Edelmetalle:Im Regenwald hinterlassen die Goldgräber toxische Wüsten

Neben dem Giftausstoß schädigt der unkontrollierte Goldabbau die Umwelt auch durch großflächige Grabungen, betont Ismawati: "Verlust von fruchtbaren Böden, Erdrutsche, Entwaldung, Wüstenbildung und die Anreicherung von Quecksilber in der Atmosphäre sind irreversible Schäden, die länger als ein Jahrhundert fortbestehen werden."

Auch in Peru, wo der gesamte Bergbausektor in den frühen 90er Jahren einen Boom erlebte, kam es - vor allem im Amazonasgebiet - zu einem regelrechten Goldrausch. Laut der NGO Amazon Aid landen noch immer jedes Jahr bis zu 40 Tonnen Quecksilber im Amazonas. In den Flussniederungen in Südostperu halten sich Betreiber und Goldwäscher noch nicht einmal an die im Land geltenden Mindeststandards für den Einsatz giftiger Substanzen. Auch scheren sich die Schürfer nicht darum, ob sie mit ihren Grabungen gerade ein Stück Regenwald unwiederbringlich zerstören. Zurück bleiben nur toxische Wüsten. Da sich das an den Oberläufen der Flüsse abspielt, wird das gesamte Amazonassystem beeinflusst. Mehr als 50 000 Hektar Regenwald wurden so in den letzten Jahren zerstört.

In Peru ist der Goldabbau kein Bergbau im eigentlichen Sinne, sondern ein "Waschen" von Flusssedimenten - zum Teil mit großen Maschinen, den sogenannten dragas. Vor allem in Flussablagerungen wie im Amazonasgebiet ist diese Methode weit verbreitet; aufgrund der hohen Dichte des Edelmetalls setzt sich das Gold schneller ab als der Sand und kann so abgetrennt werden. In Reinform ist diese Methode andernorts eher selten, zu viele Nachteile birgt sie für die Goldsucher: Sie ist zeitintensiv und die Ausbeute ist geringer als bei der Amalgamation unter Verwendung von Quecksilber.

Wie schlimm die Folgen der Goldgewinnung für Mensch und Natur tatsächlich sind, hängt auch von der Art der Goldverarbeitung und vor allem vom Quecksilbereinsatz ab. "Gutes Gold", sagt Christof Schenck, Biologe und Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, "wird legal und unter strengen Umwelt- und Sozialstandards gewonnen und schafft zudem Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für Landschaftseinflüsse." In Südamerika gibt es inzwischen die ersten Goldproduktionsstätten, die mit dem Fairtrade-Gütesiegel ausgezeichnet wurden. Dafür müssen sie eine Reihe von Kriterien erfüllen, zu denen geregelte Arbeitsbedingungen und Versicherungsschutz sowie die Einhaltung von Umweltauflagen gehören. Allerdings erlaubt Fairtrade unter Beachtung bestimmter Vergabebedingungen und Anwendungsbeschränkungen auch einen reduzierten Einsatz von Quecksilber und Zyanid. In einem aufwendigen Destillationsverfahren wird das Quecksilber jedoch immer wieder für den Produktionsprozess zurückgewonnen. Eine ebenfalls vergleichsweise umweltfreundliche Methode der Goldgewinnung ist das Borax-Verfahren, das vereinzelt auch im Kleinbergbau auf den Philippinen angewandt wird. Hierbei wird dem Goldsand Natriumborat beigemischt. So wird der Schmelzpunkt der Masse gesenkt und der Schmelzvorgang, bei dem sich das Gold am Grund des Tiegels absetzt, während die Gesteinsmaterialien nach oben steigen, erfordert weniger Energie.

Doch wie lässt sich herausfinden, unter welchen Bedingungen beispielsweise Goldschmuck produziert wurde? Den Goldpfad von der Produktion bis zum Konsum zu verfolgen, ist durch die Vielzahl der beteiligten Akteure extrem schwierig. "Wird Gold aus verschiedenen Quellen auf den Handelswegen zusammengeführt, und das beginnt schon bei den örtlichen Aufkäufern, ist keine Verfolgung der Herkunft, der Gewinnungsmethoden oder der Gesetzestreue mehr möglich", betont Christof Schenck. "Schon gar nicht bei den großen Goldaufbereitungsanlagen, zum Beispiel in der Schweiz. Anders als bei manchen Metallen, etwa Coltan, gibt es kein fingerprinting." So wird ein forensischer Nachweis bezeichnet, bei dem chemische und mineralogische Parameter den geografischen Ursprung von mineralischen Rohstoffen eindeutig lokalisieren und somit auch illegale Lieferungen aus möglichen Konfliktregionen, aber auch Schutzzonen im tropischen Regenwald identifiziert werden können. Diese Methode ist allerdings sehr aufwendig und teuer und deshalb noch wenig verbreitet. Dazu kommen die langen, unübersichtlichen Lieferketten und das fehlende Interesse der meisten internationalen Firmen, diese zu überprüfen.

In den letzten zehn Jahren ihrer Recherchen im Gold-Kleinbergbau konnte Wissenschaftlerin Yuyun Ismawati beobachten, welche Akteure am meisten von dem Geschäft profitieren: Kapitalgeber, im Geheimen agierende Investoren, Transportunternehmer, Quecksilber- und Chemikalienhändler und letztendlich auch die Nettogoldkäufer, also die Zentralbanken. "Vor allem in Konflikt- oder Krisenregionen, wie zum Beispiel im Kongo oder in manchen südamerikanischen Ländern, in denen der Kleinbergbau von Drogendealern oder von Milizen organisiert wird, ist völlig unklar, wer die Goldkäufer sind", so Ismawati.

Experten sind sich einig, dass Alternativen zum gängigen Produktionsmodell möglich sind. "Es gibt in der Tat für Mensch und Natur unbedenklichere Herstellungsmethoden, wie beispielsweise das Goldwaschen ohne Chemikalien, das auf rein mechanischen Prozessen beruht", so Ismawati. Allerdings müsste das Verfahren genauestens geplant und stetig vor Ort kontrolliert werden, da für diese Prozesse etwa nur eine bestimmte Art Golderz verarbeitet werden könne. Derartige Alternativen sind jedoch dringend notwendig, denn: "Die größten Gold- und Mineralienvorräte der Welt werden bereits von großen Bergbaufirmen ausgebeutet - und die restlichen Vorkommen liegen in Naturschutzgebieten und auf den Gebieten indigener Völker", betont Ismawati. Im Grunde aber wäre es das Beste, gleich bei der treibenden Kraft dahinter anzusetzen: "Wir sollten endlich aufhören, in der Erde zu schaben, und stattdessen lernen, Gier und Konsum besser ins Gleichgewicht zu bringen."

Es ist ein Elfenbeinturmwunsch. Die junge Goldwäscherin Amanda Santos und ihre achtköpfige Familie am unteren Ende der Lieferkette sehen keine Alternative: "Unser tägliches Überleben hängt vom Gold ab."

© SZ.de/chrb
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