheitsämtern, Kliniken und dem Robert-Koch-Institut nicht klar genug geregelt, sagte Lauterbach der in Berlin erscheinenden BZ am Sonntag.

EHEC-Untersuchungen in Lübeck

Mehrere Personen zweier unterschiedlicher Besuchergruppen sollen sich in einer Gaststätte in Lübeck angesteckt haben.

(Foto: dpa)

Die EU-Kommission will Deutschland bei der Suche nach dem Ehec-Ausbruchsort helfen und künftig stärker zusammenarbeiten. EU-Gesundheitskommissar John Dalli bot an, EU-Experten zu schicken. Sie könnten "den kompetenten deutschen Behörden" bei der Suche nach dem Ursprung der Infektion helfen - "Ergebnisse überprüfen und zu den fortlaufenden Untersuchungen beitragen, um die Identifizierung der Quelle zu beschleunigen".

Außerdem soll eine eigene Ehec-Internetplattform auf die Beine gestellt werden, über die Behörden gezielt Informationen austauschen können. Unter anderem sollen zudem Hinweise auf Behandlungsformen vom RKI ins Englische übersetzt und den EU-Staaten zur Verfügung gestellt werden.

Die Epidemie soll an diesem Montag auch eines der Themen beim Treffen der EU-Gesundheitsminister in Luxemburg werden.

Bei der Einfuhr in die USA werden aus Sicherheitsgründen Tomaten, Gurken und Salat aus Deutschland und Spanien streng kontrolliert. Russland hatte den Import von Gemüse aus der EU komplett gestoppt.

In Italien gibt es mittlerweile einen ersten Ehec-Verdachtsfall. Ein deutscher Tourist leide an einer schweren Durchfallerkrankung. Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation gibt es Ehec-Infektionen zudem in Österreich, Tschechien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien und den USA. Von den meisten Patienten ist bekannt, dass sie zuvor in Deutschland waren.

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