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DNS-Test zur Identifizierung Bin Ladens:Ein bisschen Platz für Verschwörungstheorien

Lesezeit: 2 min

Anhand seines Erbguts wollen die USA Bin Laden identifiziert haben. Doch womit wurde seine Probe verglichen? Und überhaupt: DNS-Vergleiche liefern lediglich eine Wahrscheinlichkeit. Wie aussagekräftig ist der vermeintliche Todesbeweis?

Christina Berndt

Man muss nicht wie Robert Alan Goldberg Experte für Verschwörungstheorien sein, um Gerüchte zum Tod Osama bin Ladens voraussehen zu können. "Es wird einige Tumulte um die Frage geben, ob Bin Laden wirklich tot ist", prophezeit der Geschichtsprofessor Goldberg, der ein Buch über Verschwörungstheorien geschrieben hat.

Allerorten keimen angesichts fehlender Beweisfotos bereits Zweifel an der Darstellung der US-Regierung auf - nicht nur in einer Erklärung der Taliban im Internet. Auch manche Genetiker säen sie.

Blutsverwandte gibt es zuhauf

Die US-Regierung gibt sich sicher: Eine der Ehefrauen soll den Erschossenen vor seinem Tod noch Osama gerufen haben, moderne Gesichtserkennungsmethoden hätten ihn als den Al-Qaida-Führer identifiziert, seine für pakistanische Verhältnisse erstaunliche Körpergröße von 1,93 Meter dürfte auch dazu beigetragen haben - und schließlich der Test seiner DNS, der der US-Regierung zufolge "99,9-prozentige Sicherheit" geliefert habe.

Aber wie kommen die USA überhaupt an DNS-Proben, die eine solche Aussage erlauben?

Da die Erbsubstanz bisher nicht auf Mikrofilm im Reisepass gespeichert ist, lässt sich ein Verstorbener immer nur per DNS-Vergleich identifizieren - entweder mit einer eigenen Probe aus früheren Zeiten oder mit der eines Angehörigen.

Nun gibt es Blutsverwandte von Osama bin Laden zuhauf: Auf etwa 50 Halbgeschwister bringt es der gebürtige Saudi dank seines polygamen Vaters, er selbst hat mit fünf Frauen 24 Kinder gezeugt. Vollgeschwister allerdings hat Bin Laden keine - und das mache eine DNS-Identifizierung mit einer Sicherheit von 99,9 Prozent schwierig, sagen Experten.

Wenn die DNS eines Halbgeschwisters zum Abgleich verwendet werde, liege die Beweiskraft der üblichen Tests nur bei gut 90 Prozent, sagt etwa die forensische Genetikerin Rhonda Roby, die die Identifizierung der Opfer nach den Anschlägen vom 11. September 2001 leitete. Proben mehrerer Halbgeschwister würden die Gewissheit zwar vergrößern, aber 99,9 Prozent lieferte bei den etablierten Verfahren nur die DNS des Verstorbenen selbst oder seiner Verwandten ersten Grades - also die von Eltern, Vollgeschwistern oder leiblichen Kindern.

Das Erbgut "verschiedener Verwandter" habe geholfen, ließ die US-Regierung nur verlauten. Um wen es sich handelte, sagte sie nicht.

US-Medien berichteten zwar, es sei Gehirnmaterial einer Halbschwester verwendet worden, die vor einem Jahr im Massachusetts General Hospital an einem Hirntumor gestorben ist. Eine Kliniksprecherin wies dies jedoch zurück: "Es gibt nicht einmal einen Beleg dafür, dass sie überhaupt hier war", sagte sie.

Tatsächlich aber scheinen die USA schon seit 2001 Erbgutproben von Bin Ladens Verwandtschaft zu sammeln. Viele seiner Halbgeschwister gelobten, bei der Suche nach ihrem Halbbruder zu helfen.

Um Verwandtschaftsverhältnisse aufzudecken, nutzen Genetiker jene winzigen Abweichungen im Erbgut, die einen Menschen einzigartig machen. Denn der allergrößte Teil der DNS ist bei allen Menschen nahezu identisch, vor allem die wichtigen Gene.

In den Bereichen dazwischen aber gibt es immer wieder Regionen, in denen kleine Veränderungen häufig sind. Je näher zwei Menschen verwandt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese Veränderungen identisch sind. Üblicherweise vergleichen Genetiker 13 bis 16 solcher Regionen, was, wie von Fachleuten jetzt beklagt, nur bei Verwandten ersten Grades höchste Sicherheit liefert. Es gibt aber mehrere Millionen solcher Veränderungen im Erbgut.

Nur eines ist sicher

Moderne Analysen der genomweiten Sequenzierung könnten auf einen Schlag bis zu 15 Millionen davon vergleichen, sagt Arne Pfeufer, Humangenetiker am Helmholtz-Zentrum München. So ließe sich der Tod Bin Ladens auch schon mit einem Halbgeschwister zu mehr als 99,9 Prozent absichern, wenngleich solche Tests in Hubschraubern oder auf Flugzeugträgern schon eine außergewöhnliche Ausstattung erforderten. Auch erscheinen die wenigen Stunden knapp, die die USA nach dem Gefecht von Abbottabad bis zur Verkündung des DNS-Testergebnisses verstreichen ließen.

Oder besitzen die USA doch eine Blutprobe von Bin Laden selbst, der sich angeblich 2001 noch in einem amerikanischen Krankenhaus in Dubai behandeln ließ?

Nur eines ist wirklich sicher: Immer liefern DNS-Vergleiche lediglich eine Wahrscheinlichkeit. Ein bisschen Platz für Verschwörungstheorien bleibt so in jedem Fall.

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Quelle:
SZ vom 06.05.2011
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